Der Schießplatz der IDF
Gideon Levy , Haaretz, 15.2. 04
Manchmal scheint es, als
sei der Gazastreifen zum zentralen Schießplatz und zum Übungsplatz der IDF
geworden. Die dort verwendeten Waffen sind von zweifelhafter Legalität, den
Einsatzregeln fehlt es an Zurückhaltung, die Strafmaßnahmen, deren
Ausführung sich Israel nicht für die Westbank ausdenken würde, sind das
Übliche – in einer Region, die viel weniger Terrorismus produziert als die
Westbank.
Die Operation am letzten
Mittwoch im Sajiyeh-Viertel von Gazastadt, bei dem 15 Palästinenser getötet
wurden - einschließlich von mindestens sieben Zivilisten – war die letzte
Illustration einstweilen für das, was sich Israel in Gaza erlaubt. 15 Tote,
um einen Hamasmann zu liquidieren, der gar nicht mal besonders ranghoch in
der Organisation war, ist ein unerträglicher Preis. In Gaza ist das aber zur
Routine geworden: einmal oder zwei mal in der Woche dringen IDF-Truppen ein,
töten, zerstören und ziehen sich wieder zurück und keiner weiß genau, wen
oder was dies unterstützen soll. Warum müssen „gewünschte“ Personen nun alle
zusammen gezielt getötet werden?
Die Tatsache, dass nicht
ein Terrorakt gegen Israel seinen Ursprung im Gazastreifen hat – wegen des
Zaunes dort – lässt diese Fragen noch wichtiger werden. Man hat langsam den
Verdacht, dass die IDF sich in Gaza deshalb so verhält, weil sie dort tun
kann, was immer ihr gefällt.
Der Gazastreifen und die
Westbank wurden im israelischen Bewusstsein immer unterschiedlich
betrachtet. Während Ramallah und Bethlehem als Städte angesehen wurden, die
von Menschen bewohnt werden, wurde Gaza schon immer als ein
„Terroristennest“ porträtiert. Die Tatsache, dass fast 1,5 Millionen
Menschen dort leben, unter ihnen Bauern und Intellektuelle, Kaufleute und
Handwerker, religiöse und säkulare – genau wie überall sonst – wurde hier
absichtlich verzerrt. Versucht man, einem Israeli zu sagen, dass die Strände
vom Gazastreifen zu den schönsten im Nahen Osten gehören und dass die
Mehrheit der Menschen in Gaza besonders warmherzige Menschen sind – wer will
das schon glauben? Die Dämonisierung von Gaza, die auf die Zeit vor der
Besetzung Gazas zurückgeht, macht es möglich, sich dort anders zu verhalten.
Genau wie in den von
Israel besetzten Gebieten im Libanon, die abgelegen waren und wo beinahe
alles erlaubt war, ist die Besetzung von Gaza auch immer von etwas wie
Anarchie gekennzeichnet gewesen, wenn man z.B. auch an die dort von Sharon
und Meir Dagan (1) ausgeführten Operationen in den 70ern denkt.
Nach der
Palästinensischen Menschenrechtsgruppe (PHRMG) gab es in den letzten vier
Monaten fünf Liquidationen im Gazastreifen – in der Westbank dagegen nur
eine. Warum?
Sind die Gazaer
gefährlicher oder ist in Gaza mehr erlaubt?
Die Straßen von Rafah
erinnern an eine Serie gewalttätiger Kriegsfilme. Es ist das Grozny von
Gaza. Bis heute hat Israel Hunderte von Häusern zerstört, einschließlich 40
an einem Tag vor zwei Wochen. Der erklärte Vorwand – die
Waffenschmuggeltunnel vom Sinai – kann Zerstörungen in diesem Ausmaße nicht
rechtfertigen. Die IDF würde niemals wagen, Zerstörungen in diesem Ausmaß
in der Westbank auszuführen. Es genügt, sich daran zu erinnern, wie Jenin
vor zwei Jahren ein weltweites Symbol in der „Operation Schutzschild“ wurde.
In Rafah ist die Not größer als in Jenin – aber wer kümmert sich darum? Wen
interessiert es ? Da gibt es kaum ausländische Journalisten und natürlich
keinen israelischen Journalisten. Es ist nicht zufällig, dass
Friedensaktivisten wie Rachel Corrie, Tom Hurndall und der Kameramann James
Miller dort getötet wurden.
Es ist genau dort, wo
Israel auch sein Waffenarsenal wieder auffüllt/ (ausprobiert ? R) Die
schwarzen Ministahlpfeile, die im September 2002 in alle Richtungen flogen
und im Weingarten der Familie Hagin eine Mutter, zwei Söhne und einen Cousin
töteten, die gerade Weintrauben pflückten, waren „Semi-Flechette“-Raketen,
eine illegale Antipersonenwaffe, die gewöhnlich von Panzern abgefeuert wird.
Mindestens zweimal wurden diese zerstörerischen Raketen von der IDF
angewandt. Ich sah die weit verbreiteten Pfeile in den Wänden von Gebäuden
stecken, die weit entfernt von dem Ort waren, wo die Familienmitglieder
getötet worden waren. (2)
Die IDF hat noch nicht
gewagt, diese Pfeilraketen in der Westbank anzuwenden. So ist es auch mit
dem Bombardieren von Bevölkerungszentren von der Luft aus, die bei mehreren
Gelegenheiten in Gaza genehmigt wurden. Die Luftwaffe, unter dem Kommando
des ungehemmten Generalmajor Dan Halutz, würde nicht die Verwegenheit haben,
eine Halbtonnenbombe in einem übervölkerten Wohngebiet von Ramallah fallen
zu lassen. Aber in Gaza ist es ok – bei der gezielten Tötung des
Hamasaktivisten Saleh Shehadeh im Juli 2002 mit einer Eintonnenbombe.
Die Regeln des Einsatzes
in Gaza sind auch anders. Im November 2001 gab der vertretende
Militärrichter zu, dass es da einen „großen Unterschied“ für Schießbefehle
beim Zentralen Kommando (Westbank) und
dem Südkommando (Gaza) gibt . Warum ist das so?
Im Raum der isolierten (jüd.)
Siedlungen Nezarim im Gazastreifen und entlang des Zaunes um den
Gazastreifen lautet der Befehl, auf alles zu schießen, was sich bewegt –
ohne vorher zu warnen. Die letzten Opfer waren eine Gruppe Kinder, die sich
am Wochenende dem Zaun in der Nähe des A-Salem-Vorortes von Rafah näherten,
( um Vögel zu fangen. R..) Ein Zehnjähriger wurde getötet und drei seiner
Freunde verwundet, weil die Soldaten sie als verdächtige Figuren ansahen.
Ein Zeugnis über die „Alles-ist-erlaubt-Atmosphäre“
wurde von einem ranghohen IDF-Offizier 1998 während einer Tour mit
Vertretern von Menschenrechtsorganisationen gegeben. Als man ihn fragte, ob
die Terroristen vom Gazastreifen gefährlicher seien, antwortete er. „Nein,
aber hier können wir mehr tun.“
1)
heute Chef des Mossad –Geheimdienstes
2)
nach Augenzeugen-und Filmdokumentarberichten eines US-Reporters wurde
von Mitte Februar 2001 – April 2001 auch eine Art Nervengas im Gazastreifen
bei Khan Yunis ausprobiert (Bemerkung der Übers.)
(Aus dem Englischen.
Ellen Rohlfs) |