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Maryams Tragödie
Gideon Levy, Haaretz, 23.06.06
Im Februar des letzten
Jahres wurden ihre vier Söhne getötet: Mohammed, 17, Hani, 15; Bassam,14;
und Mahmoud,12. Mit ihnen zusammen wurde Maryams Enkel, 9, und zwei andere
ihrer Neffen, Jaber, 19, und Mohammed, 16, von einer IDF-Granate getötet,
die auf das Erdbeerfeld der Familie in Beit Lahia im Gazastreifen
abgeschossen wurde.
Vor zwei Wochen wurde
ihr Bruder Ali, 43, der zwei Frauen hatte, mit seiner 2. Frau Raisa, 36,
getötet. Dazu fünf Kinder : Hitham, Ali, und Raisas 8 Monate altes Baby
Hanadi; Sabrin, 7, Alham,17; und Aliya, 24 , alles Kinder von Ali und seiner
1. Frau, Hamdiya . Sie wurden anscheinend auch von einer IDF-Granate
getötet, vielleicht eine, die auf sie abgeschossen wurde oder eine, die
nicht explodierte von einem Beschuss des Gazastrandes am frühen Morgen. Die
Umstände um die Todesursache der Familie Ghalia sind noch nicht ganz geklärt
worden.
Eine trauernde Mutter,
eine trauernde Großmutter, eine trauernde Tante und Schwester und
Schwägerin: Maryam Raban. Überlebende eines persönlichen Horrorereignisses,
das man kaum in Worte fassen kann . Während in der Wohnung der
Ghalia-Familie die Männer noch immer sitzen und trauern, sitzt im nahen
Rabanhaus – nur wenige hundert Meter entfernt Maryam allein und betrauert 14
Tote. Auch sie hat Verwundete zu versorgen: ihre andere Schwägerin Hamdiya
und die überlebenden Kinder liegen im Krankenhaus in Gaza und in Israel,
einige in gefährlichem Zustand. Sie läuft hin und her zwischen den
Krankenhäusern in Gaza, um ihre Angehörigen zu versorgen und träumt davon,
dass sie nach „Amerika“ oder Israel zur Behandlung verlegt werden können.
Den übrigen Teil des
Tages sitzt sie auf dem Sandboden ihres Heimes und wird von der Trauer
überwältigt, wobei sie nicht weiß, mit wem sie beginnen soll. Die Erinnerung
an ihre erste Tragödie ist nun noch stärker als die zweite Tragödie.
„Kannst du es glauben?“ Fragte ich sie in dieser Woche, als sie mir über den
Augenblick erzählte, als sie vor ihrem Heim saß und ihre Schwiegertochter
schreiend daher gerannt kam und ihr von dem Horror am Strand erzählte.
„Jeder, der so etwas durchgemacht hat, glaubt an alles - nur nicht an dies.“
Nicht einmal in diesem
Haus gibt es ein Anzeichen von Hass. Als ich Maryam das erste Mal
kurz nach der 1.
Tragödie traf , fragte sie nach dem Soldaten, der eine Granate auf die
Kinder, die über Erdbeerpflanzen gebeugt waren, abgeschossen hatte. Er
solle vor Gericht gebracht werden – doch vergeblich. Auch in dieser Woche
bat sie nur darum, dass der für das Töten ihres andern Bruders, dessen Frau
und deren Kinder Verantwortliche vor Gericht gebracht werden solle. Nachdem,
was sie von ihrer andern überlebenden Schwester gehört hatte, hat sie keinen
Zweifel daran, dass es eine Granate war, die auf sie abgeschossen wurde.
Vergeblich bat sie darum, dass Israel die Verantwortung für das Töten ihrer
Kinder übernimmt und ihr eine Entschädigung zahlt; vergeblich bittet sie
jetzt darum, die Verantwortung für die Familie ihres Bruders zu übernehmen
und eine Entschädigung zu zahlen. Die wirtschaftliche Not ist fast so akut
wie der schmerzliche Verlust.
Ein paar Tage bevor ihr
Bruder getötet wurde, kam er zu ihrer Wohnung. Er bat sie darum, sich um
seine Töchter zu kümmern. Er hatte das Gefühl, dass seine Tage gezählt
seien, weil er Krebs habe.
Ihr Kopf mit einem
schwarzen Wolltuch bedeckt, so saß sie unter dem Weinstock ihres Gartens auf
dem sandigen Boden von Beit Lahia. Ihre Worte kamen schnell und wütend: „Das
israelische Volk sollte etwas von dem spüren, was ich durchgemacht habe,“
sagt sie. „vier Kinder im vergangenen Jahr und nun die ganze Familie meines
Bruders. Ich bin dagegen, Unschuldige zu beschießen. Man sollte alle diese
Führer aufhängen und verbrennen.
Als ihr, die
israelischen Journalisten, im letzten Jahr kamt, sagten die Leute zu mir:
nimm ein Brecheisen und zerschlage ihre Köpfe. Ich aber sagte, nein. Ich
legte euch Datteln vor und führte euch zum Erdbeerfeld, um Erdbeeren zu
essen. Ihr seid kein Teil dieser Leute. Ich gebe euch keine Schuld. Selbst
wenn das ganze israelische Volk kommen würde, würde ich keinem etwas zu
leide tun. Ich weiß, dass die meisten von euch gegen diese Untaten sind.
Aber wenn ich den Soldaten fangen könnte, der auf meine Kinder geschossen
hat, würde ich ihm den Kopf abschlagen.
