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Einen Weg, den die Welt nicht folgt
von Gideon Levy
Ha'aretz

 

Die Welt geht mit der Welle der Terrorakte in London um, als sei sie eindeterministisches Ereignis, ein unvermeidliches Produkt des absolut Bösen, ein Akt von Satans Abgesandten. Die Weltmedien wurden unmittelbar danach von zahllosen„Terrorismusexperten“ überschwemmt, die selbstsicher erklärten, wie man diese Geisel bekämpfen soll: „Trocknet den Sumpf aus!“ „Zerstört die Infrastruktur!“„Vermehrt die Wirksamkeit der Geheimdienste“ und „Verstärkt die Sicherheitssysteme“. Die Welt wird nun die Qualität ihrer Mittel zurTerrorismusbekämpfung verbessern: Die Sicherheit in den U-Bahnen wird verstärkt werden. Der Viktoria-Bahnhof in London wird wie derHeathrow-Flughafen aussehen, wie Kasernen. Und letztlich wird es einen anderen Krieg geben, um mit den Beschwerden fertig zu werden.

Unser Außenminister, Silvan Shalom, der niemals eine Gelegenheit versäumt, auf dem Bildschirm zu erscheinen, fügte seine eigene Einschätzung hinzu: „Dies ist ein Krieg zwischen den Kindern der Finsternis und den Kindern des Lichts – einer Gruppe von Wahnsinnigen, deren einziges Ziel es ist, die Verbreitung der Werte von Demokratie und Freiheit der Welt zu verhindern,“ erklärte die Person, die dafür verantwortlich ist, Freiheit in Palästina zu verbreiten. Schwarz und weiß, böse Kerle und gute Kerle. Alles ist uns, denKindern des Lichtes und den Suchern von Freiheit und Fortschritt, vollkommen klar.

Trotzdem erheben sich gewisse Zweifel. Vielleicht ist es nicht nur reine Bosheit? Vielleicht sollten wir uns fragen, was die „Kinder der Finsternis“ wünschen? Was drängt sie, solch grausame Akte zu tun? Wie ist es möglich, dass so viele Leute solche Taten unterstützen? Ist es wirklich wahr, dass es nur einen Weg gibt, sie zu bekämpfen – nämlich mit Gewalt und immer mehr Gewalt? Die nicht zu leugnende Tatsache nach zwei grausamen und unnötigen Kriegen – in Afghanistan und im Irak – die angeblich dazu bestimmt waren, den Terror zu bekämpfen, und nach dem Installieren strengster Sicherheitsmaßnahmen, die Welt doch kein sicherer Platz geworden ist. Nun sollten sich Zweifel über die Richtigkeit solch ständig wiederholter Mantras erheben. Jeder redet über die globalen Verbindungen hinter dem Terrorismus und verknüpft die Angriffe in Moskau, Madrid, Istanbul, Mombassa und Jerusalem mit einander. Auf diese Weise kann sich der Westen jeder Verantwortung für diese Terrorangriffe entziehen und sie alle einem großen Plan muslimischer „Kinder der Finsternis“ zuweisen, die den „Kindern des Lichtes“, den Verteidigern von Freiheit und Demokratie, den Krieg erklärt haben. Die Wahrheit ist, dass das Bild viel komplizierter ist. Selbst wenn es eine absolute Übereinkunft über die vom globalen Terrorismus angewendete Grausamkeit gibt, müssen wir fragen, was ihn antreibt, und ob der Westen wirklich frei von jeglicher Verantwortung für seinen Ausbruch ist.

