Nacht über Gaza
Von
Gideon Levy, Haaretz, 3.9.06
Gaza ist wieder besetzt. Die Welt muss das zur Kenntnis
nehmen, und auch die Israelis müssen es zur Kenntnis nehmen. Die Zustände
dort sind schlimmer als je zuvor. Seit der Entführung von Gilad Shalit, und
erst recht seit dem Ausbruch des Libanon-Krieges, wütet die israelische
Armee in Gaza - anders kann man das nicht nennen - und es wird willkürlich
getötet und zerstört, bombardiert und geschossen.
Niemand denkt daran, eine Untersuchungskommission
einzusetzen; es steht nicht einmal auf der Tagesordnung. Keiner fragt, warum
das alles geschieht, oder wer das entschieden hat. Aber im Schatten des
Libanonkrieges ist die israelische Armee zu ihren alten Praktiken in Gaza
zurückgekehrt, gerade so, als ob es den Rückzug nie gegeben hätte. Man muss
es deutlich sagen: Der Rückzug aus Gaza ist Vergangenheit. Abgesehen von den
Siedlungen, die als Schutthaufen fortbestehen, ist vom Rückzug und seinen
Verheißungen nichts geblieben. Das ganze großartige und blödsinnige Gerede
vom "Ende der Besatzung" und der "Aufteilung des Landes" wirkt nur noch
erbärmlich. Gaza ist besetzt, und zwar brutaler als zuvor. Dass es für die
Besatzer zweckmäßiger ist, das Gebiet von außen unter Kontrolle zu halten,
ändert nichts an den unerträglichen Lebensbedingungen der Menschen unter der
Besatzung.
Gegenwärtig gibt es in großen Teilen des Gazastreifens keinen
elektrischen Strom. Das einzige Kraftwerk in Gaza wurde von den Israelis
bombardiert, und für mindestens ein weiteres Jahr wird mehr als die Hälfte
der Energieversorgung ausfallen. Es gibt kaum Wasser. Da es auch keinen
Strom gibt, ist es fast unmöglich, die Wohnungen mit Wasser zu versorgen. In
Gaza herrscht mehr Dreck und Gestank als je zuvor: Aufgrund des Embargos,
das Israel und die Welt gegen die gewählte Hamas-Regierung verhängt haben,
werden keine Gehälter mehr gezahlt, und die Straßenreinigung streikt seit
mehreren Wochen. Müllberge und ekelerregender Gestank halten den
Küstenstreifen im Würgegriff; es ist wie in Kalkutta.
Gaza ist mehr denn je zu einem Gefängnis geworden. Der
Grenzübergang Erez ist nicht besetzt, der Übergang Karni war während der
letzten zwei Monate nur wenige Tage offen, und das Gleiche gilt für Rafah.
Etwa fünfzehntausend Menschen warteten zwei Monate lang auf die Ausreise
nach Ägypten, einige warten immer noch, unter ihnen viele Kranke und
Verwundete. Weitere fünftausend warteten auf der anderen Seite darauf, nach
Hause zurückkehren zu können. Einige sind währenddessen gestorben. Man muss
sich die Szenen in Rafah anschauen, um zu verstehen, welche unendliche
menschliche Tragödie sich dort abspielt. Der Übergang, an dem eigentlich gar
keine israelischen Kontrolleure stationiert sein sollten, wird weiterhin zur
Unterdrückung der eineinhalb Millionen Einwohner Gazas genutzt. Dies ist
eine verabscheuungswürdige und schockierende Kollektivbestrafung. Auch die
Vereinigten Staaten und Europa, deren Polizeikräfte am Grenzübergang Rafah
Dienst tun, tragen eine Mitverantwortung für die Lage.
Es gibt in Gaza auch mehr Armut und Hunger als je zuvor. Der
Warenverkehr ist praktisch zum Erliegen gekommen, Fischerei ist verboten,
Zehntausende Beschäftigte der Palästinenserbehörde bekommen keinen Lohn, und
eine Möglichkeit, in Israel zu arbeiten, besteht nicht.
Und über Tod, Zerstörung, Angst und Schrecken haben wir noch
gar nicht geredet. In den vergangenen zwei Monaten haben die Israelis 224
Palästinenser getötet, davon 62 Kinder und 25 Frauen. Sie bombten und
mordeten, schossen und demolierten Häuser, und niemand hat sie aufgehalten.
