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Tali DÁrc
von Gideon Levy
Berichterstattung über die
Freilassung von Tali Fachima. Auf allen Kanälen.
Tali Fahima. Der Berg
von Anklagen gegen sie gebar ein Mäuschen an Berichterstattung in den
Medien.
Ich rate mal: Keiner von den in die Finanzamtaffaire verwickelten
Verdächtigen, so ernsthaft sie auch ist, wird zu administrativer Haft
[Inhaftierung ohne Anklage, WMG] und drei Jahren im Gefängnis verurteilt
werden. Tali Fahima – wurde dazu verurteilt. Gestern wurde die lokale Tali
D'Arc aus dem Gefängnis entlassen, und die meisten Nachrichtenprogramme
erfüllten ihre Informations-Pflicht in ziemlich spärlichen Meldungen. Keine
grundsätzliche Diskussion über die Schwere der Strafe, keine Fragen, warum
sie eigentlich im Gefängnis saß, niemand erinnerte daran, dass ein
israelischer Verteidigungsminister mit Namen Shaul Mofaz diese Frau mit
übler Nachrede belastete, als er sie auf skandalöse Weise, ohne irgendwelche
Anhaltspunkte, beschuldigte, sie habe "teilgenommen an der Planung eines
Angriffs auf Israel", nicht weniger.
Der Berg von
Anschuldigungen gegen Fahima gebar dann eine Maus in Gestalt einer
lächerlichen Anklageschrift; und gestern gebar dieser Berg von einer
schweren Strafe auch eine Maus an Berichterstattung in Gestalt der
spärlichen Meldungen über ihre Freilassung. die TV-Journalisten London und
Kirschenbaum zum Beispiel zogen ein weit her geholtes Gespräch über Asthma
einer Diskussion über die Unduldsamkeit des Systems Grenzüberschreitungen
gegenüber vor. Die Leiter des Schabak/Innen-Geheimdienstes können beruhigt
sein: Nächstes Mal, wenn sie eine arglose junge Frau, die vom staatlich
vorgegebenen Wege abweicht, mit unhaltbaren geundlosen Beschuldigungen
überhäufen wollen, werden die Medien ihnen keine Steine in den Weg legen.
Fahima hätte eine folgsame Sekretärin aus einer der "Entwicklungs"-Städte
sein sollen, die alles schluckt, was Israel ihr auftischt, und den Mund
hält. So tun es alle. Sie aber hielt den Mund nicht, und dafür wurde sie
bestraft.
Als Zakaria Zbeideh mir
zum ersten Mal von Fahima erzählte, berichtete er von einer jungen Frau, die
sich in der Anwaltkanzlei, in der sie als Sekretärin arbeitete, darum
bemühte, zum Flüchtlingslager Jenin zu fahren, mit Zbeideh fotografiert zu
werden und unbeschadet wieder heimzukehren. Ob das so stimmt, ist ungewiss,
jedenfalls fuhr Tali, und kehrte nicht unbeschadet wieder heim. Nicht
Zbeideh schadete ihr, sondern der israelische Schabak, den Fahima gestern
"feindliche Organisation" nannte.
Seither traf ich sie
einige Male in der Küche der Familie Zbeideh, ein kleines Kind in der
Fremde, eine arglose junge Frau aus Kirjat Gat, die sich nicht im Fernsehen
"ein Star wird geboren" ansah, sondern hinfuhr und sich das Leben unter
Besatzung ansah, eine Fahrstunde von zu Hause entfernt. Sie begann, Licht
zu sehen, oder richtiger: Sie sah die Schatten. Sie sah, was fast keiner in
ihrem Alter je sah. Sie traf in Jenin Menschen, für einen Israeli eine
unerhörte Entdeckung, sie wagte sogar, sich mit ihnen zu befreunden. Einmal
gab mir Zbeideh einen Teddibären, den ich Fahima bringen sollte. 'I love you'
stand auf diesem kindlichen Spielzeug geschrieben, das der Terrorist einer
Freundin schickte. So etwas war natürlich für dieses System unerträglich:
Eine junge Frau, noch dazu aus Kirjat Gat, fährt nach Jenin, befreundet sich
mit den Einwohnern und sorgt sich auch noch um ihr Wohlergehen? Da kann das
Urteil nur lauten: "Unterstützung des Feindes".
Der Schabak klagte an,
die Staatsanwaltschaft gehorchte blind, wie sie es gewohnt ist, und die
Justizbehörde fällte ihr Urteil. Richtig, Fahima gab zu, ein Dokument, das
die Soldaten im Lager Jenin gelassen hatten, Zbeideh und seinen Freunden
vorgelesen zu haben, die sowieso Hebräisch verstehen, ein Dokument, das sie
gefunden hatten und nicht Fahima. Dafür saß sie in administrativer Haft,
danach wurde sie zu drei Jahren Haft verurteilt, in einem Vergleich, und das
nicht bevor der Richter Shely Teiman bei der Staatsanwalt nachfragte,
unglaublich, ob sie nicht die Todesstrafe für die Angeklagte beantragen
wolle.
Gestern war das fehlende
Medienecho die Botschaft, ausgenommen bei "Um sechs mit Oded Ben Ami" im
zweiten Fernsehkanal, wo Fahima interviewt wurde und wie Edith Piaf
feststellte, sie bereue nichts, wo sogar Korrespondent Yoram Binur vor der
Kamera gezeigt wurde, der einige Wahrheiten zum Thema berichtete. "Dies ist
eine Geschichte über geprägte Vorstellungen" sagte Binur, und rettete so den
guten Ruf des Fernsehens. Die Botschaft an junge Leute aus Kirjat Gat aber
blieb auch in seinen Augen: Untersteht Euch, dorthin zu fahren, untersteht
Euch, zu entdecken, dass es dort Menschen gibt, und vor allem, wagt es
nicht, Euch mit dem bitterem Schicksal dieser Menschen zu identifizieren.
(dt.Weichenhan-Mer G)
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