Äthiopische Schüler-Affäre
zeigt weit verbreiteten Rassismus in Israel
Gideon
Levy
Auf einmal können wir
“Rassismus” sagen. Eine Schockwelle hat die
selbstzufriedene israelische Gesellschaft getroffen.
Ein paar Dutzend äthiopischer Kinder wurden von der
religiösen Schule in Petah Tikva nicht aufgenommen.
Das ist wirklich schrecklich, jeder zeigt seine
Missbilligung bei dem herzzerreißenden Anblick von
Aschalo Sama, einem Jungen ohne Schule. Jeder darf
geschockt sein. Es ist politisch korrekt.
Wie toll sind wir, wie
fortschrittlich erscheinen wir vor uns selbst.
Schau, wie wir Rassismus bekämpfen, unerschrocken
und kompromisslos. Und doch - nach einem
Augenblick wird diese Schande vergessen sein. Und
wir werden mit vielen anderen Anzeichen von
Rassismus unserer Gesellschaft zurückbleiben. Wir
bleiben ihr gegenüber verschlafen gleichgültig.
So sind wir nun mal.
Von Zeit zu Zeit, wenn die Abwässer überfließen und
der Gestank sich überall hin verbreitet und wir
unsere Nasen nicht mehr zuhalten können, schreien
wir gegen die Ungerechtigkeit, bis der Deckel wieder
alles verschließt. Das Wasser unter uns schäumt
und stinkt weiter, aber es ist zugedeckt und
unterdrückt.
Man weiß es nicht so
genau, wie viele selbstgerechte und missbilligende
Eltern damit einverstanden gewesen wären, ihre
Kinder in einer Klasse mit einer Mehrheit
äthiopischer Kinder zusammen anzumelden. Und wie
viele für einen arabischen Studenten ein Zimmer
vermieten würden. Aber das nennt man natürlich nicht
Rassismus. Und wie viele Eltern sind geschockt von
den nächtlichen Selektionen vor den Clubs, wo ihre
heranwachsenden Kinder eine angenehme Zeit
verbringen wollen? Routinemäßig werden junge
„Andere“ ausgeschlossen – Äthiopier, Araber, Drusen
und zuweilen auch Mizrahim. Ausländer werden
ausgeschlossen, weil sie eine dunkle Hautfarbe haben
– und kein Protest erhebt sich.
Täglich kontrollieren
Sicherheitsleute Passagiere, die über den
Internationalen Ben-Gurion-Flughafen ankommen, ob
ihr Akzent arabisch klingt – und keiner beklagt
sich. Das ist kein Rassismus. So haben wir einen
Ethikkodex für uns organisiert – mit doppeltem und
dreifachem moralischen Standard. Wir kämpfen gegen
ein paar Anzeichen und schließen unsere Augen
gegenüber anderen viel schlimmeren Beispielen.
Der Fall mit Petah
Tikvas Schülern ist nur die Spitze des
Rassismus-Eisberges. Kinder erzeugen besondere
Gefühle. Peinliche Enthüllungen über das Schulsystem
wird immer einen Skandal hervorrufen. Genau in der
Woche, in der das Land wegen der Äthiopier gekränkt
war, berichtet Nir Hasson in Haaretz, dass Jerusalem
für einen Schüler Ost-Jerusalems 577 Schekel im Jahr
investiert und 2372 Schekel pro Jahr für einen
Schüler in West-Jerusalem. Also vier mal weniger –
nur wegen der anderen Volkszugehörigkeit. Das zählt
hier nicht als Rassismus. Auch nicht die Tatsache,
dass es in Ost-Jerusalem an 1000 Klassenräumen fehlt
nur weil seine Bewohner Palästinenser sind. Keiner
schreit gegen diese Enthüllungen, keiner regt sich
darüber auf – einschließlich des Präsidenten, der (
angeblich) gegen Rassismus kämpft.
Nun, da wir den
Terminus „Rassismus“ verwenden können, ist der
Zeitpunkt gekommen, um zuzugeben, dass unsere
Gesellschaft absolut rassistisch ist, dass all seine
Bestandteile rassistisch sind. Z.B. das Rechtssystem
hat nicht weniger den Ruf, rassistisch zu sein, wie
die Morasha-Schule in Petah Tikwa. In vielen Fällen
gibt es ein Gesetz für Juden und ein anderes für
Araber. Die Bank von Israel, eine staatliche
Einrichtung mit 900 Angesellten ist immer „araberrein“
gewesen, wenn man von ein oder zwei Angestellten
absieht. Etwa 70 000 israelische Bürger -
natürlich alle Araber - leben in nicht anerkannten
Dörfern ohne Strom und fließendes Wasser, ohne
Zufahrtstraße und manchmal auch ohne Schule. Warum?
Weil sie Araber sind.
Jede Woche hören wir bei Fußballspielen rassistische
Schimpfnamen und Lieder, für die Fußballteams in
Europa streng bestraft werden. Hier machen sich die
Schiedsrichter nicht einmal die Mühe, dies zu
berichten.
Der letzte Vorfall
ereignete sich letzte Woche im Doha-Stadium in
Sakhnin bei einem Spiel zwischen Bnei Sakhnin und
Beitar Jerusalem.
Und wir haben noch gar
nichts über die Einstellung gegenüber
Fremdarbeitern, die Besatzung (der größte
rassistische Fluch) gesagt, noch über die Haltung
gegenüber den Mizrahim seit der Gründung des
Staates. Die Liste ist lang und schändlich.
Wenn die Kinder von
Petah Tikwa alle Schulen gefunden haben, die sie
aufgenommen haben, obwohl ihre Haut dunkel ist, wird
die Gesellschaft nicht aufhören rassistisch zu sein.
Sie wird sehr schnell wieder selbstzufrieden beim
business as usual sein . Ja, hier gab es
Rassismus – wir kämpften dagegen. Er ist, ohne
Spuren zu hinterlassen, verschwunden.
(dt. Ellen Rohlfs)
Haaretz, 3.9.09
www.haaretz.com/hasen/spages/1112050.html
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