Keine Qassam-Werkstatt, kein Schmuggler-Tunnel kann derart monströse
Tötungsorgien rechtfertigen. Kein Tag vergeht ohne Tote, meistens sind es
unschuldige Zivilisten.
Wo sind die Tage geblieben, da in Israel über die gezielten
Tötungen noch debattiert wurde? In Vorbereitung solcher Tötungen werden
heutzutage unzählige Bomben und Geschosse auf Häuser gerichtet und ganze
Familien umgebracht. Es brechen Krankenhäuser zusammen mit mehr als 900
Patienten, die gerade behandelt werden. Im Shifa-Hospital, der einzigen
solchen Einrichtung in Gaza, die diesen Namen verdient, sah ich letzte Woche
herzzerreißende Szenen. Kinder, die Arme oder Beine verloren hatten, an
Beatmungsgeräten, gelähmt, zu Krüppeln gemacht für den Rest ihres Lebens.
Familien wurden getötet, während sie schliefen, oder während
sie auf Eseln unterwegs waren, oder bei der Feldarbeit. Verängstigte Kinder,
traumatisiert durch das, was sie mit ansehen mussten, kauern in den Häusern,
in ihren Augen ein Entsetzen, das sich nicht in Worte fassen lässt. Ein
spanischer Journalist, der vor kurzem Gaza besuchte und sich mit Kriegs-
und Katastrophengebieten weltweit auskennt, meinte, was er in den letzten
zwei Monaten in Gaza an Horror gesehen und dokumentiert habe, übertreffe
alles bisherige.
Es ist schwer zu sagen, wer all dies so beschlossen hat. Ob
die Minister sich über die Realität in Gaza im klaren sind, ist zu
bezweifeln. Aber sie sind für alles verantwortlich, vom verhängnisvollen
Embargobeschluss über die Bombardierung der Brücken und Elektrizitätswerke
bis hin zu den Massenmorden. Israel ist jetzt, wieder einmal, für alles
verantwortlich, was sich in Gaza abspielt.
Die Ereignisse in Gaza verdeutlichen den großen Betrug, den
die Kadima-Partei begangen hat: Sie kam an die Macht im Anschluss an den
vermeintlichen Erfolg des Gaza-Rückzugs, der jetzt gerade in Flammen
aufgeht, und sie versprach Kompromissbereitschaft - ein Versprechen, das der
Premierminister bereits widerrufen hat. Wer noch glaubt, die Kadima sei eine
Partei der Mitte, sollte jetzt zur Kenntnis nehmen, dass es sich um nichts
anderes als eine rechte Besatzungspartei handelt. Das Gleiche gilt für die
Labor-Partei. Verteidigungsminister Amir Peretz ist für die Vorgänge in Gaza
genauso verantwortlich wie der Premierminister, und Peretz’ Hände sind
gleichermaßen blutbesudelt wie Olmerts. Er wird sich nie wieder als ‘Mann
des Friedens’ präsentieren können. Die allwöchentlichen Bodeninvasionen,
jedes Mal an einem anderen Ort, die Tötungs- und Zerstörungsaktionen zu
Wasser, zu Lande und aus der Luft, all diese Operationen belegt man mit
harmlosen Namen, die die Realität übertünchen sollen, wie etwa ‘Sommerregen’
oder ‘Geschlossener Kindergarten’.
Mit angeblichen Sicherheitsgründen lässt sich der wahnsinnige
Teufelskreis nicht rechtfertigen, und kein Gemeinwohl-Argument kann unser
aller unanständiges Schweigen entschuldigen. Gilad Shalit wird nicht
freikommen; der Qassam-Beschuss wird nicht aufhören. Im Gegenteil. In Gaza
findet ein Alptraum statt. Der kann vielleicht fürs erste die eine oder
andere Terrorattacke verhindern, aber langfristig wird er sehr viel mehr
mörderischen Terror erzeugen. Israel, in gewohnter Selbstgerechtigkeit, wird
dann sagen: ‘Aber wir haben ihnen doch den Gazastreifen zurückgegeben.’
(dt. Krino Hoogestraat)
http://www.haaretz.com/hasen/spages/757768.html |