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Die
Notwendigkeit, zu vergessen
Yehuda Elkana
Ich wurde als Junge von 10 Jahren
nach Auschwitz gebracht und überlebte den Holocaust.
Die Rote Armee befreite uns, und
wir verbrachten einige Monate in einem russischen
„Befreiungslager“. Später bin ich zu dem Schluss gekommen, dass
es keinen großen Unterschied gibt im Verhalten vieler Menschen,
denen ich begegnet bin: Deutsche, Österreicher, Kroaten,
Ukrainer, Ungarn, Russen und andere. Mir wurde klar, dass das,
was in Deutschland geschehen ist, überall geschehen kann: in
jedem Volk, auch in meinem eigenen. Andrerseits kam ich zu dem
Schluss, dass es möglich ist, solch schreckliche Ereignisse
durch entsprechende Erziehung und dem richtigen politischen
Rahmen zu verhindern. Es hat nie einen historischen Prozess
gegeben, der notwendigerweise zu einem Genozid führte.
Nach meiner Einwanderung 1948 nach
Israel habe ich mich jahrzehntelang nicht bewusst darum
gekümmert, ob man aus dem Holocaust eine politische und
pädagogische Botschaft gewonnen( vielleicht eher: eine Lehre
gezogen) hat. Zu sehr mit meiner eigenen Zukunft beschäftigt,
vermied ich theoretische Verallgemeinerungen über die Anwendung/
das Ausnützen ( die Instrumentalisierung) der Vergangenheit.
Nicht dass ich sie unterdrückte oder mich weigerte, darüber zu
sprechen, was mir zugestoßen ist. Ich sprach oft mit meinen vier
Kindern über die Vergangenheit und die Lehren, die ich daraus
gezogen habe. Ich teilte Emotionen und Gedanken mit ihnen – aber
nur auf persönlicher Ebene. Meine Abneigung, dem
Eichmann-Prozess zu folgen; mein starker Widerwille gegen den
Demjanuk-Prozess, meine Weigerung, meine Kinder bei Besuchen von
Yad Vashem zu begleiten – dies schien mir nur eine persönliche
Eigenart zu sein. Heute jedoch sehe ich die Sache in einem
anderen Licht.
Während ich in den letzten Wochen
mit meinen Freunden redete, empfand ich gegenüber denen, die
hier geboren wurden und nicht den Holocaust durchlebten, einen
seltsamen Vorteil. Wann immer es einen Bericht über einen
„anormalen Vorfall“ gibt, ist ihre erste Reaktion , dies nicht
zu glauben; erst wenn die Realität ihnen ins Gesicht schlägt,
geben sie den Fakten nach. Viele verlieren dann jedes Gefühl von
Verhältnismäßigkeit und sind bereit, den Standpunkt
einzunehmen: „Sie sind alle gleich“ oder „ so ist die
israelische Armee “ ; oder sie verabscheuen beide, die Täter
solcher Taten und hassen die Araber, die uns dahin gebracht
haben. Viele glauben, dass die Mehrheit der Israelis von einem
tiefen Hass gegen die Araber verzehrt werden und sind
gleichzeitig davon überzeugt, dass die Araber einen tiefen Hass
gegen uns empfinden. Nichts davon trifft auf mich zu.
Zunächst einmal, es gibt kein
„anormales Ereignis“, das ich nicht mit eigenen Augen gesehen
habe. Ich meine das buchstäblich: Ich war Augenzeuge vieler
Vorfälle; ich sah wie ein Bulldozer Menschen lebendig begräbt;
ich sah , wie eine aufgebrachte Menge, die lebenserhaltenden
Geräte von alten Leuten im Krankenhaus wegriss; ich sah wie
Soldaten die Arme von Zivilisten, einschließlich Kindern,
brachen. Für mich ist das alles nicht neu. Gleichzeitig
verallgemeinere ich nicht. Ich denke nicht, dass uns alle
hassen; ich denke nicht, dass alle Juden die Araber hassen; ich
hasse nicht die, die für die „Anormalitäten“ verantwortlich
sind. Aber das bedeutet nicht, das ich über ihre Taten
stillschweigend hinwegsehe oder dass ich nicht erwarte, dass sie
mit der vollen Schärfe des Gesetzes bestraft werden.
