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Texte von Shraga Elam

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Palestinian Economic Independence
Human rights - economic rights

 

 

 


DOPPELPUNKT

STAATSRAISON UND MORAL:


DIE BRÜCKE VON SANKT MARGRETHEN
Menschen als internationale Handelsware

 

(Sonntag, 11. Januar 1998, 20.00 - 21.00, DRS1;
Z: Mittwoch,
14. Januar 1998, 15.00 - 16.00, DRS2)

Hanspeter Gschwend und Shraga Elam

  

 

Signet:            „Doppelpunkt“

 

Gd.:                 Am 21, August 1944, um 10Uhr 30, liessen die Schweizer Wachtposten am Brückenkopf von Sankt Margrethen einen Mann um die sechzig auf die Brücke treten, welche über den alten Rhein ins damalige Hitlerdeutschland führte, ins heute wieder österreichische Höchst. Von dort her schritten vier Männer auf ihn zu, voran ein eleganter und schnittiger Mittdreissiger in der Uniform eines SS-Oberstleutnants. Der ältere Mann auf der Schweizer Seite war Jude. Die Herren begrüssten sich und begannen eifrig zu verhandeln, stehend und mitten auf der Brücke.

 

                        Am selben Tag rollte ein Zug mit 318 ungarischen Juden aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen in die Schweiz.

 

                        Der Schweizer auf der Brücke hiess Saly Mayer. Er war ehemaliger Besitzer einer St.Galler Spitzenfabrik und vormaliger Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.  Zum Zeitpunkt, von dem wir berichten, war er Schweizer Vertreter einer amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation, des „American Jewish Joint Distribution Commitees“, bekannt unter dem Kürzel „Joint“ - das heute unter andern Organisationen für die Verteilung von Geldern des Holocaust-Fonds sorgt. Doch obwohl es in den Verhandlungen auf der Brücke für Saly Mayer genau um eines der Ziele des „Joint“ ging, nämlich um die Rettung von Juden vor der Vernichtung durch die Nazis, durfte er nicht im Namen des „Joint“ verhandeln. Er erklärte seinen Verhandlungspartnern, er spreche im Auftrag einer schweizerischen Organisation. Warum, werden wir hören.

 

                        Der SS-Offizier hiess Kurt A. Becher und stand bei SS-Reichsführer Heinrich Himmler in hoher Gunst, weil er den grössten ungarischen Schwerindustriekonzern Weisz seinen jüdischen Besitzern abgepresst und in SS-Hände überführt hatte. Nebst zwei weiteren Nazis nahm auch Rudolf Israel Kastner an der Seite Bechers an der Verhandlung teil. Kastner vertrat eine ungarische zionistische Rettungsorganisation.

 

                        Das Angebot der Deutschen an Saly Mayer: Gegen 10'000 Lastwagen sollten Juden aus dem nationalsozialistischen Machtbereich nach Amerika auswandern dürfen - auf den Schiffen, die die Lastwagen aus Amerika liefern würden.

 


Dies geschah, wie gesagt, im August
1944 - zu einem Zeitpunkt, da einerseits die Nazis die systematische Vernichtung der Juden fortführten, zu einem Zeitpunkt, da andererseits die Amerikaner über Rom hinaus nach Norditalien vorgedrungen waren, die Befreiung von Paris unmittelbar bevorstand und die Russen an die polnische Grenze und in den Balkan vorstiessen.

 

                        Die Verhandlungen von Saly Mayer mit den SS-Leuten waren  damals nicht die einzigen der Art.  Wie waren sie überhaupt möglich? Waren sie seriös? Ging es wirklich um die Rettung von Juden bzw., um Waren und Geld, oder ging es um ganz anderes? Haben da Juden mit SS-Leuten kollaboriert oder SS-Leute mit Juden, und wenn ja, mit welchem Ziel? Und warum sind viele Versuche, durch solche Verhandlungen Juden zu retten, gescheitert?