„Gott hat uns alle
geschaffen,“ fuhr sie fort. „Viele Israelis glauben an Gott und beten zu
ihm“... Ich wünsche nur eines von den Israelis, dass sie uns entschädigen.
Ich verkaufte meinen Hochzeitsring und die Ringe meiner Mutter, um einen
Sack Mehl zu kaufen. Gestern verkaufte ich sie für Ware ...Ich trug die
Ringe 25 Jahre lang. Alle Grenzübergänge sind geschlossen und keiner hilft
uns. Es gibt keine Arbeit und es gibt kein Geld, alle Aus- und Eingänge sind
für uns geschlossen worden.
Vor ein paar Tagen
landete eine Granate neben unserm Haus und Splitter flogen ins Haus. ..
Warum? Warum schießen
sie auf uns? Wir sind ihnen wohl gleichgültig. Mehr als 40 Leute leben in
diesem Gebäude. Wenn es von einer Granate getroffen wird, wird sie uns alle
töten. Sieh, wie weit wir schon gekommen sind, und noch immer lassen sie uns
nicht in Ruhe. ...
Ich möchte, dass die
Israelis wissen, dass ich gegen diese Aktionen bin und ich wünschte, dass
sie auch dagegen sind. Warum diese Strafe, meine ganze Familie zu
verlieren? Warum ist mein Bruder so bestraft worden? Er wollte doch nur ,
dass seine Familie am Strand frische Luft atmet. Er war in letzter Zeit so
müde und krank.“
Zwei Tage vor diesem
Interview ging sie ihre Schwägerin im Krankenhaus besuchen. „Ich hätte ihr
nicht alles erzählt, aber die Leute hatten ihr schon alles erzählt, auch
dass Aliya getötet wurde...
Hamdiya erzählte ihr,
dass sie zuerst hörte, wie zwei Granaten am Strand einschlugen und dann kam
die dritte, die die Familie tötete. Nach den beiden ersten Granaten sagte
sie zu ihrem Mann, dass sie sofort zurückkehren sollten. „Es ist noch zu
früh, nach Hause zu gehen,“ sagte er zu ihr: „Die sehen uns doch. Das Boot
ist direkt vor uns. Wir sind eine Familie mit Frauen und kleinen Kindern –
die können uns doch klar erkennen.“
Nach Hamdiya sprach Ali
noch, als die dritte Granate einschlug. Direkt danach sah sie ihre Kinder
zerfetzt und blutend im Sand liegen. Sabrin war ohne Kopf, Aliya ohne Arm
und Shadi heulte: „ Alle sind tot und bald sterben wir auch!“ Hamdiya
sagte, sie habe ihrer Tochter Huda zugerufen, so laut wie möglich zu
schreien, es möge jemand kommen, um ihnen zu helfen. Das Bild der am Strand
neben ihrem toten Vater schreienden Huda wurde in aller Welt gezeigt und
brachte dem Mord an dieser Familie mehr Aufmerksamkeit, als es sonst der
Fall ist.
Es gibt immer noch eine
Debatte, ob es eine israelische Granate war.
Man schwört, es sei
keine israelische Granate gewesen? Wir glauben dem Mädchen Huda, die es mit
eigenen Augen gesehen hat. Vielleicht sagen sie, dass Gott sie getötet hat?
Beweisen denn die Granatsplitter im Körper der Toten nicht, dass es eine
israelische Granate war? Belegen es nicht die Zeugen am Strand, die nach
der ersten Granate wegliefen und dann die dritte Granate fallen sahen? Alle
Leute sagen, dass vom Schiff aus gefilmt wurde, warum zeigen sie diese
Bilder nicht?
Sie kam noch mal auf
ihren Bruder zu sprechen: „Er konnte nicht mal ein Huhn schlachten. Unsere
Familie hatte keine Probleme mit den Israelis. Wir lebte in Frieden mit
ihnen. In 30 Jahren Besatzung kamen sie nie in unser Haus, auch wenn sie mit
Panzern kamen. Wir sind eine Familie des Friedens.
Maryam, 51, war in Beit
Lahia geboren. Ali war ihr jüngerer Bruder. Ihre Tochter Mayson,8, lehnte
sich an sie, auch die Enkelin Hanan,7. Maryam sagte, seit ihre Brüder und
Onkel im Erdbeerbeet getötet wurden, machen sie nachts wieder ins Bett. ..
Zwei Tage bevor Ali
getötet wurde, kam er zu seiner Schwester und brachte seinen kleinen Sohn
Hitham mit. Er sagte zu Maryam, er sei sehr krank und plane, nach Ägypten
zurück zu gehen, wo er vorher schon behandelt worden war, um mit seinen
Ärzten dort zu sprechen. Bitte, kümmere dich um meine Kinder, liebe
Schwester,“ sagte Ali. „ich habe 9 Mädchen. Sieh nach ihnen. Die Medizin,
die ich nehmen musste, hat meine Taschen geleert. Ich habe keinen Pfennig
mehr. Ich habe das niemandem erzählt nur dir, meiner Schwester. Was ich dir
noch sagen möchte, Alter und Leben liegen in Gottes Hand.“
Maryam sagt, dass sie
Hitham, ihren Neffen, noch umarmt und geherzt habe. Dann versuchte sie ihren
Bruder zu trösten: „Wenn Gott will, wirst du mit uns noch seine Hochzeit
feiern.“ Und er: „ Wie Gott will, aber ich denke, dass ich dies nicht mehr
erleben werde.“
Zwei Tage später ging er
mit seiner Familie an den Strand.
(dt. und geringfügig
gekürzt: Ellen Rohlfs) |