Die Angriffe in London geschahen einen Tag, nachdem die Stadt davon informiert worden war, dass sie 2012 Austragungsort der Olympiade sein wird. Einige 12-17 Milliarden Pfund werden in die Spiele in der britischen Hauptstadt investiert werden. Niemand kann sich vorstellen, dass eine solch gigantische Summe in die Dritte-Welt-Länder investiert wird. Die Angriffe ereigneten sich auf dem Hintergrund des großtuerischen Konzerts für Afrika und dem G8 –Gipfel, der das Elend des Kontinentes wohl nicht bedeutend verringern wird. Man kann auch unmöglich die Tatsache ignorieren, dass es dem islamischen Terror, der das Banner eines kompromisslosen Religionskrieges trägt, gelungen ist, sein wildes Unkraut auf dem Boden der verarmten, kranken, ausgeraubten und unterdrückten Dritten-Welt zu züchten. Seine Soldaten kommen aus dem besetzten Afghanistan, aus Pakistan, das von einem vom Westen unterstützen Führer regiert wird, aus zurückgebliebenen arabischen Ländern und aus armen muslimischen Stadtvierteln in Europa. George Bush ist nicht weniger verantwortlich für das Blutvergießen als Osama bin Laden. Er erklärte dem Irak einen unnötigen, verruchten Krieg, der nur Tod und Zerstörung mit sich brachte. Es gibt keine maßgeblichen Zahlen über die Anzahl der unschuldigen irakischen Zivilisten, die von der US-Armee getötet wurden, zusätzlich zu den 1700 amerikanischen Soldaten, die für nichts getötet wurden. Aber die Zahl ist sehr groß. Aber die Kriege, die der Westen führt, werden nicht Terrorismus genannt, und ihre Todesfälle werden nicht Terroropfer genant. Der Westen liefert dem fundamentalistischen Terrorismus ziemlich viele Rechtfertigungen. Deshalb sollte der korrekte Weg, diesen Terrorismus zu bekämpfen, zunächst die Reduzierung solcher Rechtfertigungen sein, um die Unterstützung für diesen zu verringern. Vielleicht ist es unmöglich diesen Terrorismus vollständig auszulöschen, aber man kann auch nicht leugnen, dass seine Quelle und Unterstützung in verarmten und unterdrückten Schauplätzen gefunden werden. Zweifellos würde z.B. die Beendigung der israelischen Besatzung palästinensischer Gebiete die Motivation für Terror schwächen. So lange wie die schreckliche Kluft zwischen dem reichen Westen und der verarmten, zurückgebliebenen Dritten Welt nicht verringert wird, so lange wie großtuerische Olympische Spiele weiter in London gehalten werden, während Millionen AIDS-Opfer in Afrika sterben, weil sie keine Medizin haben, so lange der Westen fortfährt, überflüssige Krieg unter falschen Vorwänden zu führen, und Muslime sich in aller Welt benachteiligt und verfolgt fühlen, so lange wie wirtschaftliche Ausbeutung und Besatzung in mehreren Ländern der Welt andauert, wird auch der Terrorismus andauern. Es mag stimmen, dass es Gruppen von Fanatikern auch dann noch in der Welt geben wird, wenn diese Probleme gelöst sind; aber sie werden nicht mehr die breite Unterstützung haben, die sie jetzt haben. Weder ein bewaffneter Wächter für jeden Passagier in Londons U-Bahn, noch ein Krieg in Syrien oder Tschetschenien würde dem Phänomen, das der frühere Chef des israelischen Geheimdienstes (Mossad) Ephraim Halevy, einem berühmten Experten des Terrorismus, einen „Weltkrieg“ nannte, ein Ende setzen.

Wenn es einen sicheren Weg gibt, den Terrorismus nicht zu beenden, dann ist es der Weg mit Gewalt und Ausbeutung – und genau dies ist der Weg, den die Welt bisher verfolgt hat.

Übersetzt von: Ellen Rohlfs

 

 

"Gerade weil es meine Leute sind ."

Die israelischen Reporter Amira Hass und Gideon Levy berichten für die Zeitung "Haaretz" aus den Palästinensergebieten - nun gelten sie vielen als "Verräter"

Martina Doering

Viele ihrer E-Mails klicken Amira Hass und Gideon Levy einfach weg, nachdem sie einen kurzen Blick darauf geworfen haben. Manche Mails beginnen mit der Beschimpfung "Arabische Hure", die Absender fordern "Einen Strick für die Verräter" oder drohen "Wir kriegen dich".

Die beiden Journalisten Levy und Hass arbeiten für die linksliberale, israelische Tageszeitung "Haaretz". Und sie erhalten täglich Dutzende solcher Mails. Absender sind ihre eigenen Landsleute. Denn Levy und Hass gehören zu den wenigen israelischen Journalisten, die über den Alltag der Palästinenser und die Folgen der Besatzung schreiben. Das hat sie zu prominenten Reportern gemacht. Und zu angefeindeten Reportern.

Amira Hass war schon 1991 nach Gaza gezogen, seit einigen Jahren wohnt die israelische Journalistin nun in der Westbank-Stadt Ramallah. Von dort aus schreibt sie ihre täglichen Berichte, und ihre wöchentliche Kolumne "Was die Armee nicht sagt .". Ihr Kollege Levy, der in Tel Aviv lebt, schreibt Reportagen - etwa über den palästinensischen Bauern, der auf seinem Feld von jüdischen Siedlern angeschossen wurde und nun im Rollstuhl lebt; über die Witwe eines Fatah-Führers, der von israelischen Sicherheitskräften liquidiert wurde.

Seit Jahren schon werden Amira Hass und Gideon Levy von den israelischen Gegnern einer Aussöhnung angefeindet. Nach dem Ausbruch des Aufstandes in den palästinensischen Gebieten und unter dem Schock der Serie palästinensischer Selbstmordattentate sind die Probleme der beiden Reporter jedoch größer denn je: "Auf die Zeitung Haaretz wird Druck ausgeübt, Gideon Levy und Amira Hass nicht mehr zu Wort kommen zu lassen", sagt der israelische Historiker Moshe Zuckermann. Und dieser Druck gehe nicht nur von Lesern aus, die mit der Abbestellung ihres Abonnements drohen. Auch jüdische Institutionen im Ausland, insbesondere in den Vereinigten Staaten drängten die Herausgeber der Zeitung, sich von Hass und Levy zu trennen.

