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Israel wünscht keinen
Frieden
Gideon Levy, Haaretz, 8.4.07
Die Stunde der Wahrheit
ist gekommen, und es muss gesagt werden: Israel wünscht keinen Frieden. Das
Arsenal der Ausreden ist leer und der Chor israelischer Zurückweisung klingt
hohl.. Bis vor kurzem konnte man noch den israelischen Refrain akzeptieren:
„Es gibt keinen Partner“ für Frieden, und es ist nicht der richtige
Zeitpunkt, um mit unsern Feinden zu verhandeln. Die neue Realität von heute
lässt vor unsern Augen keine Zweifel aufkommen und der längst überdrüssig
gewordene Refrain, „Israel unterstütze den Frieden“ ist zerplatzt.
Schwierig zu bestimmen,
ist der Zeitpunkt, wann dies genau geschehen ist. War es die absolute
Abweisung der Saudi Initiative? Die Verweigerung, die syrische Initiative
anzuerkennen? Das jährliche Interview zu Ostern von Ministerpräsident
Olmert? Die Abscheu gegen die von Nancy Pelosi in Damaskus gemachten
Statements ? (Sie ist die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses).Sie gab
nämlichvor, dass Israel bereit sei, mit Syrien die Friedensgespräche wieder
aufzunehmen.
Wer würde dies geglaubt
haben? Eine hochrangige US- Vertreterin sagt, Israel wünsche
Friedensgespräche aufzunehmen – und augenblicklich streitet ihr Präsident
ernsthaft ihre Worte ab. Hat Israel diese Stimmen vernommen? Denken wir
über die Bedeutung dieser Friedensstimmen nach? Sieben Millionen
apathischer israelischer Bürger beweisen, dass wir dies nicht tun.
Ganze Generationen
wachsen hier auf - gewöhnt an die Selbsttäuschung und den Zweifel über die
Wahrscheinlichkeit, mit unsern Nachbarn Frieden zu schließen. In früheren
Zeiten erzählte uns David Ben Gurion , wenn es doch nur möglich wäre, sich
mit arabischen Führern zu treffen, dann hätte er uns noch in seiner Zeit den
Frieden beschert. Israel hat direkte Verhandlungen als eine Sache des
Prinzips gefordert, und die Israelis haben ihren großen Stolz auf die
Tatsache zurückgeführt, dass ihr täglicher Wunsch nach Frieden die
hochfliegenden Ambitionen ihres Staates verborgen haben. Uns war erzählt
worden, dass es keinen Partner für Frieden gebe und dass es das letzte Ziel
der Araber sei, uns zu zerstören. Wir verbrannten die Portraits des
„ägyptischen Tyrannen“ bei unsern Freudenfeuern am Lag Ba’omer, und wir
waren davon überzeugt, dass alle Schuld, den Frieden nicht zu erlangen, bei
unsern Feinden liege.
Dann kam die Besatzung,
der der Terror folgte, Yassir Arafat, der 2. fehlgeschlagene
Camp-David-Gipfel, der Aufstieg der Hamas zur Macht, und wir waren sicher,
immer sicher, dass dies alles ihre Schuld ist. In unsern wildesten Träumen
hätten wir uns nicht vorstellen können, dass der Tag kommt, an dem uns die
ganze arabische Welt die Hände zum Frieden entgegenstreckt – und Israel
diese Geste wegwischt. Die Vorstellung wäre sogar noch wahnsinniger, wenn
dieser israelischen Ablehnung die Schuld gegeben worden wäre; denn sie
wollte die öffentliche Meinung nicht aufbringen.
Die Welt ist vollkommen
durch einander, und es ist Israel, das an der vordersten Front der
Verweigerung steht. Die Politik der Verweigerung von ein paar wenigen,
einer Vorhut der Extremen, ist nun zur offiziellen Politik Jerusalems
geworden. In seinem Pessach-Interview sagt uns Olmert, dass „ die
Palästinenser am Scheideweg einer historischen Entscheidung stehen“ – doch
die Leute haben schon vor langem aufgehört, ihn ernst zu nehmen. Die
historische Entscheidung liegt bei uns. Wir sind es, die vor dem Scheideweg
und diesen Initiativen fliehen, als ob es der Tod sei.
Den Terror als letzten
Vorwand für die israelische Verweigerung zu nutzen, hilft nur Olmert – bis
zum Kotzen – zu wiederholen: „Wenn die Palästinenser sich nicht ändern,
nicht den Terror bekämpfen, sich nicht an ihre Verpflichtungen halten,
werden sie sich nie aus dem unendlichen Chaos ziehen können“. Als ob die
Palästinenser nicht Maßnahmen gegen den Terror unternommen hätten, als ob
Israel derjenige ist, der bestimmt, was sie tun müssten, als ob Israel nicht
beschuldigt werden müsste für das unendliche Chaos, unter dem die
Palästinenser unter der Besatzung leiden.
Israel setzt die
Vorbedingungen und glaubt, es habe das ausschließliche Recht dazu. Aber
immer wieder vermeidet Israel die Grundvoraussetzung für einen gerechten
Frieden : die Besatzung zu beenden. Bei all den im Pessach-Interview an
Olmert gestellten Fragen, beunruhigte keiner Olmert mit der Frage, warum er
nicht aufgeregt auf die arabischen Initiativen ohne Vorbedingungen reagiert
habe? Die Antwort: der Grundbesitz. Der Grundbesitz der Siedlungen.
Es ist nicht nur Olmert,
der langsam tut. Eine führende Persönlichkeit der Laborpartei sagte letzte
Woche, dass es noch fünf bis zehn Jahre dauern wird, um sich von dem Trauma
zu erholen. Frieden ist jetzt nicht mehr als eine drohende Wunde. Keiner
wird über die massiven sozialen Vergünstigungen reden, die er in der
Entwicklung, Sicherheit, Freiheit der Bewegung in der Region bringen würde
und durch den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft.
Wie eine kleine Schweiz
konzentrieren wir uns in diesen Tagen auf den Dollar-Umwechselkurs und auf
die Aussagen über Unterschlagungen, die gegen das Finanzministerium erhoben
werden statt auf die schicksalshaften Gelegenheiten, die vor unsern Augen
schwinden.
Nicht jeden Tag und
nicht einmal in jeder Generation haben wir eine solche Gelegenheit. Auch
wenn nicht ganz sicher ist, ob diese Initiativen wirklich solid und
glaubwürdig sind oder ob sie auf Trick basieren, ist keiner auf die
Herausforderung zugegangen und hat sie zur Kenntnis genommen. Wenn Olmert
einmal Großvater sein wird, was wird er seinen Enkeln erzählen? Dass er im
Namen des Friedens jeden Stein umgedreht habe? Dass es keine andere Wahl
gegeben habe? Was werden seine Enkel dann sagen?
(dt.
Ellen Rohlfs) |