Die israelische Presse
zensiert die Wahrheit weg
Gideon Levy
Wir trafen uns in
dieser Woche in Eilat zu unserer
Jahreskonferenz; nehmen wir sie auch als
Gewissensprüfung. Es gibt viele Gründe stolz zu
sein über das, was wir schreiben, über das, was
im Radio verbreitet, aufdeckt und zum Ausdruck
gebracht wird. Nicht überall kannst du solch
eine dynamische Presse oder eine solch freie
Presse finden. Aber, Freunde, diese Freiheit ist
in großer Gefahr, es ist eine Freiheit, deren
Vorteile wir nicht ausnützen. Rund um uns brennt
ein gefährliches Feuer und selbst, wenn es uns
noch nicht erreicht hat, ist es auf dem Weg -
doch wir sind selbstzufrieden . Das Monster
kommt, und es ist niemand da, der es aufhält.
Journalisten sind
hier – in Israel - noch nicht ermordet worden,
aber einige Leute deuten an, dass dies
geschehen könnte; wir sind noch nicht mundtot
gemacht worden, aber einige Leute predigen
offen, dass dies geschehen wird. Erschreckend
ist, dass einige Journalisten dazu aufrufen,
uns einzuschränken, und uns zu hindern, eine
Meinung leise zu äußern, oder eine zu erwähnen,
die subversiv sei oder die Ansicht einer
Minderheit. Zu viele unserer Kollegen verstehen
ihre Funktion nicht; sie verwechseln
Öffentlichkeitsarbeit (PR) mit Journalismus,
Propaganda mit der Wahrheit, wahren
Patriotismus, der bedeutet, unsern Job zu
machen, mit falschem Patriotismus, was soviel
heißt, wie der Propaganda zu dienen.
Freunde, das Haus
brennt, und Leute, die drinnen sind, fügen ihm
noch Brennstoff hinzu. Außerhalb werden
gefährliche Gesetze gegen gemeinnützige
Organisationen, Araber und andere Minderheiten
erlassen, aber sie werden schließlich auch uns
treffen, der anerkannte Lebensatem der
Demokratie, die zu wenige wirklich verstehen.
Da gibt es kaum
irgendwelche Zensur oder Druck von Seiten der
Regierung, der Armee oder anderer mächtiger
Gruppen in Israel, der wir nicht standhalten
könnten. Das Problem ist, dass viele von uns
ihren Kopf beugen und Selbstzensur üben, die
unermesslich schlimmer ist als die Zäsur der
Regierung. Zu viele haben sich dem israelischen
Propagandadienst angeschlossen, eine Presse, die
nicht einberufen wurde, aber zum Militär ging
(?).
Offensichtlich
herrscht keine Ideologie vor: die redaktionellen
Seiten sind voll verschiedener Meinungen, aber
eine Linie herrscht vor: unsere Leser sollen
uns lieben, sie sollen nicht unnötig ärgerlich
gemacht werden, man erzählt ihnen nicht, was sie
nicht wissen wollen, sie werden dahin gebracht,
sich zu bewegen und soviel als möglich zu
unternehmen; zu verkaufen.
Wir haben
Präsidenten, Minister und Ministerpräsidenten
mit unsern Nachforschungen und Berichten
abgesetzt, trotzdem fehlt es uns an Mut. Wenn
die Leute nichts über die Besatzung wissen
wollen, erzählen wir ihnen nichts davon. Wenn
die Leute nicht die Wahrheit über die Operation
Cast Lead ( im Gazastreifen) wissen wollen,
werden wir ihnen nicht ( mit Nachrichten
darüber) den Schlaf rauben. Wir brauchen kein
Büro des IDF-Sprechers – dieses ist in uns.
Die meisten
Geister, die aus dem schrecklichen Angriff auf
den Gazastreifen auftauchten, und eine einige
verspäteter Untersuchungen und
Gerichtsverfahren sind nicht die Folge unserer
Artikel, die einiges aufdeckten. Wir wurden
während der Operation Cast Lead wie unter
Betäubung gehalten und getäuscht. Einigen von
uns wurde etwas mitgeteilt, dann aber
eigenwillig verschleiert, was dort ( wirklich)
geschieht.
Die Regierung hat
den Gazastreifen seit November 2006 für uns
verschlossen, und skandalöser Weise widersetzt
sich keiner. Es ist kaum zu glauben, dass nur
eine mutige Reporterin, Amira Hass, es irgendwie
schaffte, dorthin zu kommen, um von dort zu
berichten, ohne Teil einer Armeeeinheit zu sein,
während der Rest der Presse es aufgegeben hat.
Die Aktivisten der türkischen Flotilla für Gaza
wurden in den Medien „Terroristen“ genannt,
obwohl das gar nicht stimmt, nur weil die
Regierung sie so nennt und unsere Leser das so
wollen. So kann auch das Töten der neun
Aktivisten gerechtfertigt werden.
Eine Presse, die
sich in mancherlei Weise hervortut, sich aber
vor der Aufgabe drückt, über die Besatzung zu
berichten, ist die größte Kollaborateurin der
Besatzung. Sie hilft mit, dass die Israelis das
Gefühl haben, es gäbe keine Besatzung. Ohne die
Entmenschlichungs-kampagne in der Presse würden
sich die Israelis weniger selbstgerecht fühlen
und vielleicht würden mehr moralische Zweifel
kommen – über das, was wir tun.
Solange die Presse
(wichtige) Dinge ignoriert, aber der Propaganda
dient, erfüllt sie nicht ihre Pflicht, erlaubt
aber, dass diese Grausamkeiten gar nicht weit
von unsern Häusern weitergehen – aber von
unserm Bewusstsein Lichtjahre entfernt sind.
Darüber sollten wir in Eilat zwischen dem
Empfang und blumigen Reden gesprochen haben.
Über einem Schnaps sollten wir uns fragen, ob
wir die Wahrheit berichten, die ganze Wahrheit
und nichts als die Wahrheit.
(dt. Ellen Rohlfs)