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Was gibt es zum
Mittagessen?
Gideon Levy, Haaretz 26.10.06
Wir können mit dem
Badezimmer/ der Toilette beginnen, obwohl dies ein Artikel über einen
Feiertag ist. Das Badezimmer hat keine Tür, ein sehr deutliches Zeichen für
Armut und Elend. Ohne Tür kein Intimbereich – und dies in einem Haus, in dem
13 Personen leben! Nun gibt es auch kein Wasser im Badezimmer. Seitdem
Israel Ende Juni das einzige Elektrizitätswerk des Gazastreifens
bombardierte, gibt es aus den Wasserhähnen fast kein Wasser mehr. Und es ist
kein Geld vorhanden, um Wasser für den Wasserbehälter auf dem Dach zu
kaufen. Deshalb werden Plastikflaschen, Töpfe und Gefäße mit Wasser gefüllt,
wenn Wasser aus dem Wasserhahn kommt – für wenige Stunden pro Tag – und
danach reinigen wird die Toilettenschüssel gereinigt. In der Zwischenzeit
stinkt das ganze Haus.
Es ist der Vorabend zum
größten muslimischen Feiertag, des Id-al-Fitr-Festes, das in dieser Woche
war. Der Gestank aber überdeckt jeden Versuch, dem Festtag etwas Feierliches
zu geben.
Wir können mit dem Menu
des Festtags beginnen, obwohl es darüber nicht viel zu schreiben gibt: 2 in
Salz eingelegte Fische, die 10 NIS kosten, der Hauptgang des Festmahles für
13 hungrige Leute, ein Geschenk der Großmutter. Da gibt es noch ein paar
Zulagen aus Tomaten und gebratenen Zwiebeln. Vielleicht erhalten sie im
letzten Augenblick noch ein paar Schekel geschenkt, um damit noch Hummus
kaufen zu können. Und was gibt es zu trinken? „Saft, Saft!“ schreien die
Kinder im Chor. Die Mutter ringt verzweifelt die Hände. Vielleicht kauft sie
tatsächlich irgendeinen süßen Saft für einen Pfennig, um ihren Feiertag zu
versüßen.
Anderthalb Stunden von
Tel Aviv entfernt liegt das Haus der Rezal-Familie in Daraj, einem Stadtteil
von Gaza-Stadt. Es ist eine Mietwohnung auf der 2. Etage eines zweistöckigen
Hauses.
An der „Festtagstafel“
dieser Woche sitzen der Vater Nizar,48; die Mutter Amani, 36; und die
Kinder: Shadi, 20; Hind, 19; Shireen,18; Amuna,17; Mohammed, 16; Tamer,15,
Wasin, 14; und Hadal,8. Bei ihnen ist noch Shadis Frau und zwei Kleinkinder,
die in einem Zimmer der Wohnung leben. Dreizehn Leute warten nun auf das
Essen.
Auf dem Marktplatz geht
es am Vorabend des Feiertages fröhlich zu. Die Lautsprecher wetteifern mit
einander in Ohren betäubender Musik wie bei einem Jahrmarkt. Aber es gibt
keine Käufer. Ein Kilo Süßigkeiten kostet z.B. 14 NIS.
Zwischen Gaza und Rafah
kommen wir schnell an verschiedenen beunruhigenden Gegenden vorbei. Durch
Khan Yunis kann man nicht fahren, ohne sich die Nase zuzuhalten; ein
schrecklicher Gestank kommt von den Müllhaufen und dem dunklen Abwasser, das
nun mitten durch die Stadt läuft. In der Nähe des Boureij-Flüchtlingslagers
gibt es einen Schusswechsel zwischen bewaffneten Fatah- und Hamasleuten. Die
Straße liegt voll mit halb verbrannten Reifen der Demonstranten, die wegen
des internationalen Boykotts seit über einem halben Jahr keine Gehälter
erhalten haben. In Rafah scheinen sie auf die israelische Wiederbesetzung
zuwarten, die täglich kommen kann. An der Beit Hanun-Kreuzung kam zur
ruinierten Autoreparaturstätte letzte Woche auch ein ruiniertes Restaurant
dazu.