 

                        Um es gleich vorauszunehmen: Es gibt viel Literatur zu diesem Thema, aber es gibt keine eindeutige Antwort, und erst recht können wir sie nicht in einer Radiosendung geben. Aber wir können das vorhandene Material, die Literatur und die Recherchen, die der Publizist Shraga Elam für den Verlag Ringier und für „Doppelpunkt“ gemacht hat, als Beispiel heranziehen für die Diskussion einer These, die schon Machiavelli vor bald 500 Jahren in seinem Buch „Il Prinicpe“ formuliert hat:

 

Sprecherin:

 

Oft ist es notwendig, um einen Staat erhalten zu können, gegen Treu und Glauben, gegen die Nächstenliebe, gegen die Menschlichkeit und gegen die Religion zu handeln. [1]

 

 

Gd.:                 Man kann dieser Liste von Prinzipien, die über Bord geworfen werden, wenn es darum geht, die Interessen eines Staates zu verfolgen - und diese Interessen sind immer auch mit wirtschaftlichen Interessen verflochten - man kann dieser Liste von Prinzipien, die da plötzlich nicht mehr gelten, auch die Ideologie hinzufügen.

 

                        Um also Anschauungsmaterial für die Diskussion der These zu erhalten, dass Machiavelli auch nach 500 Jahren und für demokratische Staaten ebenso wie für Dikataturen noch Gültigkeit hatte und hat, müssen wir eine Zeitschlaufe in die weitere Vorgeschichte der Begegnung auf der Brücke von St.Margrethen machen und zunächst die Politik der Nazis gegenüber den Juden betrachten, die zur systematischen Vernichtung geführt hat. Unser Gewährsmann ist dabei wie erwähnt Shraga Elam, ein in der Schweiz lebender Israeli, der sich von einer auf alle Seiten hin kritischen Position her seit langem mit dieser Thematik auseinandersetzt und Ergebnisse kürzlich in dem Buch „Die Schweiz am Pranger“ sowie in verschiedenen Artikel in der Zeitschrift „Cash“ veröffentlicht hat.

 

Sprecher:

Die gängige Interpretation begründet die Judenvernichtung zu schwergewichtig mit der Naziideologie. Sie vernachlässigt dabei die Tatsache, dass auch die Nazis eine Realpolitik betrieben. So wird behauptet, dass es dem Hitler-Regime von Anfang an und konsequent um eine bedingungslose Ausrottung der Juden ging. Es muss jedoch in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass das Projekt "Auschwitz" in den Jahren 1940 und '41 eher als Wende in der deutschen Judenpolitik zu betrachten ist.

Denn bis zu diesem Zeitpunkt verfolgten die Nazis „nur“ - nur in Anführungszeichen - das Ziel, die Juden aus ihrem Machtbereich bzw. aus Europa zu vertreiben.

 

So wird es verständlich, dass der Zionismus in den 30er Jahren die offene Unterstützung der Nazis genoss, denn diese beiden nationalistischen Bewegungen sahen - freilich aus ganz unterschiedlichen Motiven - keine Zukunft für die Juden in Europa.

So konnten auch noch während des Krieges zionistische Organisationen im deutschen Einflussgebiet legal operieren. Und schon in den 30er Jahren hatte die Führung der Jüdischen Gemeinde in Palästina ein wirtschaftliches Abkommen mit Nazi-Deutschland abgeschlossen: das sog. Ha'avara-  oder Transfer-Abkommen.

 

Laut dieser Abmachung durften deutsche Juden ihre Vermögen - allerdings nur unter grossen Einbussen - nach Palästina transferieren. Ihre Besitztümer in Deutschland wurden - selbstverständlich nicht zum vollen Preis - verkauft, und aus dem Erlös wurden deutsche Produkte erstanden, welche in den Nahen Osten gesandt wurden. Eine für dieses Geschäft speziell gegründete Gesellschaft verkaufte diese Ware, um dann das Geld - abzüglich happiger Spesen - den ursprünglichen Besitzern zu vergüten.

