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Jenin bei Nacht
Gideon Levy, 3.August 2007, Haaretz
“Heute Abend solltest du
kein Journalist sein, heute nacht solltest du ein Poet sein,“ sagt unser
Gastgeber Jamal Zbeidi, nachdem wir angekommen waren. Es ist früher Abend
und ein schwaches Licht hüllt die Häuser im Lager ein, während eine
angenehme Briese um die Gesichter der noch draußen spielenden Kinder weht.
Das Jeniner Flüchtlingslager bereitet sich für die Nacht vor. Der Fernseher
ist auf den Kanal von Al-Aqsa geschaltet, den Sender von Hamas im
Gazastreifen. Unser alter bekannter Zakariya Zbeidi kommt ins Haus. Er hatte
unseren Wagen gesehen und möchte uns begrüßen. Er trägt ein Kenvelo T-Shirt,
und das erste Mal läuft er ohne Waffe herum. Er ist auf dem Weg zur Mukata
in Ramallah, wo er die Nächte verbringt, entsprechend einer Abmachung mit
Israel. Jetzt ist er ein Student vor allem in Sozialarbeit.
Der alte Ventilator an
der Decke hat den Raum etwas gekühlt. An den Wänden sind Photos von
Märtyrern. Vor noch nicht langer Zeit schrieb der libanesische
Schriftsteller Elias Khouri an Zbeidi eine Mail, er flehte ihn an, sich
weder mit der Hamas noch mit der Fatah zu verbünden. „Die Leute sind
verwirrt,“ sagt Zbeidis Onkel Jamal. „Mit dem PA-Vorsitzenden Abu Msazen zu
gehen, heißt mit Amerika zu gehen – und mit Hamas zu gehen, heißt mit der
Religion zu gehen. Beides ist schlecht.“
Ich bin anscheinend der
einzige, der wegen der kommenden Nacht nervös ist. Eine poetische Stimmung
legt sich auf die Anwesenden. „Wir säten und andere werden ernten,“ sagt
Zakariya in melancholischem Ton.
Wir sind hierher
gekommen, um eine Routinenacht im Jeniner Flüchtlingslager mit zu erleben,
aus dem Schlafzimmer, dem Kinderzimmer, von der Dachterrasse aus, wo sich
die Bewohner noch bis spät in der Nacht aufhalten, um der Hitze zu
entkommen. Es gibt kein Air-Condition im ganzen Lager und der Wasserbehälter
wird nur einmal die Woche nachgefüllt. So ist es jede Nacht, bis die
Soldaten und ihre Stahlmonster mitten in der Nacht kommen.
Wir machen eine
Spritztour. Jenin bei Nacht. Ein bläuliches Licht erleuchtet den alten
Subaru. Die engen Gassen und Straßen des Lagers sind noch lebendig, ja sogar
mehr als am Tag. Es ist nach 9 Uhr, und noch kann man alles kaufen. Auch
ohne die Verkaufskette AM-PM. Die kleinen Läden sind bis Mitternacht
geöffnet. Ein roter Vollmond steigt über den Häusern auf. Dieser geschundene
Ort wacht am Abend auf.
Wir klettern zu einem
Aussichtspunkt auf einen Hügel im Süden hoch, von wo die Soldaten und
gepanzerten Fahrzeuge fast jede Nacht kommen. Afula und Nazareth können am
Horizont ausgemacht werden. Das Lager ist hier unten; es gibt eine
Kontinuität mit dem Land Israels. Ein blasser Lichtschimmer kommt aus den
Häusern des Lagers, dazwischen ein paar grün schimmernde Flecken – die
Minaretts der Moscheen. Menschlicher Lärm kommt aus dem Lager, der später
vom Bellen streunender Hunde abgelöst wird. Geräusche, die uns die ganze
Nacht begleiten werden.
Ein paar Stunden später
wird keiner wagen, aus dem Haus zu kommen. Vorläufig sitzen die Männer auf
Plastikstühlen vor den Häusern mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette.
Die Frauen sitzen niemals abends zu einem kleinen Schwatz draußen.. Der
Pizza-Platz ist leer, auch das Internet-Cafe. Nur in der reichen Gegend von
Jenin, wo es neue stilisierte Steinhäuser gibt, sitzen die Leute nicht
draußen. Dort fahren auch die IDF nicht hin. Was soll man denn bei den
Reichen suchen?
Zunächst Kaffee bei
Khaled – er ist der Abteilungsleiter der Gemeindeverwaltung – unter einem
Weinstock gegenüber von seinem Haus. Ein schrecklicher Berg von Autowracks
auf der rechten Seite und auf der linken ein Ziegenstall. Das erzeugt schon
ein seltsames Gefühl. Ein Stück hin wird eine neue Moschee gebaut, die nach
Mahmoud Tawalba genannt wird, dem Kommandeur des militärischen Flügels des
Islamischen Jihad des Lagers. Er war von Israel ermordet worden.