Andrerseits suche ich nach den
tieferen Wurzeln von dem, was in diesen Tagen geschieht. Ich bin
nicht einer von denen, die glauben, dass die Hälfte dieses
Volkes aus brutalen Kerlen
besteht. Bestimmt bin ich
keiner von jenen, die Brutalität als ein ethnisches Phänomen
ansehen. Zunächst sehe ich keine Verbindung zwischen
unkontrolliertem Verhalten und ideologischem Extremismus.
Außerdem ist ideologischer Extremismus charakteristisch für
Juden aus Russland, Polen und Deutschland, viel mehr als bei
jenen, die aus Nordafrika oder Asien kommen.
Einige meinen, dass der Mangel an
Sicherheit, der wirtschaftliche und soziale Druck eine
frustrierte Generation geschaffen hat, die für sich persönlich
und existentiell keine Zukunft
sieht – keine Hoffnung auf höhere
Bildung und Beruf, dass man sich anständig versorgen, eine
passende Wohnung und ein vernünftiges Leben führen kann. Es ist
schwierig, die Wahrheit dieser Vermutung einzuschätzen und
besonders die Anzahl der Leute abzuschätzen, bei denen diese
Art von Frustration angeblich vorliegt. Dass persönliche
Frustration zu „anormalem“ Verhalten führen kann, ist
wohlbekannt.
In letzter Zeit kam ich zu der
Überzeugung, dass der ausschlaggebende politische und soziale
Faktor, der die israelische Gesellschaft in ihren Beziehungen zu
den Palästinensern motiviert, nicht persönliche Frustration ist,
sondern eher eine tiefe existenzielle Angst
(A n g s t im Original
Deutsch/E.R.)
, die sich von einer
bestimmten Interpretation der Lehren des Holocaust nährt, und
der Bereitschaft, zu glauben, dass die ganze Welt gegen uns ist
und dass wir die ewigen Opfer sind. In diesem uralten Glauben,
der von vielen geteilt wird, sehe ich den tragischen und
paradoxen Sieg Hitlers. Zwei Nationen tauchten – bildlich
gesprochen – aus der Asche von Auschwitz auf: eine Minderheit,
die erklärt, „dies darf nie wieder geschehen,“ und eine
angsterfüllte und verfolgte Mehrheit, die erklärt, „Dies darf
uns nie wieder geschehen.“ Es ist offensichtlich dies, wenn
dies die einzigen Lehren sind , dann habe ich mich immer an der
ersteren festgehalten und die zweite als eine Katastrophe
angesehen. Hier unterstütze ich nicht eine dieser beiden
Positionen, sondern möchte lieber behaupten , dass jede
Lebensphilosophie, die sich nur oder zum großen Teil aus dem
Holocaust nährt, zu verheerenden Konsequenzen führt.
Ohne die historische Bedeutung
des kollektiven Gedächtnisses zu ignorieren, ein Klima in dem
ein ganzes Volk seine Haltung zur Gegenwart bestimmt und seine
Zukunft dieser Gesellschaft gestaltet, wenn es in relativer
Ruhe und relativer Sicherheit zu leben wünscht wie alle anderen
Völker. Geschichte
und kollektive Erinnerung sind untrennbarer Bestandteil jeder
Kultur, aber die Vergangenheit kann nicht und darf nicht das
herrschende Element sein, das die Zukunft der Gesellschaft und
das Schicksal eines Volkes entscheidend bestimmt.
Die bloße Existenz der Demokratie
ist gefährdet, wenn das Gedächtnis an die Toten aktiv am
demokratischen Prozess teilnimmt. Faschistische Regime
verstehen dies sehr wohl und handeln danach. Wir verstehen es
heute, und es ist kein Zufall, dass viele Studien über
Nazi-Deutschland sich mit der politischen Mythologie des Dritten
Reiches befassen. Indem man sich auf die Lehren der
Vergangenheit verlässt, um die
Zukunft zu bauen - und das vergangene Leiden als politisches
Argument ausbeutet – , bezieht man die Toten in das politische
Leben der Lebenden mit ein.