 

Auf diese Weise wurden die Nazis mehrere reiche Juden los, ohne dass sie dies spärlich vorhandene Fremdwährung kostete, und die Auswanderung von wenig bemittelten Juden wurde dadurch begünstigt. Die Zionisten erhielten dadurch dringend notwendiges Kapital für den Aufbau des jüdischen Staates, während das Nationalsozialistische Regime  die von jüdischen Organisationen geführten internationalen Boykotte durchbrechen konnten. Denn eine der wichtigsten den Boykott führenden  Bewegungen wurde plötzlich zur Generalvertretung deutscher Güter für den ganzen Nahen Osten.

 

Diese Politik stand allerdings im Widerspruch zur Tatsache, dass der palästinensische Mufti, der Führer der arabischen Bevölkerung Palästinas, ein Verbündeter der Nazis war. Deshalb wurde dieser Handel 1938 offiziell beendet. Kurz zuvor aber hatte die SS angefangen, sich für den Zionismus zu interessieren. Als Experte für diese Frage trat  niemand anders als Adolf Eichmann auf. Eichmann war der Verantwortliche der SS für die jüdische Auswanderung, die dann im Lauf der Zeit zur Deportation und Vernichtung wurde. Es gibt zahlreiche Berichte von seinem Besuch in Haifa 1938. Praktisch unbekannt ist, dass er enge Kontakte mit zionistischen Vertretern in Wien pflegte, die ihm auch Hebräisch-Unterricht vermittelten - Eichmann bezahlte dafür 3 Reichsmark pro Stunde.

 

Vor diesem Hintergrund muss das vom Staat organisierte Pogrom, die 'Kristallnacht' im November 1938, gesehen werden: Als Massnahme, die durch ihre Schockwirkung die Massenemigration der Juden auslöst. Tatsächlich wuchs danach die Zahl der Juden, welche die Flucht ergriffen, schlagartig.

 

Gd.:                 Offenbare Widersprüche erweisen sich also als pragmatische Logik: Dass die Nationalsozialisten mit den Zionisten ein Abkommen schlossen, das die Auswanderung der Juden nach Palästina fördert, kommt beiden Seiten auf ihre Weise entgegen, obwohl der Judenhass zur Ideologie des einen Vertragspartners gehörte, und der andere durch die Verfolgungen, denen die Juden zum Zeitpunkt des Abkommens bereits ausgesetzt waren, die Bösartigkeit dieses Partners kennen musste. Zwei Punkte sind dabei noch zu erwähnen: Die meisten deutschen Juden waren keine Zionisten und wollten in Deutschland leben. Und das Transfer-Abkommen wurde mit ausdrücklicher Genehmigung durch Adolf Hitler geschlossen.

                        Selbst als diese Pragmatik in Konflikt mit einem andern Grundsatz kam, nämlich der Treue zu Verbündeten im Fall des palästinensischen Muftis, führten die Nazis unter der Hand die Geschäfte mit den Zionisten noch weiter, solange es anging.

 

                        Erst  ende 1940, anfangs 1941 wurde die systematische Vernichtung der Juden Teil der Politik der Nationalsozialisten und insbesondere der SS. Eichmann war damals mit dem Plan beschäftigt, die Juden nach Madagaskar zu deportieren. Nun musste er sich dem Judeozid, der Massenvernichtung der Juden zuwenden. Was hatte den Kurswechsel bewirkt? Shraga Elam fasst zusammen:

 

Sprecher:

Der Entscheid, die Judenvernichtung zu planen, fiel zusammen mit dem Zeitpunkt, zu dem Himmler und anderen hochrangigen Offizieren sowie Exponenten der Grossindustrie bewusst wurde, dass der Krieg wegen des bevorstehenden Russlandfeldzuges für verloren angesehen werden musste. Nüchterne Militärexperten erkannten, dass der Mangel an Treibstoff für die hochmotorisierte Wehrmacht und der primitive Zustand der Verbindungswege in der Sowjetunion unüberwindliche Hindernisse waren. Doch Hitler war nicht zu bewegen, auf seine „Operation Barbarossa“, also auf den Angriffskrieg gegen die Russen zu verzichten. Spätestens am 31.Juli 1941 war es dann Himmler klar, dass sich seine Befürchtungen bewahrheiteten: Von 18 an der Ostfront eingesetzten Panzerdivisionen mussten gut 40% als endgültig vernichtet angesehen werden, und die Menschenverluste waren horrend.