Ein Mitarbeiter des Außenpolitik-Ressorts der Haaretz zieht eine Parallele zu den Vorgängen um die New York Times. Vertreter jüdischer Organisationen werfen der Zeitung in diesen Tagen "unausgewogene Berichterstattung und Israelfeindlichkeit" vor. Sie rufen die Leser zum Boykott der Zeitung und jüdische Firmen dazu auf, keine Anzeigen mehr zu schalten. "Die Organisationen in Amerika", sagt der Mann von Haaretz, "verfolgen auch, was in israelischen Zeitungen geschrieben wird und bezichtigen Hass und Levy, dass sie mit ihren Berichten die nationale Einheit Israels untergraben."

Amira Hass sagt, dass die Situation an ihren Nerven zerrt. Die resolute kleine Frau lebt im Kampfgebiet: Wochenlang standen israelische Panzer in Ramallah. Es herrschte Ausgangssperre. Kampfhubschrauber dröhnten über ihrem Haus. Die Soldaten haben sich nun wieder zurückgezogen. Jetzt besucht Amira Hass Familien, in deren Häusern sich die Armee einquartiert hatte. In ihren Artikeln fragt sie, was die Zerstörung von Wasserrohren und Stromleitungen in den Wohnungen oder die Verwüstung des Büros einer palästinensischen Friedensgruppe mit Terrorismusbekämpfung zu tun haben.

Gideon Levy war einst ein enger Mitarbeiter von Schimon Peres. Jüngst erregte Levy internationale Aufmerksamkeit mit einem offenen Brief an seinen ehemaligen Chef. Darin bezeichnet er die Scharon-Regierung als "Regierung des Verbrechens" und wirft Außenminister Peres Untätigkeit vor. Damit sei Peres ein "Mitwirkender an den Verbrechen". Levy empfiehlt dem Außenminister, mal einen Tag Urlaub zu nehmen - und in die besetzten Gebiete zu fahren um zu sehen, was sich dort abspiele.

Levy selbst tut dies nahezu täglich und konfrontiert seine Leser mit den Motiven des Aufstandes. "Gerade weil die Besatzer meine Leute sind und die Soldaten bisweilen die Söhne meiner Freunde", sagt er, "ergreife ich Partei für die palästinensischen Opfer. Ich fühle mich Israel tief verbunden und wünsche mir es als Land, das kein anderes Volk unterdrückt."

Die immer aggressiveren Reaktionen auf seine Artikel setzen auch Gideon Levy zu. "Alles ist immer polarisierter geworden", sagt er. Die Folgen dieser Polarisierung und zunehmender Intoleranz bekommt mittlerweile nahezu jeder zu spüren, der die Regierungspolitik öffentlich kritisiert. So sollte Yossi Beilin, einer der Unterhändler von Oslo, kürzlich einen Vortrag an der Ben-Gurion-Universität in Beersheba halten. Auf Druck einiger Professoren wurde der "Oslo-Verbrecher" jedoch wieder ausgeladen.

Die in Israel legendäre Sängerin Yaffa Yarkoni - wegen ihrer Auftritte an der Front in allen Kriegen seit 1948 bisher von allen geliebt -, sollte in diesem Sommer mit einem "Tribut concert", einem Konzert zu ihren Ehren, gefeiert werden. Doch dann erklärte die über Siebzigjährige in einem Radio-Interview, dass sie die Fernsehbilder von den zusammengetriebenen Palästinensern mit erhobenen Armen an schlimme Zeiten in der jüdischen Geschichte erinnere. Sie sympathisiere mit jenen Soldaten und Offizieren, die den Dienst verweigern.

Nur Minuten nach dem Interview gaben aufgebrachte Fans ihre Karten für das Konzert zurück, Sponsoren kündigten die Zusammenarbeit auf und dann sagte der Künstlerverband das Konzert einfach ab. Der stellvertretende Minister für innere Sicherheit Gideon Ezra verlangte zum wiederholten Male, dass Linke und Friedensgruppen als "Sicherheitsrisiko" verboten und zum Schweigen gebracht werden müssten. Damit meinte Ezra auch Journalisten wie Amira Hass und Gideon Levy. Doch noch widersteht die Zeitung Haaretz dem Druck. Um ihn zu mildern, werden die Artikel von Amira Hass jedoch durch Verlautbarungen der Armee komplementiert und wütende Lesermeinungen veröffentlicht.

Jene Israelis aber, die die Berichte von Amira Hass und Gideon Levy schätzen, versuchen sich inzwischen zu verbünden und für die beiden einzusetzen. Als Mitte Mai in Tel Aviv die größte Friedensdemonstration stattfand, die das Land in den letzten zwanzig Jahren erlebte, waren auch Gideon Levy und Amira Hass dabei. Der "Oslo-Verbrecher" Yossi Beilin stand neben anderen Friedensaktivisten auf der Bühne. Und Yaffa Yarkoni sang.

Quelle: Berliner Zeitung

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