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Die Stunde der Selbstgerechten
von Gideon Levy

 

Dieser Krieg, vielleicht mehr als seine Vorgänger, legte die echten, tiefen Ströme der israelischen Gesellschaft offen. Der Rassismus und der Hass heben den Kopf, und ebenso die Lust auf Rache und Blut. Die „Moral der Vorgesetzten“ in der Armee ist jetzt „töten soviel wie möglich“, wie es die Militärreporter im Fernsehen berichten. Und auch wenn damit die Hamaskämpfer gemeint sind – diese Moral macht schaudern.

 

Die unbeherrschte Aggressivität und Brutalität werden als „Vorsichtsmaßnahmen“ gerechtfertigt; auch der widerlich Vergleich von Blut, hundert tote Palästinenser auf jeden toten Israeli, weckt keine Fragen, als ob wir bestimmt hätten, dass deren Blut hundertmal billiger ist als unser Blut, und damit der in uns eingeprägte Rassismus bewiesen sei.

 

Die Rechte, der Nationalismus, der Chauvinismus und der Militarismus sind zZt der legitime bone tone in der Stadt. Menschlichkeit und Mitleid – sind fern ab von uns. Nur am Rande der Gesellschaft hört man Proteststimmen – nicht legitim, verstoßen und unbeachtet – von kleinen aber mutigen Gruppen von Juden und Araber.

 

Neben all dem steigt eine Stimme, vielleicht die übelste von allen, das ist die Stimme der heuchlerischen Selbstgerechten. Mein Kollege Ari Shavit zeichnet sich als ihr bester Redner. Diese Woche schrieb Shavit: „Der Angriff von Israel in Gaza ist gerecht…nur eine sofortige, großzügige, humanitäre Aktion wird beweisen, dass selbst in diesem grausamen Krieg, der uns aufgezwungen wurde,  wir nicht vergessen, dass auf der anderen Seite auch Menschen leben.“

 

Für Shavit, der das Recht auf diesen Krieg verteidigt hat und der festgestellt hatte, dass wir ihn nicht verlieren dürfen, ist der Preis gleichgültig und auch die Tatsache, dass es keine Siege gibt, in solch ungerechten Kriegen – und er wagt es, im gleichen Atemzug, „Humanität“ zu predigen.

 

Will Shavit, dass wir töten und weiter töten, und danach Feldlazarette und Medikamente schicken sollen, um die Verwundeten zu pflegen? Er weiß doch, dass ein Krieg gegen eine hilflose Bevölkerung, vielleicht die hilfloseste Bevölkerung in der Welt, die nicht einmal ein Zufluchtsort hat, um das Leben zu retten, nur grausam und widerlich sein kann. Aber diese Menschen wollen immer als „gute Menschen“ daraus hervorkommen. Wir werden Bomben auf Wohngebiete abwerfen, und werden dann ihre Verwundete im Ichilow-Krankenhaus behandeln; wir werden armselige Zufluchtsorte in UN-Schulen bombardieren, und werden die Verwundeten in der Lewinstein-Reha wiederherstellen. Wir werden schießen und weinen, töten und klagen, werden Frauen und Kinder vernichten wie automatische Tötungsmaschinen, und werden sie auch behüten.

 

Aber das gibt es nicht. Das ist Heuchelei. Da sind schon die begeisterten Autisten, die zum Töten und Vernichten aufrufen, besser. Sie sind zumindest ehrlich.

 

Diesen Kuchen kann man nicht essen und ganz lassen. Die einzige „Reinheit“ in diesem Krieg ist die „Reinheit von Terroristen“, das bedeutet Vernichtung von Menschen und Schaffung von schrecklichen Tragödien. In Gaza ist nicht die Rede von einer Naturkatastrophe, Erdbeben, Überschwemmung, wo wir die Pflicht haben den Betroffenen zu helfen, Hilfstruppen zu schicken, was wir so sehr lieben. Teufelshandwerk ist es, alles Unglück, das jetzt auf Gaza gefallen ist, ist von Menschenhand gemacht, von unserer Hand. Mit blutbefleckten Händen kann man nicht humanitäre Hilfe leisten. Aus der Brutalität kann nicht Humanität wachsen.

 

Aber es gibt bei uns Menschen, die „sowohl als auch“ wollen. Sowohl wahllos zerstören und töten, wie auch als „Gutmensch“ aus der Geschichte heraus kommen, mit einem polierten Gewissen. Gehen mit und fühlen ohne: mit Kriegsverbrechen und ohne das Gefühl deswegen schuldig zu sein. Das ist ein unverschämter Wunsch. Wer diesen Krieg befürwortet und an der Massentötung glaubt und diese auch noch rechtfertigt, der hat kein Recht über Humanität und Moral zu reden. Es gibt nicht ein solches Tier, das tötet und pflegt.

 

Diese Einstellung zeigt das doppelte, grundsätzliche israelische Basissentiment, das uns schon von je her begleitet: alles Mögliche an Bösem anrichten, aber in unseren Augen sauber und unschuldig sein. Töten, zerstören, aushungern, einsperren, demütigen – und Recht haben, um nicht zu sagen Gerecht ist. Diesen Luxus können die Gerechten des Krieges für sich nicht in Anspruch nehmen.

 

Wer diesen Krieg rechtfertigt, rechtfertigt auch all seine Kriegsverbrechen. Wer darin einen Verteidigungskrieg sieht, sollte auch die Verantwortung für die moralischen Folgen auf sich nehmen. Wer jetzt noch die Politiker und die Armee zum weitermachen ermutigt, wird auch das Kainsmal ertragen müssen, das man nach dem Krieg auf seine Stirn einprägen wird. All diejenigen, die für den Krieg sind – sind für das Entsetzen.

 

(Aus dem Hebräischen übersetzt von Abraham Melzer)

 

 


Kenneth Lewan
Ist Israel Südafrika

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Rezension -
Das Buch ist aktueller denn je. Von der BRD-Presse totgeschwiegen, zeigt es Israel so wie es ist >>>
 



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