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Das Jahr der Wahrheit
Gideon Levy, 31.12.10,
Dies war (auch) ein gutes Jahr –
das Jahr der Wahrheit. Das Jahr, das heute Nacht
mit einem Kuss zu Ende geht, war das Jahr, in dem
die israelische Maskerade-Partie endete, das Jahr,
in dem die Verkleidung weggerissen wurde und die
Wahrheit herauskam. Das wahre Gesicht wurde
aufgedeckt. Dies war das Jahr, in dem wir uns
endlich outeten – und keine süßlichen Phrasen und
hohle Reden über Gerechtigkeit und Gleichheit von
uns gaben, keine blumigen und oberflächlichen Worte
über Frieden und zwei Staaten. In diesem Jahr wurde
die Wahrheit in der Öffentlichkeit gehört, ja sie
erklang laut und klar von einem Ende des Landes zum
anderen, besorgniserregend und deprimierend.
Keiner spricht mehr über Frieden;
wir setzen sogar den „Friedensprozess“ in
Anführungsstriche in diesem Jahr und machen uns über
ihn lustig, wie er es verdient. Alles was in diesem
Jahr vom Frieden übrig geblieben ist, ist der
US-Sonderbotschafter George Mitchell. Und nichts
bleibt von der Zwei-Staaten-Vision des
Ministerpräsidenten oder der Mehrheit der Umfragen:
Dieses Jahr sagt die israelische Regierung nein,
sogar zum vorübergehenden Einfrieren des
Siedlungsbaus - und die Israelis sagen nichts.
Nach diesem Jahr der Wahrheit
wird keiner in der Lage sein, ernsthaft zu
behaupten, dass Israel mit den Palästinensern
Frieden sucht oder mit den Syrern, die von Frieden
sprachen, deren Anfragen aber unbeantwortet blieben.
Alle Ausreden haben ihren Wert verloren.
Palästinensischer Terror hat aufgehört und so gibt
es wenigstens einen halben Partner, der moderater
als der andere ist. Noch bleiben wir bei unseren
Positionen. Die Wahrheit schreit hinaus: Die
Israelis wünschen wirklich keinen Frieden, sie
wollen lieber Immobilien.
Die interne Arbeitsweise der
israelischen Gesellschaft ist auch entlarvt worden.
Das Erscheinungsbild einer toleranten,
demokratischen und egalitären Gesellschaft ist
plötzlich durch ein authentisches Portrait ersetzt
worden, eines, das erschreckend nationalistisch und
rassistisch ist. Rabbiner und ihre Frauen,
Bürgermeister und Parlamentarier sangen alle in
einem misstönenden Chor: Nein gegenüber Arabern,
nein gegenüber Fremden. In den Jahren, die diesem
Jahr der Wahrheit vorausgingen, wurden Rassisten
gewöhnlich exkommuniziert.
In diesem Jahr der Wahrheit
sagten wir unverfroren, dass Meir Kahane recht
hatte. Fast die
Hälfte der Israelis ist gegen das
Vermieten von Wohnungen an Araber; mehr als die
Hälfte ist für einen Treueeid gegenüber dem Staat;
die Frauen der Rabbiner schließen sich ihren Männern
an und rufen die anständigen Töchter Israels dazu
auf, nicht mit Arabern auszugehen; ein
Knessetmitglied sagt, dass jene, die „Infiltratoren“
als Fremdarbeiter oder Kriegsflüchtlinge
hereinschmuggeln …. in den Kopf geschossen werden
soll; und einer seiner Kollegen klagte die Russen an
wegen israelischer Trinkgewohnheiten.
Mittlerweile schlugen wir ein
Gesetz vor, das dazu aufruft, Ausländer, die Israel
kritisieren, aber hierher zu Besuch kommen,
auszuweisen; der Schuldirektor einer Schule in Jaffa
verbietet seinen Schülern arabisch zu sprechen, ein
Aktivist gegen die Besatzung wurde verhaftet, weil
er an einer Fahrradprotesttour teilgenommen hatte,
und ein Menschenrechtsaktivist der Beduinen wurde
längere Zeit verhaftet, weil er die Straftat
begangen habe, illegal eine Autowerkstatt zu führen.
Das sind die Berichte über nur
einen Tag im Leben des Landes im letzteren Teil
dieses verfluchten Jahres. Solche Berichte werden
uns fast täglich ins Gesicht geworfen. Der Ausländer
verbreitet Krankheiten und Verbrechen und der
arabische Student will uns enterben mit dem Preis
einer Zwei-Zimmer-Mietwohnung. Wir hielten auch
Einschüchterungs-kampagnen ab und säten Angst vor
dem anderen, dem Fremden, was den meisten
fragwürdigen Regimen der Vergangenheit keine Schande
gemacht hätte. Wir hatten erbärmliche
Demonstrationen gegen Flüchtlinge und Araber mit der
Ermutigung von Teilen des Establishments und dem
Schweigen der anderen, aus dem man nur eines hören
kann – einen Ton der Arroganz und des Nationalismus.
Dies war auch das Jahr von
Yisrael Beiteinu’s Avigdor Lieberman, nicht mehr
ein Wolf im Schafspelz, sondern ein
Nachbarschaftsrüpel, dem die Folgen völlig
gleichgültig sind. Ein Versuch, die Krise mit der
Türkei zu entschärfen und dann - bum! – ein Schlag
gegen den Kopf. Anstelle der nie endenden
Friedensreden von Präsident Shimon Peres schlägt
dieses Jahr der Außenminister wiederholt der ganzen
Welt ins Gesicht. Nicht nur Kahane hatte Recht; auch
Lieberman. Er spricht die Wahrheit, die Wahrheit
über Israel.
Zum Desinfizieren gibt es nichts
besseres als die Sonne, dies war also ein relativ
gutes Jahr. Vielleicht ist es genau diese Flut
fragwürdiger nationalistischer Gefühle aus den
Tiefen der Seele, die seit Jahren latent vorhanden
waren, die endlich die schlafende Nation zur Aktion
aufwecken. Vielleicht wird nach diesem Jahr (2010)
die anders denkende Minderheit endlich die Augen
öffnen. Vielleicht werden sie aber erst dann
verstehen, wenn die Flammen rund um uns stehen,
dass dies nicht die Gesellschaft ist, in der wir
leben wollen. Und vielleicht wird auch die Welt
endlich verstehen, die in all dies mit verwickelt
ist.
Wenn heute an Sylvester um
Mitternacht der französische Champagner wie Wasser
fließt und die französischen Küsse auf dem Mund
unserer Angehörigen gewährt werden – vielleicht
beginnen wir zu verstehen, dass das nächste Jahr ein
schicksalhaftes Jahr werden wird. Es wird das letzte
Jahr sein, in dem noch etwas gerettet werden kann.
Falls ein Wunder geschieht und dies tatsächlich
geschieht, werden wir für das vergangene Jahr
dankbar sein - es war das Jahr der Wahrheit für
Israel.
(dt. Ellen Rohlfs)
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