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Ihre Kraft,
durchzuhalten
Amira Hass,9.8.06
in Haaretz
Hisbollahs
Fernsehstation Al-Manar würde
die Ansicht, Völker könnten
Kriege nicht gewinnen, als
feminin und sentimental
verwerfen. Wie einige andere
arabische Analysten, betrachten
sie den Angriff auf israelische
Zivilisten und das Verwickeln
der israelischen Armee in
schwere Kämpfe als einen
arabischen Sieg. Wo aber ist
der Sieg für die tausend
Libanesen, die die israelische
Armee getötet hat? Wo ist der
Sieg für eine Million Menschen,
die aus ihren zerbombten und
zerstörten Häusern fliehen? Sind
solche Verluste es wert, nur zu
demonstrieren, dass eine
Guerillagruppe eine reguläre
Armee derart verstricken kann,
und so eine Schwäche Israels zur
Schau zu stellen?
Andererseits ist
der Nicht-Sieg der Gegenseite
kein israelischer Sieg, auch
wenn Israel die Anzahl der
getöteten Hisbollahkämpfer
verdreifacht und die Anzahl der
libanesischen Mütter, die es
bisher getötet hat, verdoppelt.
Auch wenn die israelischen
Truppen tausend Dörfer
ausradieren, es wird die
getöteten Israelis nicht ins
Leben zurückbringen.
Trauma und die
wirtschaftliche Schäden werden
weiterhin das Leben vieler Leute
beeinflussen. Wenn das
[geplante]
Waffenstillstandsabkommen auch
eher die israelische Position
berücksichtigt als die des
Libanon, es wäre immer noch kein
Sieg. Israels Bestehen darauf,
einseitig die Spielregeln in der
Region festzulegen, dauert an
und vertieft so seinen Charakter
als Fremdkörper darin. Auch
Israels zukünftige Generationen
werden für diese Hartnäckigkeit
zahlen.
Es überrascht
nicht, dass dieser Krieg nicht
mit einem kurzen und grausamen
Schlag beendet wurde. Sechs
Jahre lang hat sich die
israelische Armee daran gewöhnt,
ihre Angriffe in den besetzten
Gebieten als "Kämpfe" und
"Gefechte" zu sehen. Sie pflegte
den Mythos, es gäbe eine
Symmetrie zwischen der
fortgeschrittenen regulären
israelischen Armee und den
Palästinenser-Gruppen, die mit
ihren leichten Waffen und
hausgemachten Bomben zwischen
Panzern und Helikoptern hin- und
herjagen, die ihre Felder und
Häuser zerstören. In einigen
Fällen gelang es den
Palästinensern tatsächlich mit
Guerilla-Operationen,
israelische Truppenmitglieder zu
töten oder zu verletzen. Das
waren die Ausnahmen. Die
Selbstmordattentate in Israel
weisen eher auf eine
"militärische" Schwäche der
palästinensischen Organisationen
hin.
Nun hat die
israelische Armee Soldaten in
den Libanon geschickt, denen
beigebracht wurde, Krieg führen
heißt: die Häuser von
Flüchtlingen mit Panzern und
Bulldozern niederzureißen, ein
Gefecht bedeutet: mit
Helikoptern auf
Kalaschnikov-bewaffnete Kämpfer
zu schießen, die nicht einmal im
Stande sind, einem israelischen
Panzer den Lack zu zerkratzen.
Diese Soldaten denken, die
Heimat zu verteidigen, bedeutet:
Hunderte und Tausende von
Menschen daran zu hindern, wie
Menschen zu leben, indem sie
Straßenblockaden in den
besetzten Gebieten bemannen.
Ein anderer in
den letzten Jahren von der
israelischen Armee aufgestellter
und verdrehter Standard
bezeichnet Häuser im Norden
Israels, deren Bewohner vor
Katjusha-Raketen flüchteten, als
"aufgegeben". So rechtfertigte
der Sprecher der israelischen
Armee jedenfalls anfänglich die
Tatsache, dass Häuser der
Zivilbevölkerung in Khan Yunis
und Rafah systematisch von
Bulldozern niedergerissen
wurden, - die Zivilisten waren
vor massivem israelischen
Beschuss geflüchtet.
Die Bulldozer
werden die Häuser der Israelis
im Norden nicht niederreißen,
aber warum sollten Diebe zum
Beispiel nicht daraus holen, was
sie nur tragen können? Es sind
schließlich aufgegebene Häuser,
werden die Diebe zu ihrer
Verteidigung sagen, in Anlehnung
an die gebotenen Präzedenzfälle.
Warum spreche ich
davon ausgerechnet jetzt?
Erstens geht der Krieg – die
staatliche Grausamkeit – gegen
die Palästinenser weiter.
Zweitens erklären Israels
Doppelstandards und grundlegende
Verachtung für jeden, der nicht
zu "uns" gehört, besser als
überholte Ausrüstung und
fehlerhaftes Training der Armee,
warum sie bisher Niederlagen
einstecken musste und dies auch
weiter tun wird. Israel ist
überzeugt, dass auch im Libanon,
wie in der Westbank und im
Gazastreifen, seine unbegrenzte
Zerstörungskraft sowohl
abschreckt, als auch politische
Änderungen anspornt. Es
ignoriert die menschliche
Komponente, dass Mut und Stärke
von Palästinensern und Libanesen
mit unserer verstärkten
Zerstörungskraft wächst.
Wir sind mit
Recht besorgt um das Wohlergehen
der Bewohner des Nordens, stolz
auf ihren Mut, wir verstehen
diejenigen, die weggehen, sind
erschüttert vom Tod jedes
Menschen und von jedem
Raketeneinschlag, wir fühlen mit
denen, die sich fürchten. Nehmt
das, was die Bewohner aus dem
Norden einen Monat lang
durchgemacht haben und
multipliziert es mit Tausend,
dazu eine Wirtschaftsblockade,
Stromausfall, Wasserausfall und
kein Gehalt. So haben die
Palästinenser im Gazastreifen
die letzten sechs Jahre
"gelebt".
Die Israelis
erlauben ihrer Armee, in den
palästinensischen Gebieten
weiter zu zerstören, zertrampeln
und zu töten. Hier wie im
Libanon ist der wirkliche
Misserfolg von Geheimdienst und
Sicherheitskräften Israels das
Ignorieren sowohl des Ausmaßes
unserer ungezügelten,
ungehinderten Verwüstung, als
auch ihres erstaunlichen
menschlichen
Durchhaltevermögens. Deshalb
hegt Israel Trugvorstellungen
von "Siegen". Wenn die
hausgemachten Raketen noch immer
[von Gaza aus]auf Sderot
abgeschossen werden, trotz
allem, was die Palästinenser
fortgesetzt erleiden, dann
deshalb, weil sie korrekterweise
zu dem Schluss kommen, dass
Israels Zerstörungskraft nicht
eingesetzt wird, um die
Qassam-Raketen zu stoppen – oder
Gilad Shalit zu befreien. Sie
wird eingesetzt um sie zu
zwingen, ein
Kapitulationsabkommen zu
akzeptieren also aufzugeben, -
was sie ablehnen; nicht durch
militärische Siege, aber durch
ihre Kraft, durchzuhalten.
(Aus dem
Englischen: Gudrun Weichenhan) |