In Behandlung
Gideon
Levy
Fast zehn Jahre,
nachdem der Gerichtshof die Folter verboten hat,
sieht es so aus , als hätten die Vernehmungsbeamten
in der Westbank ihre üblen Machenschaften wieder
aufgenommen: Sack über den Kopf, brutales Schlagen
und Fußtritte.
Es ist lange her,
seitdem wir eine derartige Zeugenaussage hörten.
Seit September 1999, als das Oberste Gericht – Jahre
zu spät – Folter für ungesetzlich erklärte.
Zeugenaussagen über brutale Behandlung beim Shin
Bet-Sicherheitsdienst hörte fast sofort auf. Die
Verhörmethoden, die die Organisation jahrelang
geleugnet hat, waren verschwunden, und den Terror
gab es auch nicht mehr. Aber in dieser Woche hörten
wir wieder ein grauenhaftes Zeugnis über ein Verhör
eines jungen Palästinensers, der zehn Tage verhaftet
war, nachdem er einen chirurgischen Eingriff hatte.
Der Shin Beth leugnet offiziell jede Beteiligung an
diesen Fall. Demnach scheinen jene Verantwortlichen
vom IDF gewesen zu sein.
Nach seinem Verhör
wurde der junge Mann zum Hadassah-Krankenhaus in Ein
Karem gebracht. Selbst heute, zwei Wochen später,
benötigt er weitere medizinische Behandlung und eine
Operation, um die von den Vernehmungsbeamten
verursachten Verletzungen zu reparieren. Noch einmal
hörten wir die Aussagen eines Mannes, der gefesselt
brutal zusammen geschlagen wurde und einen Sack über
seinem Kopf hatte. Und noch ein Palästinenser, der
nie offiziell verhaftet war und nur verdächtigt
wurde, Steine geworfen zu haben – eine Anklage, die
er ableugnet – sagt, sein Kopf sei gegen eine Mauer
geschlagen worden, er sei mit Füßen gestoßen und auf
ihm sei herumgetrampelt worden. Der
Vernehmungsbeamte, wäre „Captain Amran“ gewesen,
sagte er.
Munir Farukh ist 24 und
arbeitslos. Wir trafen ihn bei sich zu Hause in Sa’ir
östlich von Hebron, wo er mit seinen Eltern lebt.
Sein Vater ist auch arbeitslos. Am 21. Juli kurz
nach drei Uhr morgens kam eine Militäreinheit und
verhaftete ihn 10 Tage nach einer
Unterleibsoperation. Mit verbundenen Augen und auf
dem Rücken gefesselten Händen wurde er neben zwei
andere Gefangene in ein Jeep geworfen. Im
Ezion-Verhör- und Haftzentrum warteten sie in dieser
Verfassung drei Stunden im Hof, bevor sie zum Verhör
geholt wurden. Faruk sagte, er habe die Soldaten von
seiner Operation unterrichtet und dass es ihm schwer
falle zu stehen. Aber sie ignorierten dies. Keiner
sagte ihm, warum er verhaftet worden sei. Als die
Identitätskarten der Verhafteten kontrolliert
wurden, entdeckte er, dass die beiden anderen seine
Nachbarn sind, Brüder, Hamad und Aahad, 22 und 18.
Am Morgen wurden sie von einem Armeearzt untersucht.
Faruk zeigte ihm seine Operationsnarbe, aber dies
machte wenig Eindruck auf ihn. Ein Sack wurde ihm
wieder über seinen Kopf und Oberkörper gestülpt und
da er sowie so schon unter Atembeschwerden litt,
hatte er auch jetzt große Mühe beim Atmen. Im Laufe
des Morgens wurde er in den Verhörraum gebracht.
Drei Vernehmungsbeamte klagten ihn an, Steine
geworfen zu haben. Das hätte jemand gesagt. Farukh
wies die Anklage ab. Dann begannen sie ihn zu
schlagen. Er konnte die Vernehmungsbeamten durch den
Sack nicht sehen. Dann fiel er zu Boden; sie
stießen ihn und trampelten auf ihm herum, dann hoben
sie ihn auf, sagt er. Er schätzt, das sei so etwa
drei Stunden gegangen. Es wurde auf ihm
herumgetrommelt und der Kopf mehrfach an die Wand
gestoßen. Das Nasenbein wurde gebrochen. Er sagte
den Vernehmungsbeamten, dass er eine
Unterleibsoperation gehabt hätte, aber er wurde auch
auf den Unterleib geschlagen. Aus dem Nebenraum
hörte er die Jirdaths schreien. Er ist davon
überzeugt, dass die Tür absichtlich offen geblieben
war. Er ist auch sicher, dass seine Folterer vom
Shin Bet waren – sie sagten es ihm sogar. Am Ende
brach er zusammen und gab zu, dass er Steine
geworfen habe. „Ich unterzeichne, was immer ihr
wollt“, sagte er zu ihnen. Er konnte dann auch nicht
mehr stehen.