 

Es gibt viele Belege dafür, dass SS-Grössen versuchten, mit den Alliierten über einen Sonderfrieden zu verhandeln. In der gleichen Zeit aber wurde die SS die treibende Kraft in der Planung der Judenvernichtung. Wenn diese bekannt wurde, musste sie den angestrebten Friedensverhandlungen im Weg stehen. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen?

 

Der Historiker Arno Meyer versucht, das Paradox mit einem pathologischen Hass gegen die jüdischen Menschen zu erklären. Dieser Hass sollte der Grund für einen Kreuzzug gegen die Juden sein, der bis zum bitteren Ende ge­führt werden sollte. Aber diese Erklärung passt nicht zur tatsächlichen Politik der SS. Denn immer wieder wurden ausgerechnet die meistgehassten reichen Juden gegen Lösegelder freigelassen.  Einige Monate vor Kriegsende befahl Himmler sogar, die Judenvernichtung einzustellen und nicht zu intensivieren.

 

Gd.:                 Wenn unsere These stimmt, dass Machthaber primär nach der Logik handeln, die der Erhaltung ihrer Macht dient, und wenn diese Macht mit der Existenz eines Staates verbunden ist, dann nach der Logik, die der Existenz dieses Staates dient, so müsste eigentlich die Verhandlungsabsicht der SS-Führung einerseits und ihr Vorantreiben der „Endlösung der Judenfrage“ andererseits eine logische Verbindung haben. Eine solche Verbindung kann man tatsächlich finden. Shraga Elam:

 

Sprecher:
Man kann tatsächlich den scheinbaren Widerspruch als zwei sich ergänzende Teile eines Gesamtplans sehen. Wenn nämlich die SS-Führung überzeugt war, dass das sogenannte „Weltjudentum» eigentlich die Welt regiere, dann konnte man durch die Drohung und Durchführung des Völkermords an den Juden auf dieses imaginäre „Weltjudentum“ Druck ausüben: Es sollte dazu bewegt werden, seinen bestimmenden Einfluss auf die renitenten Weltmächte geltend zu machen, damit diese in Sonderfriedensverhandlungen einwilligten
.

 

Auf diesem Hintergrund muss die Botschaft des deutschen Industriellen Eduard Schulte verstanden werden. Schulte, der im Umfeld des Auschwitz-Planungsstabs tätig war, kam Juli 1942 in die Schweiz und suchte eine jüdische Person mit Kontakten jenem "Weltjudentum".  Die Schilderungen Schultes gelangten an Dr. Gerhart Riegner, den Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in Genf.

 

Riegner schrieb einen Bericht, der zur amerikanischen Botschaft in Bern und von dort ins State Departement in Washington weitergeleitet wurde. Dort wurde der Bericht als unglaubwürdig taxiert.

 

Der US-Botschaft in Bern wurde die Weisung erteilt, künftig die Übermittlung solcher Meldungen an Dritte abzulehnen,

 

Sprecherin:
sofern nicht nach gründlicher Prüfung Grund zu der Annahme besteht, das eine solch abenteuerliche Meldung nach Meinung der Botschaft eine gewisse Glaubwürdigkeit besitzt oder sofern sie nicht eindeutige amerikansche Interessen berührt.
[2]

 

 

Sprecher:
Ebensowenig wie das State Department bereit war, auf Meldungen über die systematische Judenvernichtung einzugehen und diese zu verbreiten, war es bereit, auf die später folgenden deutschen Angebote einzugehen, über Juden zu verhandeln. Dies nicht etwa, weil das Aussenministerium an der Seriosität des Verhandlungsangebots zweifelte. Im Gegenteil, schrieb zum Beispiel David Wyman in seinem gründlich recherchierten, zur Zeit vergriffenen Buch mit dem deutschen Titel „Das unerwünschte Volk“:

 

Sprecherin:
Tatsächlich betrachteten die amerikanische und die britische Regierung, wie sich in der Folge zeigte, jede Gelegenheit, eine grössere Anzahl von Juden dem Zugriff der Nazis zu entziehen, nicht etwa als Glücksfall, sondern als drohende Belastung
.[3]

 

Sprecher:
Mit Belastung meint Wyman zum Beispiel die Befürchtung, dass eine Masseneinwanderung von Juden in die USA erfolgen würde. Diese wiederum wäre schon nur angesichts verbreiteter antijüdischer Einstellung in den USA unerwünscht gewesen.

 

Ein Beamter der Europaabteilung des State Departements, R. Borde Reams, begründete die „Gefährlichkeit“ der Verhandlungen mit Deutschland über die Freilassung von Juden im Frühjahr 1943 wie folgt:

 

Sprecherin:
 Während in der Theorie jedes derartige an die deutsche Regierung gestellte Ansinnen mit einem glatten Nein beantwortet worden wäre, hätte in der Praxis immer die Gefahr bestanden, dass die deutsche Regierung sich einverstanden erklärte, den Vereinigten Staaten und Grossbritanien an einem bestimmten Ort eine grosse Zahl von Juden zum sofortigen Weitertransport in Gebiete der Allierten zu überstellen. Weder die militärische Lage noch die Transportkapazität hätte es den Allierten erlaubt, eine solche Operation durchzuführen.. Falls wir uns für ausserstande erklärt hätten, für diese Leute zu sorgen, wäre die Verantwortung für ihr weiteres Schicksal weitgehend [...] den Alliierten aufgebürdet gewesen."

 

Sprecher:
Ein anderer Mitarbeiter des State Departements bezeichnete im Mai 1943 allfällige Rettungsmassnahmen zugunsten der Juden  als

 

Sprecherin:
"Schritte, die Hitler von der Last und dem Fluch befreien würden".

 

Gd.:                 David Wyman vermutet, dass ein Hauptgrund für die Haltung des State Departements im Judenhass in weiten Kreisen der amerikanischen Bevölkerung liege. Shraga Elam sieht jedoch noch eine mögliche Erklärung, die direkt mit den allgemeinen Zielen der amerikanischen Aussenpolitik zusammenhängt - mit Staatsraison also, die nichts mit antijüdischen Gefühlen zu tun hat, sondern, kurz gesagt mit der Absicht, die Briten - also ihre Verbündeten im Kampf gegen Hitler - aus ihrer weltweiten Machtposition zu drängen, d.h. das britische Imperium zu zerstören.

 

Sprecher:

Es ist heute keine gewagte Behauptung mehr, die Zerstörung des britischen Imperiums und die Öffnung der Weltmärkte für die eigene Wirtschaft als eines der wichtigsten, wenn nicht als das wichtigste Kriegsziel des amerikanischen Aussenministeriums zu bezeichnen. Henry Ford, einer der einflussreichsten Amerikaner, forderte in einem Zeitungsartikel im Februar 1941:

 

Sprecherin:  Die Vereinigten Staaten sollten England und Deutschland solange gegeneinander kämpfen lassen, bis beide kollabieren.[4]

 

Sprecher:
Ein Sonderfriede der westlichen Alliierten mit  den Deutschen hätte zu einer frühzeitigen Beendigung des  Kriegs geführt, und dies wiederum hätte die wirtschaftliche Belastung der Briten durch den Krieg verringert. Konrad W. Watrin illustriert  in seinem Buch „Machtwechsel im Nahen Osten; Grossbritanniens Niedergang und der Aufstieg der Vereinigten Staaten
1941-1947“ diese Entwicklung zum Beispiel mit folgenden Zahlen:

 

Sprecherin:

Besassen die Briten Ende 1940 immerhin noch Vermögenswerte in Höhe von etwa 3 Milliarden Dollar in den USA, so war der grösste Teil davon ein Jahr später verkauft bzw. gegen einen zusätzlichen ...  Kredit ... über 25 Millionen Dollar verpfändet. Insgesamt vermehrten die Amerikaner auf privater und auf Regierungsseite im Lauf des Krieges ihre weltweiten langfristigen Auslandinvestitionen um 3,7 Milliarden Dollar.[5]

 

Sprecher:
Den Kredit mussten die Engländer bei den Amerikanern im Rahmen des Lend-and-Lease-Abkommens aufnehmen, das heisst, sie mussten damit die Benützung von amerikanischem Kriegsmaterial finanzieren. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die Amerikaner im Rahmen dieses Abkommens den Ländern, die an ihrer Seite kämpften bzw. Militärische Stützpunkte zur Verfügung stellten, über
50 Milliarden Dollars ausgeliehen, welche dann teils in Cash, teils in Gütern und Dienstleistungen zurückbezahlt wurden.

 

Gd.:                 Drei hauptsächliche Motivkreise spielten demnach bei der ablehnenden Haltung der USA gegenüber Verhandlungen mit den Deutschen über einen Separatfrieden bzw. die Freilassung von Juden ineinander: Die Befürchtung einer jüdischen Masseneinwanderung, die Weigerung, Hitler bzw. die Nazis von der Schuld der Judenvernichtung zu entlasten und die Absicht, die Briten zu schwächen - alle drei Motive nach den Kriterien der Staatsraison gerechtfertigt. Alle drei Motive auch unter dem immer wieder wiederholten Grundsatz Präsident Roosevelts zu subsumieren, dass nur die bedingungslose Kapitulation der Deutschen den Krieg zu einem Ende bringen könne, und dass nur auf diesem Weg die Vernichtung der Juden gestoppt bzw. gesühnt werden könne. Dass diese Politik die Weiterführung der Judenvernichtung ermöglichte, gehört zu den Konsequenzen der Logik der Staatsraison.

 

                        Nicht nur die Amerikaner, auch die andern Alliierten folgten dieser Logik.
Shraga Elam:

 

Sprecher:

Die Briten waren an Verhandlungen zur Freilassung von Juden nicht interessiert, weil sie damit in Konflikt mit ihrer Politik gegenüber den palästinensichen Arabern gerieten. Sie hatten als Mandatsmacht in Palästina  ab 1939 die Einwanderungsquoten für Juden drastisch beschränkt, und sie rechneten im Fall eines Erfolges von Verhandlungen zur Rettung der Juden mit allzugrossem Einwanderungsdruck auf Palästina.

 

Der Sowjetunion ihrerseits, welche sich, gelinde gesagt, nie besonders für ihre Juden eingesetzt hatte, kam der Judeozid auch militärisch gelegen, denn die Transporte in die Vernichtungslager belasteten das ohnehin überforderte deutsche Bahnnetz in hohem Masse.

 

Gd.:                 Besonders umstritten  ist die Hilfs- und Rettungspolitik der verschiedenen jüdischen Organisationen. Von dem bereits erwähnten David Wyman, der als protestantisch-amerikanischer Historiker die Politik der Alliierten, die Haltung der christlichen Kirchen und der jüdischen Gruppierungen kritisiert, über den israelischen Direktor des Zentrums für Holocaust-Studien Yehuda Bauer, der die Vorwürfe gegen die Zionisten als weitgehend unhaltbar darstellt,  bis zu William D. Rubinstein, der ausgerechnet als jüdischer Historiker die Politik der Alliierten gegenüber der Judenvernichtung in Schutz nimmt, gibt es eine differenzierte Palette von Beurteilungen dessen, wie sich die jüdischen Organisationen und insbesondere die Zionisten in diesem grausamen Spiel von Macht, Ohnmacht und Interessen verhalten haben.