Der kleine Hamoudi
bringt Wasser. Vor drei Monaten hat ein IDF-Scharfschütze hier die
Gymnasiastin Bushra al-Wahash, während sie über ihren Schulbüchern saß,
erschossen. Hamoudi fragt seinen Vater, wer diese Juden sind, denen er
Wasser bringen soll. Die einzigen Juden, die er je so nah gesehen hat, sind
die Soldaten, die seinen Vater gefesselt und weggeholt haben. Seitdem eilt
er immer in die Arme seines Vaters, wenn sich Soldaten dem Lager nähern.
„Keiner ist sicher“, seufzt Khaled. Es ist unmöglich, ein krankes Kind oder
eine Frau in Wehen nachts in ein Krankenhaus zu bringen. „Der Muezzin ruft
laut die Gläubigen zum letzten Abendgebet: „Allahu akbar!“ Wenn gefährliche
Intrigen hier im Dunkeln geschmiedet werden, ist es schwierig sie zu
entdecken.
Der Lautsprecher der
Moschee verkündete den Tod von Sami Hamad, einem Diabetiker… Sein Name
echote nun durchs Lager. Die Trauernden versammelten sich schon in der Nähe
des Hauses des Verstorbenen. Das Trauerzelt würde am nächsten Tag geöffnet
werden, wurde vom Lautsprecher noch durchgegeben. Der Tod eines jeden
anderen wird auf diese Weise verkündet. Es ist inzwischen 10 Uhr. „Die Angst
beginnt ab 10 Uhr,“ sagte Khaled und nahm seinen Plastikstuhl schnell mit
ins Haus.
Nun hörte man vereinzelt
Schüsse. Die Kinder spielten noch. Der Tankstellenwart hatte Angst, als wir
uns näherten. Er dachte, wir seien Undercoverleute, als Araber verkleidete
Soldaten . Er wurde ganz blass. Um das Krankenhaus gibt es noch etwas
Verkehr. Die Billardhalle war verlassen. Wir fuhren an den nördlichen Rand
des Lagers und besuchen Sheik Khaled, einen religiösen Mann, dessen
körperbehinderter Bruder Jamal zu Tode kam, als sein Haus bei der Operation
„Defensive Shield“ vor fünf Jahren zerstört wurde. Sein Leichnam wurde nie
gefunden, die einzige vermisste Person im Lager. Sheich Khaled hat den
Verdacht, dass die Soldaten den Leichnam wegnahmen, nachdem sie entdeckten,
dass Jamal ein Krüppel war. Der Nachbar war 38 Tage später auch getötet
worden. Er war einer der 5 palästinensischen Polizisten, die die IDF im
Schlaf in ihrem Posten neben dem Antennenturm des Lagers töteten.
„Wir hassen die Juden
nicht“, sagt Sheik Khaled während unserer hundertsten Tasse Kaffe an diesem
Abend.
Es ist nahe 11 Uhr. Eine
kleine und mysteriöse Feuerkugel schießt plötzlich über den Himmel – von
Westen nach Osten. „Wir sind ihr Versuchsfeld“, sagte der Sheich müde. Als
es einen Moment still war, identifizierte unser Gastgeber das seltsam
surrende Geräusch, das wir hörten. Guten Abend, ein fern gesteuerter
Flugkörper (RPV), eine Drone?. Ab jetzt bis zum ersten Morgenlicht wird uns
dieses Geräusch ohne Pause begleiten. Raunend, entfernt – und sehr
bedrohend. Wenn im 1. Akt eine Pistole erscheint, dann wird im letzten Akt
ein Mord geschehen. Wenn die RPF erscheinen, dann weiß hier jeder, dass es
später eine IDF-Operation gibt.
Unser Gastgeber
versucht, uns zu beruhigen: es kann sein, dass es einen Überfall auf das
Lager gibt. Das beruhigt mich überhaupt nicht. Whrrr, whirr hört sich die
RPV an, sehr beängstigend.
Wir eilen nach Hause, wo
die Führung der Populären Front im Lager auf uns wartet. Sie nennen
einander „Rafik“-Kamerad, wie in alten Tagen. Sie sehen eher aus wie
anti-faschistische Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg. Rafik ist auch der
Name für ein Getränk im Lager, das wir auch kennen lernen und das nach Arak
schmeckt. Es gibt keinen Alkohol im Lager, aber im nächsten Dorf von Zabada
kann man welchen bekommen. Der Kommandeur der Populären Front, der nun im
Wohnzimmer sitzt, war 11 mal in Verwaltungshaft. (ohne Anklage, Übers.)
Es ist bald Mitternacht.