Jede Woche kommen neue
Bilder der von israelischen Bulldozern verursachten Zerstörung dazu. Fast
keiner nimmt mehr Notiz. Davon. Die Erez-Industriezone wurde letzte Woche
auch zerstört. Ihre Trümmer schließen sich anderen „Erinnerungsstätten“ von
regionalem Frieden und Zusammenarbeit an.
Das Abwasser in der
Mitte einer ruhigen Straße im Daraj-Stadtteil ist tatsächlich weiß:
Seifenwasser. Keiner weiß, wie die Straße heißt. Schließlich einigen wir uns
auf Jarjawi-Straße. Wir gehen zur 2. Etage hoch, dort wo die Familie Rezal
wohnt. wir sitzen im Wohnzimmer. Sitzen? Die Sofas sind kaputt. Es ist
schmerzhaft darauf zu sitzen. Die Familie erhielt diese Sofas vor drei
Jahren als Geschenk von Verwandten, die dabei waren, ihre alten Garnituren
durch neue zu ersetzen. Die Sofas waren damals schon abgerissen, und
seitdem hat sich ihr Zustand nur verschlechtert.
Der Tisch in der Mitte
des Wohnzimmers ist mit Plastik bedeckt. Ein Tisch? Nicht genau. Es ist ein
Stuhl, der als Tisch dient, Holzbretter auf wackligen Beinen. Zerrissene
Vorhänge verbergen die teilweise zerbrochenen Fensterscheiben… Die Wohnung
ist ziemlich groß aber fast ohne Möbel. Das Dach aus Asbest und Zinn. Es
ist früher Nachmittag und in einem der Räume schläft der Sohn Mohamed auf
dem Fußboden. Was soll er sonst tun? Die Türen des Zimmers sind zerbrochen,
die Türklinken hängen herunter…
Die Wände sind feucht.
Die Familie hat die Wohnung vor neun Jahren bezogen, nachdem die Wohnung
der Großmutter zu klein wurde – ein Raum für alle. Die Miete beträgt 100
Dinar, 620 NIS, aber wer kann dies bezahlen? Bis vor 7 Monaten konnte Amani
400 NIS an jedem 9. des Monats zahlen. Seit 7 Monaten hat sie nichts zahlen
können.
Seit 8 Jahren ist der
Vater der Familie arbeitslos. Arbeitslos und krank: hier ist das
zerknitterte medizinische Zertifikat von 2005 von der palästinensischen
Behörde. Darauf kann man lesen, dass der Besitzer dieses Zertifikats Rheuma
hat. Vorher har Nizar als Wächter in einem Gebäude gearbeitet. Dann wurde er
entlassen.
In den letzten Wochen
wurden sie von den beiden Söhnen des Land-und Hausbesitzers, Mitglied der
Sabarafamilie besucht, die sie damit bedrohten, sie aus der Wohnung zu
vertreiben. Das letzte Mal waren sie vor zwei Wochen gekommen – mitten im
Ramadan. Amani öffnete die Tür nicht. Sie schrieen von außen, sie würden
wiederkommen und würden alles aus der Wohnung werfen. Die Familie hatte
schon seit einem Jahr nicht mehr den Strom bezahlt, er war aber auch nicht
abgestellt worden – wenn es überhaupt Strom gibt. Das Weinen der Kinder wird
stärker.
Die Uhr im Wohnzimmer
läuft auch nicht mehr. Der Fernseher ist mit einem Tuch zugedeckt. Er
funktioniert auch nicht. Er ging vor 3 Monaten kaputt. Für die Reparatur
gibt es kein Geld. Dieses Wrack eines Fernsehers erhielten sie von Nachbarn
geschenkt, die ihn rausschmeißen wollten …
Von 2001 bis vor 7
Monaten arbeitete Amani als Putzfrau in den Häusern von Reichen – in der
Nähe der Villa von Präsident Abu Mazen in Gazastadt. Sie arbeitete zwei
Tage in der Woche und erhielt 25 NIS pro Tag. Damit ist es nun auch vorbei.
Während der letzten
Jahre hat sie nach und nach ihren Schmuck von ihrer Mitgift verkauft: hier
ein Armband, dort eine Halskette - kürzlich auch die Ohrringe der Mädchen.
Vor vier Jahren nahmen sie den 13 jährigen Mohammed aus der Schule und
schickten ihn zur Arbeit. Hin und wieder fand er als Träger auf dem
Marktplatz einen Job. An guten Tagen brachte er 20 NIS mit nach Hause.