Thomas Jefferson schrieb einmal,
dass Demokratie und Verehrung der Vergangenheit nicht vereinbar
sind. Demokratie fördert die Gegenwart und die Zukunft. Zu viel
von „Erinnere dich!“ und Sucht nach der Vergangenheit
untergräbt die Fundamente der Demokratie.
Wäre der Holocaust nicht so tief in
das nationale Bewusstsein eingedrungen, bezweifle ich, ob der
Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu so vielen „Anormalitäten“
geführt hätte und ob der politische Friedensprozess heute in
einer Sackgasse gelandet wäre.
Ich sehe keine größere Bedrohung
für die Zukunft des Staates Israel als die Tatsache, dass der
Holocaust systematisch und gewaltsam in das Bewusstsein der
israelischen Gesellschaft gedrungen ist, selbst in jenen großen
Teil, der die Erfahrung des Holocaust nicht durchgemacht hat und
selbst in jene Generation, die hier geboren und aufgewachsen
ist. Zum ersten Mal verstehe ich den Ernst/ die Schwere von dem,
was wir tun, wenn wir jahrzehntelang jedes israelische Kind
mehrfach Yad Vashem besuchen lassen. Was wollen wir, dass jene
sensiblen Jugendlichen mit diesen Erfahrungen tun? Was sollen
Kinder mit solchen Erinnerungen anfangen? Der ernste Appell: „
Gedenke, erinnere dich!“ („Zechor“!“) Zu welchem Zweck? Was soll
das Kind mit solchen Erinnerungen tun? Viele dieser Bilder jener
Schrecken eignen sich dazu, als Aufruf zum Hass interpretiert zu
werden. „Zechor!“ kann leicht als Aufruf zum anhaltenden und
blinden Hass verstanden werden. (Hervorhebungen:Herausgeber)
Es mag sein, dass sich die
Weltöffentlichkeit noch lange erinnern muss. Ich bin mir nicht
einmal darin sicher, aber auf jeden Fall ist dies nicht unser
Problem. Jede Nation, einschließlich der Deutschen, wird sich
für ihren eigenen Weg entscheiden und auf der Grundlage ihrer
eigenen Kriterien, ob sie sich erinnern wollen oder nicht.
Was uns betrifft –
wir müssen vergessen lernen!
Heute sehe ich für die Führer dieser Nation keine wichtigere
politische und pädagogische Aufgabe, als für das Lebens
einzutreten, sich der Gestaltung unserer Zukunft in diesem Lande
zu widmen und nicht tagaus tagein nur mit den schrecklichen
Symbolen, quälenden Zeremonien und der düstern Lehre des
Holocaust beschäftigt zu sein. Sie müssen die Vorherrschaft
dieses historischen „Erinnere dich!“ über unser Leben unbedingt
beenden (uproot) .
Was ich hier geschrieben habe ist
hart, und - entgegen meiner Gewohnheit – in schwarz-weiß
angegeben. Dies ist kein Zufall oder eine flüchtige Stimmung
meinerseits. Ich habe keinen besseren Weg gefunden, um die
Ernsthaftigkeit des Problems aufzuzeigen. Ich weiß sehr wohl,
dass keine Nation ihre Vergangenheit total vergisst oder
vergessen soll – mit allem was sie einschließt. Natürlich gibt
es einige Mythen, die zum Aufbau unserer Zukunft wesentlich
sind, wie der Mythos von den hervorragenden Leistungen (myth of
excellency) oder der Mythos von der schöpferischen Begabung;
ganz sicher ist es nicht meine Absicht, mit dem Lehren unserer
Geschichte aufzuhören. Was ich versuche, ist, den Holocaust aus
der Mitte unserer nationalen Erfahrung zu nehmen.
Haaretz am 2.3.88
(dt. Ellen Rohlfs)
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