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Ein Dorf soll weg – Akaba im
Jordantal
Gideon Levy, Haaretz.
20.4.06
Die Klassenzimmer sind im Hof seines
Hauses, der Kindergarten und die
Dorfklinik direkt daneben und
gegenüber eine neue Moschee mit
einer seltsam herausforderndem
Doppelspitze. Alles ist
kultiviert, was in den besetzten
Gebieten nicht immer so ist. Im
Hof seines gut aussehenden
Hauses, das als Schule und als
Gemeindebüro dient, sitzt der
Bürgermeister von Akaba in einem
Rollstuhl und erwartet die
Gäste. Der Blick ist
spektakulär.
Am Rande des Jordangrabens –
südwestlich von Jenin,
nordöstlich von Nablus – sind
leuchtend grüne Felder, durch
die ein IDF-Jeep zu den
Militär-Trainingsfeldern am
Rande des Tales fährt. Seine
Räder verwüsten die gepflügten
Furchen. Dies ist eine
militärische Schießübungszone.
In den Zementstrukturen jenseits
des Dorfes trainiert die IDF den
Kampf in bebauten Gebieten
(Städte, Dörfer). Wenn die Jeeps
nicht die Weizenfelder
zerstören, füllen die
trainierenden Soldaten die Luft
mit Donnergeräuschen und
Waffengetöse.
Der an den Rollstuhl gebundene
Bürgermeister ist voller Zorn.
Er schickt e-mails und
telefoniert in alle Welt und
bittet bei der internationalen
Gemeinschaft um Hilfe, dass sein
Dorf gerettet werden möge. Die
Resultate sind sichtbar: die
deutsche Regierung hat einen
Brunnen gespendet, die
japanische eine Klinik, die
belgische baute einen
Kindergarten, für den die
kanadische einen Zaun baute; die
britische setzte die
Strommasten, die amerikanische
pflasterte die Straße. Alle
diese Projekte sind nun von
Abrissbefehlen bedroht, die von
der Zivilen Verwaltung der isr.
Militärregierung kommen – aber
Sami Sadek ist nicht jemand, der
so schnell aufgibt.
Als er 16 war, wurde er von drei
Kugeln der IDF getroffen, die in
den Feldern seines Dorfes übten.
Seitdem muss er einen Rollstuhl
benützen. Jetzt ist er 50. Er
hat nie geheiratet, nie eine
eigene Familie gehabt. Nachdem
er seine Arbeit als
Verwaltungsdirektor eines
Krankenhauses in Jericho
aufgegeben hat, ist das Dorf
seine Lebensaufgabe, wo er
Chef des lokalen Gemeinderats
wurde.
Nur 300 Bewohner blieben in Akaba,
400 andere haben es verlassen,
nachdem sie keine Genehmigung
bekamen, im Dorf für sich ein
neues Haus zu bauen. Die äußere
Erscheinung erzählt schon seine
Geschichte: am Rande des
öffentlichen Platzes, der
piko-bello ist, stehen
provisorische Hütten und Zelte,
in denen die meisten Bewohner
leben, die hier Landbesitz
haben, aber von Israel daran
gehindert werden, Häuser zu
bauen. Hier hat die Verbindung
zum Land soziale Bedeutung. In
Israel gibt es nur wenige
Kindergärten und Klassenzimmer,
die so gut aussehen wie die von
Sami Sadek in Akaba.
Vom leuchtenden Minarett der Moschee
erstrecken sich oben noch zwei
Türmchen, als ob sie wie zwei
Finger das Siegeszeichen gen
Himmel strecken . Der 24 m hohe
Turm – wie die Moschee aus
Spenden gebaut - wird zuweilen
von Soldaten mit ihren Handys
fotografiert – eine Erinnerung
an Akaba.
„Die zwei Finger regen die Soldaten
auf,“ sagt mir der Landbesitzer.
Ich wollte eine Moschee, wie sie
sonst nirgendwo im Nahen Osten
existiert. Die Soldaten fragen,
warum ich solch einen Turm bauen
ließ. Ob vielleicht wegen des
Sieges, weil die IDF den
Außenposten räumen musste.
Doch die IDF hat dem kleinen Dorf den
Krieg erklärt: Kontrollpunkte,
Abrissbefehle, nächtliche
Überfälle, Konfiszierung der
Ausweise, Verhaftungen,
Vertreibungen. Sadek, der
hebräisch spricht, wird davon
nicht abgeschreckt. Freundlich
lächelnd ist er ein
unverbesserlicher Optimist. Er
hat ein farbiges Pamphlet
hergestellt, das aller Welt von
der Gefahr berichtet, die seinem
Dorf droht, und über das Leid,
das seine Bewohner durchstehen
müssen. Auf dem Pamphlet ist ein
fotokopierter Abrissbefehl für
die öffentlichen Gebäude, die er
bauen ließ.
In seinem Anwesen wird er von seiner
alten Mutter, seiner Schwester
und deren Kindern versorgt. Alle
Dorfkinder sind geschickt,
seinen Rollstuhl durch die
Straßen zu fahren. „Ich wurde
hier geboren und verwundet,“
sagt er ohne Beschönigung. Es
war 1971, als ihn drei Kugeln
trafen. Seitdem ist er
querschnittgelähmt. Zwei Kugeln
wurden ihm im Krankenhaus in
Afula entfernt, eine blieb – sie
liegt zu nah am Herzen.
Im Laufe der Jahre wurden viele
Dorfbewohner von verirrten
Kugeln getroffen. 8 Dorfbewohner
wurden getötet . 2000 wurde nach
einer Petition an den Obersten
Gerichtshof ein „Außenposten“
entfernt. Es blieb aber ein
dauerhafter Kontrollpunkt am
Ende der Straße, die bei Tayasir
in den Jordangraben hinab führt,
und der Übungsplatz für die IDF
gegenüber des Dorfes.