Irgendwie wurde er zum
Polizeibüro gezogen. Der Beamte behandelte ihn
höflich, sagte er. Sein Schuldeingeständnis wurde
schriftlich aufgenommen. Farukh sagte dem Beamten,
dass er seine Schuld eingestanden habe, nur weil er
geschlagen worden sei. Er wurde photographiert, und
es wurden Fingerabdrücke gemacht. Als er aus dem
Büro kam, sei ein sehr großer Mann in Zivil auf ihn
zugekommen und habe ihn ins Gesicht geschlagen. Er
wurde dann in einem weißen Skoda zu einer Zelle
gefahren, wo er dann sofort zusammengebrochen sei.
Mehrere Male habe er während des Verhörs gedacht, er
würde vor Schmerzen sterben. In der Zelle schlief er
sofort ein und schlief fast zwei Tage durch. Als er
über Schmerzen in den Hoden, seiner Nase, der
operierten Stelle und über Atembeschwerden und Blut
in seinem Stuhl klagte, gab ihm der Armeearzt
Acetaminophen.
Musa Abu Hashhash, ein
Mitarbeiter von B’tselem, dem israelischen
Informationszentrum für Menschenrechte in den
besetzten Gebieten, der uns hier begleitete, sagte,
auch er habe eine solche Zeugenaussage über Folter
bei Verhören seit langer Zeit nicht gehört.
Nach zwei Tagen Agonie
bat Farukh darum, in ein Krankenhaus gebracht zu
werden. Zunächst wurde seine Bitte zurückgewiesen,
aber als seine Mitgefangenen sich weigerten, zu
frühstücken, bis er nicht ins Krankenhaus gebracht
würde, wurde er auf den Rücksitzen eines Armeejeeps
liegend an Händen und Füßen gefesselt nach Hadassah
gebracht. Er sagt, er sei bis zum Abend im
Notdienstraum gelegen, als ihm Rezepte für
verschiedene Medikamente gegeben wurden. Dann wurde
er entlassen. Er wurde in die Zelle zurückgebracht.
Farukh sagt, er habe weder die verschriebenen
Medikamente erhalten noch ein medizinisches Dokument
vom Krankenhaus.
Am nächsten Tag erhielt
er den 1.Besuch seiner Anwältin – vom
Palästinensischen Gefangenen-Club. Sie konnte seine
Gerichtsverhandlung auf Grund seines
Gesundheitszustandes auf einen früheren Zeitpunkt
legen. Am 28. Juli, genau eine Woche nach seiner
Verhaftung, wurde er zum Militärgerichtshof in Ofer
gebracht, einer Militärbasis nahe Ramallah. Er
sagt, er musste in dem Wagen vier Stunden auf
seinen Verhandlungsbeginn warten und er habe in dem
verschlossenen Wagen kaum atmen können.
Farukh sagte dem
Richter, dass er vor der Verhaftung krank gewesen
sei und eine Operation hatte, aber trotzdem
geschlagen worden sei. Der Richter ordnete unter der
Bedingung, dass er 2000 NIS Kaution zahlt, seine
Entlassung an
Am nächsten Tag lieh
sich sein Vater die Summe aus und bezahlte sie. Er
wurde entlassen, musste aber einen weiten Weg bis
zum Tor zurücklegen, während ein Jeep hinter ihm
herfuhr. Ein wartender palästinensischer
Ambulanzwagen nahm ihn auf und brachte ihn ins
Hebroner Al-Ahli-Krankenhaus. Ärzte sagten ihm, sein
gebrochenes Nasenbein müsste operiert werden. Farukh
wartet nun , dass der Gefangenen Klub ihm die
Operation bezahlt : 10 000 NIS
Alle zwei Tage besuchte
er das Krankenhaus wegen noch anderer Behandlungen.
Der Shin Beth sagte in
einer Stellungnahme in dieser Woche: unsere
Nachprüfung ergab, der Shin Bet sei nicht in die
Verhaftung und/ oder das Verhör von Munir Farukh
verwickelt gewesen und habe deshalb auch keine
Informationen, die „sich auf die Behauptungen in
Ihrer Anfrage beziehen“.
Haretz, 13.
August 2009
(dt. Ellen Rohlfs)
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