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Araber raus!
Gideon Levy
Nun gut, sagen wir, sie
hatten Erfolg. Sagen wir, dass die rassistischen,
nationalistischen Mitglieder der Knesset erreicht
haben, was sie wollten: die Vertreibung der
arabischen Mitglieder aus der Knesset . Nehmen wir
an, dass die Hoffnungen des süßlippigen Extremisten
Otniel Schneller, des „Demokraten“ Ofir Akunis und
des Nationalisten Avigdor Lieberman so weit gekommen
ist und die Knesset nun frei von Arabern ist.
Was wird als nächstes
passieren? Hinter dieser Hetzkampagne liegt wie bei
jeder anderen keine andere Motivation als die
tiefsten Instinkte: „Araber verschwindet! - ganz zu
schweigen von „Tod den Arabern!“ Die Araber sind
also draußen, was nun?
Sogar bei der zweiten
Runde des verbalen Lynchens der Knessetabgeordneten
Hanin Zuabi am letzten Wochenende, einschließlich
all der Lügen (sie „kämpfte mit israelischen
Soldaten“ , schloss sich „Terroristen“ an, „weigerte
sich, verletzte Soldaten zu evakuieren“), die von
Politikern und TV-Show-Gästen vorgebracht wurden,
wurden Aufrufe laut, sie natürlich aus der Knesset
rauszuwerfen.
Es ist schon vollkommen
kosher – die Aufrufe, Hanin und euch Ahmed Tibi,
Mohamed Barakeh, Jamal Zahalka und ihre Freunde
rauszuwerfen -es sind nicht länger Fantasien von
Rechts-Extremisten. Die Legitimierung der Aufrufe in
der Folge von vernichtendem Schweigen der meisten
anderen Politiker, zeigt wie tief der Wunsch
dahinter schon Wurzeln gefasst hat.
Sie mögen Ignoranten
sein, was demokratische Ideale betreffen – aber
jene, die zur Vertreibung der arabischen
Knessetmitglieder aufrufen, sollten wenigstens
sagen, was wird geschehen, wenn einmal den
israelischen Arabern die Vertretung in der Knesset
genommen wird. Werden arabische Bürger für Yisrael
Beitenu wählen? Das ist sehr zweifelhaft. Werden sie
für Akunis (?) bei den Vorwahlen wählen?
Unwahrscheinlich.
Werden sie ihren
Wahlzettel bei der McCarthyistischen Kadima
einwerfen? Ihre Ansichten ändern und sich der
zionistischen Bewegung anschließen, die ihnen die
Nakba brachte - erwähne diese nur niemals? Ein
Aktivist von Artzeinu werden? Oder ein
Schaumschläger für Im Tirzu? Oder könnte es sein,
dass sie ganz verschwinden?
Der Staat Israel
schuldet der arabischen Öffentlichkeit und den
Knessetmitgliedern, die sie vertreten, eine Menge.
Sie sind weniger separatistisch als die Basken die
Spanien ( obwohl sie viel mehr Gründe hätten,
separatistisch zu sein als die Basken) und natürlich
weniger gewalttätig und subversiv als sie.
Die Tatsache, dass sie
erst noch wählen müssen, den Staat und seine
Institutionen zu boykottieren und an dem Spiel der
Demokratie teilzunehmen, die korrupt ist, soweit es
sie betrifft – es ist ein Spiel, aus dem sie fast
völlig ausgeschlossen sind – was nur noch erstaunen
kann.
Statt ihnen dafür zu
danken, statt ihre Toleranz und Zurückhaltung zu
würdigen und ihre grundsätzliche Loyalität – stoßen
wir sie hinaus, besonders jetzt. Vergessen Moral und
Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit – gibt es
etwas Dümmeres als dies? Ist es den Aufhetzern nicht
klar, wie die Alternative zur fortdauernden
Teilnahme der Araber im Spiel der Demokratie
aussieht?
Das Leben arabischer
Israelis hat keine Ähnlichkeit mit dem Leben eines
jüdischen Israeli. Er wird in übervölkerte
Verhältnisse und vernachlässigte Stadtviertel
geboren. In 62 Jahren hat es der Staat nicht für
nötig gefunden, der arabischen Bevölkerung zu
helfen, die ein Fünftel der Bevölkerung des Staates
ausmachen; nicht eine einzige Siedlung wurde gebaut.
Die Araber sind von
Geburt an daran gewöhnt, in Armut zu leben; die
Diskriminierung folgt ihnen von den frühesten Tagen
an. Sie können nie ihre Vergangenheit zur Sprache
bringen; sie können sich nicht so definieren, wie
sie wollen (Palästinenser? Wie können sie es wagen?)
Und manchmal fühlen sie sich nicht wohl, ihre eigene
Sprache zu sprechen.
Versuche ein Araber zu
sein und suche ein Wohnung oder eine Arbeitsstelle.
Umgeben von zionistischen Institutionen, die daran
arbeiten, sie zu vertreiben: vom Keren Kayemet
LeIsrael – dem jüdischen Nationalfond - bis zur
israelischen Landverwaltung, einer neuen Reihe von
Gesetzen, die sie unterdrücken soll, ein
Justizsystem, das sie gegenüber jüdischen Bürgern
diskriminiert – ein ganzes Lebensgewebe eines
Bürgers zweiter Klasse in nur jeder möglichen Weise.
Tag und Nacht hören
sie, sie seien eine „demographische Bedrohung“ oder
eine „Fünfte Kolonne“, dass der Negev und Galiläa
„judaisiert“ werden muss, dass sie von ihrem Land
vertrieben werden müssen. Nun hören sie, dass auch
die Knesset von ihren Vertretern gesäubert werden
soll.
Es ist wahrscheinlich,
dass dies passiert. In einer Gesellschaft, deren
institutionelle Verteidigung der Demokratie
begonnen hat, sich zu verschlechtern, ist nichts
mehr sicher. Eines Tages werden wir vielleicht keine
arabischen Knessetvertreter mehr haben oder
mindestens keinen, der seine Wähler vertritt. Und an
diesem Tag werden die arabischen Israelis wissen,
dass der Ausschluss aus ihrem Staat total und
vollkommen geworden ist.
Und was glauben die
Aufhetzer wird Hadash, die Vereinigte arabische
Liste – Ta’al und Balad ersetzen? Und wer wird
Barakeh, Zuabi und Tibi ersetzen? Was wird die
Reden – so bitter und schwierig sie waren - vom
Knessetrednerpult ersetzen? Der öffentliche Protest,
der für den größten Teil gesetzestreu ist?
Man kennt die Antwort
sehr wohl. Die Antwort ist erschreckend und
gefährlich.
(dt. Ellen Rohlfs)
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