Akaba ist vom übrigen Jordantal
abgeschnitten. Keiner kann nach
Osten gehen oder von dort
kommen. Der Weg nach Westen,
nach Jenin war diese Woche
offen, aber plötzlich in Zabada
durch einen „fliegenden
Kontrollpunkt“ blockiert. Eine
lange Reihe von LKWs und PKWs
standen da und warteten.
Routine. Wozu wird hier ein
Kontrollpunkt errichtet, wo es
keine israelischen Siedlungen in
diesem Gebiet und nur wenige km
weiter einen bleibenden
Kontrollpunkt gibt? Keiner
stellt Fragen, keiner antwortet.
Sadek ist davon überzeugt, dass es
Israels Ziel ist, alle
Dorfbewohner von ihrem Land zu
vertreiben. Im Oktober 2003
zerstörte die IDF einige
Steingebäude des Dorfes,
einschließlich des
Wasserreservoirs. „Sie übten
solchen Druck auf uns aus, damit
wir das Dorf verlassen. Dabei
verhalten sich die Leute still
und machen keine
Unannehmlichkeiten. Die Soldaten
jedoch bereiten
Unannehmlichkeiten. Vor ein paar
Jahren fiel ein Jeep in einen
Wadi, und die Dorfbewohner
halfen den Soldaten heraus. Aber
statt sich zu bedanken, sagten
sie „Haut ab!“
Und einige Tage später kam der
Abrissbefehl für unsere Klinik.“
Sadek fürchtete sich nicht davor,
sondern beeilte sich, die ganze
Welt zu alarmieren. Er schrieb
an MK Yossi Sarid (Meretz) und
an Issam Makhoul (Hadash) und
rief den britischen Konsul an,
dessen Regierung geholfen hat,
die Klinik zu bauen. „Der
britische Außenminister rief
Israel an und sagte, es sei
verboten, die Klinik zu
zerstören.“ Die Klinik wurde
verschont – wenigstens
vorläufig.
Im Hof seines Anwesens hat Sadek ein
drahtloses Telefon, mit dem er
überallhin telefonieren kann.
Der Tisch im Garten ist
gleichzeitig das Büro des
Gemeinderats. Am Ende des Hofes
steht ein Bienenstock, der etwas
Honig einbringt. Die Bewohner
bearbeiten die Felder auf ihrem
eigenen Land, deren Besitzrechte
registriert sind. Weizen,
Mandeln, Oliven, Zwiebeln und
Basilikum – die nicht künstlich
bewässerte Ernte von Akaba.
Einige der Dörfler sind Hirten,
die Schafe und Ziegen halten.
Manchmal sprechen sie ( die
israelische Besatzung) von
„Schießübungsplatz“, manchmal
von „landwirtschaftlicher Zone“
– auf jeden Fall lassen sie uns
nichts bauen.
Während die Dörfler sich nicht zu
bauen trauen, baut Sadek weiter
öffentliche Gebäude mit Hilfe
internationaler Spender in der
Hoffnung, dass die Spender auch
in der Lage sein werden, die
Zerstörung zu verhindern. Das
ist Internationalisierung im
Akaba-Stil.
„Im Kindergarten haben wir 100
Kinder“, erzählt er, „sie
wollten ihn zerstören. Aber es
wurde uns von Amerika geholfen.
Sie gingen zum Kongress ...
Vor ein paar Monaten wurde Mohammed
D., 16, verhaftet und seine
Schafherde konfisziert.
Sadek rief die Vereinigung für Zivile
Rechte in Israel an – der Junge
wurde entlassen ...
Letzte Woche fuhr Sadek nach Nablus.
Am Kontrollpunkt wurde er 3,5
Stunden lang verhaftet. „Ich
sagte dem Soldaten, ich sei
behindert ... Das ist mir egal,
antwortete der Soldat. So gehen
sie mit Behinderten um.“
Dann ging es um Straßenbau. Außerhalb
des Dorfes durfte es keine
Asphaltstraße, die von USAID
finanziert worden wäre, sein.
„Ich fragte den Gouverneur warum? Es
ist verboten - es ist
militärisches Sperrgebiet!“ Ich
fragte:
„Wieso stört euch die Straße? Die
Klinik? Die Moschee? Der
Kindergarten? Wieso stören sie
Israel?
Sind sie eine Gefahr für den Staat?
Warum wollt ihr nicht, dass die
Menschen hier in Frieden leben?“
Er sagte mir: ich bin nur eine kleine
Nummer, frag den
Verteidigungsminister!“
Die nächste Bedrohung ist nun der
Trennungszaun für den
Jordangraben. Wenn er westlich
von Akaba gebaut wird, dann ist
das Dorf völlig abgeschnitten
und in eine Enklave eingesperrt.
...Was dann – die Dorfbewohner
sind in großer Sorge.
Dies sei eine Ruine (Khirbet), die in
einer militärischen Sperrzone
errichtet wurde. Der Sprecher
der Zivilen Verwaltung besteht
darauf, dass auch dieses Dorf
Khirbet Akaba heißt. Wurde das
alte Dorf wirklich erst dann
hier erbaut, als es zu einer
Schießzone erklärt wurde? Wer
war hier zuerst – diejenigen die
hier „Kriegsführung in
Stadtgebiet“ üben wollen oder
die Bauern, die hier ihr Land
seit Generationen bearbeiten?
Sadek erzählt auch davon, dass
der Ort schon zu römischen
Zeiten bewohnt war. „Das Dorf
ist klein aber wunderbar, nicht
wahr!“
....
(dt. und gekürzt
:Ellen Rohlfs)
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