Während der Sommerferien stieg das Einkommen der Familie: Amani kaufte
chinesische Feuerzeuge, die dann von Wasim und Tamer auf der Straße verkauft
wurden. Manchmal brachten sie 10 NIS nach Hause.
Der Älteste, Shadi, ist
auch ohne Job. Er arbeitete als Schneider in einer Nähfabrik der
Kahlotfamilie, die ihre Produkte nach Israel verkaufte. Aber seitdem der
Karni-Kontollpunkt die meiste Zeit geschlossen ist, wurde Shadi nach Hause
geschickt. Manchmal ging er auf den Markt, um hin und wieder einen Job für
ein Päckchen Zigaretten zu bekommen. Die Onkel und Tanten halfen der Familie
gelegentlich mit ein paar Schekel. Wieviel die Familie im Monat verbraucht,
weiß Amani nicht: „Wenn ich 10 Schekel habe, geb ich sie aus.“ …
Gestern gab es nach dem
Fasten brechen Spinat. Es blieb noch etwas für heute übrig. Vor zwei Tagen
gab es gebratene Auberginen und Tomaten. Amani erhielt die beiden
gesalzenen Fische von ihrer Mutter. Sie zeigt diese in Zeitungspapier
eingepackten und stinkenden Fische. Diesmal gab es für kein Kind neue
Kleidung.
Vor ein paar Tagen traf
Nizar, der Vater, unsern Taxifahrer Saad und bat ihn, für ihn Arbeit zu
finden, wenigstens für einen Tag. Er fragte auch, ob israelische Araber
dieses Jahr wie in früheren Jahren wieder in den Gazastreifen kämen, um den
Armen zu den Feiertagen Geschenke zu bringen. Mit Mühe kann man ihm
erklären, dass Israel selbst dies unbarmherzig verhindert.
Am Vorabend des
Feiertages fand Amani heraus, dass eine Hamashilfsorganisation in der
Saladinstraße Kleider für bedürftige Kinder verteilt. Sie eilte hin, kam
aber zu spät. Es war alles weg. Eine andere auch von Hamas geleitete
Hilfsorganisation schickte einen Vertreter. Sie erhielten so die
Berechtigung, ein Lebensmittelpaket für die Feiertage abzuholen: eine Büchse
Tomatensoße, eine Dose Tehina, 1 Kilo Salz, ein Kilo Makkaroni, 1 kg Hummus
und 1 kg dicke Bohnen. Alles ist schon aufgegessen.
Amani wollte ihrer
Mutter sagen, dass die zwei von ihr geschickten Fische nicht für das
Festtagsmahl für die ganze Familie ausreichen – aber sie fühlte sich
unbehaglich, um nach mehr zu betteln. ..dieses Mal gibt es keine Süßigkeiten
beim Festmahl. Das steht außer Frage.
Die Küche, der Boden und
die Wände sind schwarz vor Dreck. Der Kühlschrank ist alt und rostig und bis
an den Rand mit Tomaten und ein paar Gurken gefüllt. …
Das Badezimmer sieht
noch schlimmer aus. Ein kleiner Wasserhahn kommt aus der Wand in
Taillenhöhe und soll wohl zum Waschen sein. Es ist nicht klar wie. Auf jeden
Fall gibt es jetzt kein Wasser. Der Boden ist nass, vielleicht von Wasser
oder einer anderen Flüssigkeit.
Die meisten dort auf
dem Boden stehenden Wasserflaschen, Töpfe und Gefäße sind schon leer. Seit
gestern morgen habe es kein Wasser gegeben. Die Waschmaschine ist seit
langem kaputt – also wird auf dem Boden des Badezimmers gewaschen…
Gewöhnlich gehen die
Kinder um 9 Uhr schlafen und die Eltern um 10. Solange sitzen sie noch im
Wohnzimmer vor dem nicht mehr funktionierenden Fernseher. Es gibt keinen
Tisch. Die Kinder müssen ihre Schulaufgaben auf dem Boden machen.
Eines von ihnen nähert
sich dem Taxifahrer und fragt ihn ganz leise, ob er ihm nicht helfen könne,
ein paar Schuhe für die Feiertage zu kaufen.
Fröhliche Feiertage
Familie Rezal!
(dt.und
gekürzt: Ellen Rohlfs)
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