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Immer mit Bombardements leben
Gideon
Levy, Haaretz, 7.Juli 2008
Was ist
also der „große Plan“? Wie die Dinge jetzt aussehen, ist dies der Weg, den
Israel für seine Zukunft wählt: jedes Mal, wenn ein nahöstliches Land
versucht, eine Nuklearwaffe zu bekommen, wird Israel bombardieren. Bombe –
bombardieren. Abgesehen von der problematischen Annahme, dass es uns erlaubt
sei, was andern nicht erlaubt ist und was in unsern Händen sicher sei, aber
gefährlich in den Händen der anderen – diese Art der Einstellung wird in die
Katastrophe führen. Wir haben schon zwei mal versucht - im Irak und in
Syrien – und es funktionierte. Es ist allerdings fraglich, ob es
erforderlich war.
Nun sieht
es so aus, als ob wir es ein drittes Mal versuchen, diesmal gegen den Iran.
Es könnte sogar erfolgreich sein, aber nichts währt auf Dauer. Es wird in
einer Katastrophe enden.
Von
Bombardement zu Bombardement, das sollte auf die Dauer nicht der Weg für
Israel im Nahen Osten sein. Aber keiner redet darüber, was übermorgen sein
wird.
Wir
könnten und sollten jetzt über die Chancen und besonders über die Risiken
eines Angriffs auf den Iran diskutieren. Solch eine Diskussion führen wir
gewöhnlich – wenn überhaupt - dann unter unmöglichen Bedingungen: entweder
im Nach-Hinein, wenn es zu spät ist, ohne Information oder nachdem wir
falsche Informationen bekommen haben. Diejenigen, die eingeweiht sind,
treffen auch die Entscheidungen . Diejenigen, die eingeweiht sind, neigen
aber zu kriegerischen Lösungen. Krieg ist die einzige Doktrin und Kunst, die
sie verstehen. Deshalb ist es sehr gefährlich, nur von diesen Leuten
abhängig zu sein.
Wir
könnten und sollten jetzt einen Angriff auf den Iran näher betrachten, aber
nicht nur indem wir unsere eigenen Sicherheitsexperten konsultieren. Wir
sollten z.B. auch dem eindrucksvollen und kenntnisreichen Hans Blix
zuhören, dem früheren Chef der Internationalen Atomenergiebehörde. Er hatte
bei einem Interview mit Yedioth Ahronot sehr vernünftige Dinge zu sagen;
Dinge, die in unserm verzerrten öffentlichen Diskurs nicht vorkommen. Blix
warnte, wenn Israel gegen den Iran vorgeht, wird die ganze Region in Flammen
aufgehen, und sagte, dass Syriens Nuklear-Einrichtungen primitiv seien und
der Angriff auf den Irak unnötig war und vor allem, dass die Regierung des
Iran dahin gebracht werden könnte, von einer Bombe abzusehen – aber nicht
mit Gewalt.
Der
schwedische Diplomat glaubt, wenn die internationale Gemeinschaft Garantien
für Irans Sicherheit anbietet und ihn als ein Mitglied mit guten Beziehungen
akzeptiert, so wie es mit Nord-Korea der Fall ist, dann wird es dort
vielleicht keine Bombe geben. Dies ist noch nicht versucht worden. Die
internationale Gemeinschaft droht mit Sanktionen, die den Iran nicht
abschrecken. Und die israelische Luftwaffe führt Übungen durch, von denen
man annimmt, dass sie für das nächste gefährliche Abenteuer gedacht sind.
Die Annahme, dass die Chancen sich verschlechtern, weil im Weißen Haus eine
Veränderung ansteht, ist eine Verzerrung: könnte nicht Barak Obama, falls er
gewählt würde, mit dem Iran reden und ihn auch ohne Bombardement daran
hindern, die Bombe zu entwickeln? Könnte dann nicht alles besser sein?
Aber es
ist nicht unser Hauptproblem über eine Aktion gegen den Iran zu reden.
Israel denkt nie in Zeiträumen von übermorgen und darüber hinaus. Es handelt
wie eine Person, die in einem Haus mit Dachschaden Eimer hinstellt, statt
das Dach zu reparieren. Also bombardieren wir den Iran, und selbst wenn es
erfolgreich ist und wir keinen zu hohen Preis zahlen müssen – ein fragliches
Szenario – was wird dann geschehen? Was wird geschehen, wenn auch Ägypten
eine Bombe wünscht? Werden wir wieder bombardieren? Und Saudi Arabien,
Jordanien, Syrien und der Irak? Und vielleicht hat auch die Hisbollah eine
„schmutzige“ Bombe ? Und werden wir der Türkei „erlauben“ sich nuklear zu
bewaffnen? Werden wir bombardieren und bombardieren und auf immer mit
Bombardements leben?
Israel
kann sein Dach nur reparieren, wenn es ernsthaft versucht, in der Region
akzeptiert zu werden. Solche Akzeptanz wird die einzige Garantie für seine
Existenz außer den Bombardements sein. Eine wirkliche Chance dafür wurde in
der arabischen Friedensinitiative geschaffen, die Israel mit unglaublicher
Arroganz ignorierte. Unsere nationalen Bemühungen zielen weiter nur dahin,
den Flugbereich der F-15 zu erweitern und die Optionen für das Tanken in
der Luft zu verbessern. Nichts wurde in der andern Richtung unternommen –
die Flugzeuge auf dem Boden zu halten und diplomatisch aufzutanken.
Man stelle
sich Frieden mit den Palästinensern, den Syrern und dem größten Teil der
arabischen Welt vor ! Würde dann Mahmoud Ahmadinejad es wagen Israel zu
bedrohen? Unter welchem Vorwand ? Man stellen sich vor, Israel verkündet, es
wolle den Iran nicht angreifen, bevor nicht alle anderen Mittel und Wege
angewandt wurden und es wolle den Westen dazu auffordern, mit dem Iran über
Sicherheitsgarantien zu reden. Klingt das unrealistisch? Wollen wir uns
nicht auf diese Weise daran beteiligen, die Gefahr zu verringern?
Schließlich hat sich der Iran bis jetzt als ein vernünftiges Land erwiesen,
und nicht als ein unvernünftiges. Wir weigern uns, den Preis für den Frieden
zu zahlen, wir wollen lieber weiter den Preis für Bombardements zahlen.
Diese Mal könnte der Preis ein besonders hoher sein.
Israels
Pyromanie mag jetzt angesichts der iranischen Pyromanie den gefährlichsten
Punkt seiner Geschichte erreicht haben, ausgerechnet jetzt, wo sich ein
anderer Weg zeigt. Die Angst vor den Auswirkungen eines Angriffes auf den
Iran mögen übertrieben sein. Es könnte sein, dass wir noch einmal Erfolg
haben. Und wenn dies nicht Fall ist, was dann?
(dt. Ellen
Rohlfs)
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