Wir gehen zum Abendbrot auf das Dach. Das ganze Lager befindet sich auf den
Dächern. Zwischen den schwarzen Wassertanks und den Satelliten-Antennen
versammeln sich die Familien und genießen die kühle Nachtluft. Das Whirr,
Whirr der RPV geht pausenlos weiter: der Große Bruder beobachtet. Wir
schauen nach unten. Zwischen den Bäumen wurden einmal zwei israelische
Soldaten getötet und hier im Hof wurden fünf Bewohner beerdigt. Die Erde ist
also mit Blut getränkt.
Der erste Telfonbericht
kommt um 12 Uhr 40. Ein Convoy mit Militärfahrzeugen kommt von der
Nazarethstraße. Vom Norden kommt also das Üble dieser Nacht. Wir setzen das
Mahl fort unter dem RPV-Himmel und beobachten, wie sich Jeeps mit
Scheinwerfern nähern. Um sicher zu sein, werden die Lampen auf dem Dach
gelöscht. Jamal ruft seinen Sohn, der noch auf der Straße ist, er solle
hereinkommen.
Die IDF ist in der
Stadt.
Ein Chor von
Hühnergegacker rüttelt mich aus meiner eingebildeten Ruhe wie eine Tonspur
eines sich nähernden Dramas. Es kann sein, dass sie etwas wissen, was ich
nicht weiß. Wassermelonen werden angeboten. Die Jeeps kommen näher, Ich
bedränge meine Gastgeber, nach unten zu gehen.
Um 1Uhr 30 entscheiden
wir uns, schlafen zu gehen. Und ich schlafe sofort ein. Ich hoffte erst am
Morgen aufzuwachen . Fünfundfünfzig Minuten später war die „weiße Nacht“
des Jeninlagers beendet. Jamal weckt uns flüsternd. Die IDF ist vor der Tür.
Der Vorschlag von Miki dem Fotografen, in unsern Sachen zu schlafen, war
also klug. Wir sprangen in voller Kleidung aus dem Bett. Ungeheuerlicher
Lärm ist draußen. Die Panzer und Bulldozer, die gewöhnlich vor den Jeeps
fahren, suchen nach versteckten Bomben. Sie sind direkt vor dem Fenster.
Oft begrüßen Schüsse und
Sprengkörper die ungebetenen Gäste. Heute nacht ist aber alles ruhig. Jenin
begrüßt das Militär. Das Tuckern der Bulldozer erfüllt mich mit Furcht.
Wir stehen auf und
flüstern, damit uns die Soldaten draußen nicht hören und bewegen uns zur
Treppe, dem einzigen einigermaßen geschützten Ort des Gebäudes. Der Konvoi
ist direkt vor dem Haus. Was mag jetzt geschehen? Wie viele Bewohner würden
getötet werden, wenn sie eine falsche Bewegung in der Nähe der Soldaten
machen, die einen leichten Finger am Abzug haben. Die ganze Familie sitzt
nun zusammengedrängt auf der Treppe, benommen von
Schlaflosigkeit …
Meine Gedanken wandern
nach draußen. Was wissen die Soldaten in diesen Stahlvehikeln über die
Angst, die sie Nacht für Nacht unter Tausenden von Menschen, auch unter
Kindern und Kleinkindern verbreiten? Denken sie, die jung und
gehirngewaschen sind, überhaupt an so etwas? Und was wissen die meisten
Israelis über diese Terrorüberfälle und über die, die direkt davon
betroffen sind? Warum muss die Armee hierher kommen und diese Unruhe
schaffen? Um die Leute daran zu erinnern, wer der Herr im Lande ist?
Das ganze Lager wacht so
jede Nacht auf. Aber keiner wagt, aus dem Fenster zu schauen oder das Licht
anzumachen. Keiner redet, keiner bewegt sich. Sie sitzen vornüber gebeugt
auf der Treppe, die Augen rot aus Schlafmangel. Ich werde vor Angst fast
bewusstlos. Plötzlich klingelt ein Telefon durch die Stille: Zakariya Zbeidi
ruft aus der Mukata in Ramallah an und fragt wie es uns geht. Jamal flüstert
ein bisschen später, dass der Konvoi sich entfernt hat, und wir zurück in
unsere Betten können. Ich versuche zu entspannen. Schließlich schlaf ich
ein. Es ist fast 3 Uhr 30 - vierzig Minuten eines unruhigen Schlafes –und
sie kommen zurück. Dieses Mal stell ich mich tot und bewege mich nicht aus
dem Bett. Der Panzer und der Bulldozer fahren aus irgend einem Grund vor
und zurück. Was suchen sie hier denn?
„Ich sagte dir ja heute
Abend, du musst heute ein Poet sein und kein Journalist“, erinnerte mich
mein Gastgeber Jamal, als der Tag später anbrach und wir wieder auf dem
Dach saßen.
(dt.
Ellen Rohlfs)
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