 

                        Shraga Elam hat diese Literatur gründlich studiert und die Ergebnisse mit eigenen Recherchen in Archiven der Schweiz, Israels und der USA  ergänzt. Hier seine Bilanz mit zum Teil hier erstmals veröffentlichten Dokumenten:

 

Sprecher:

Die wenigen, die während der Zeit der Verfolgung und Vernichtung der Juden im nationalsozialistischen Machtbereich sich aktiv für die Rettung wenigstens eines Teils der Opfer engagiert hatten, kritisierten immer wieder, dass  die Hilfe von jüdischer Seite zu wenig gewesen und zu spät gekommen sei. Die „jüdische Solidarität“ habe nur in den Köpfen der Judenhasser existiert.

 

Dazu ist zunächst festzuhalten, dass die meisten jüdischen Organisationen in ihrem Handlungsspielraum von der Politik der Alliierten eingeengt und behindert wurden.

Tatsächlich blockierten die Alliierten - allen voran die US-Amerikaner - viele Rettungs- und Hilfsaktionen zugunsten der jüdischen Naziopfer mit der Begründung, dass man damit gegen das Verbot des 'Handels mit dem Feind' verstosse, die „Trading with the Enemy Act“. Die Recherchen des ehemaligen New York Times-Journalisten, Charles Higham, haben aber beweisen , dass gleichzeitig viele US-Multis mit dem Wissen und der Unterstützung des State Departments regen Handel mit den Nazis trieben. Dazu gehörten auch Lieferungen kriegswichtiger Materialien wie Treibstoff durch Standard Oil,  Lastwagen durch Ford und General Motors, Komponenten für Kommunikationsmittel durch ITT usw.

 

Der jüdische Finanzminister, Henry Morgenthau Jr., bekämpfte diese vom State Departement teils gedultete, teils aktiv betriebene Politik, doch er erhielt viel zu wenig Unterstützung von den jüdischen Organisationen.

 

Für diese Schwäche und Unterlassungen gibt es Gründe, die zum Teil psychologischer Natur sind -  eine drohende Gefahr wird gerne verdrängt - zum grössten Teil aber haben sie politischen Ursprung.

 

Kritisiert wurde vor allem  die zionistische Führung in Palästina, die „Jewish Agency“, unter David Ben-Gurion, dem späteren ersten Staatschef Israels. In den USA war ihr führender Vertreter der Rabbiner Stephen Wise.

 

Ben Gurion wusste, dass nach der erwähnten Einschränkung der Einwanderungsquoten durch die Briten 1939  Palästina nicht mehr als Fluchtort für eine Massenimmigration in Frage kam. Andererseits aber hätten alternative Zufluchtsziele das zionistische Projekt sowohl politisch als  auch materiell gefährden können. Die Rede, die Ben-Gurion im Dezember 1938 vor der zionistischen Exekutive hielt, bringt dies programmatisch zum Ausdruck:

 

Sprecherin:

 

Wenn die Juden vor der Wahl zwischen (...) der Rettung von Juden aus Konzentrationslagern und der Unterstützung der nationalen Heimstätte in Palästina stehen, dann wird das Mitleid die Oberhand behalten, und die ganze Energie der Leute wird in die Rettung von Juden aus verschiedenen Ländern kanalisiert werden. Der Zionismus wird nicht nur in der öffentlichen Meinung in der Welt und in Grossbritannien von der Tagesordnung gestrichen wer­den, sondern auch von der jüdischen öffentlichen Meinung anderswo. Wenn wir eine Trennung des Flüchtlings- vom Palästina-Problem zulassen, riskieren wir die Existenz des Zionismus.[6]

 

Sprecher:   Sein Biograph, Shabtai Teveth, versuchte, die Politik Ben-Gurions zu rechtfertigen, und brachte damit ungewollt einen anderen schweren Kritikpunkt auf den Nenner:

 

Sprecherin:

 (...) bei Ben-Gurion entwickelte sich die Auffassung, dass die Not der Juden eine Quelle der Macht sei. Man  müsse die jüdische Katastrophe ausnützen, um einen Vorteil für den Zionismus zu erzielen. Aus dieser Auffassung heraus formulierte er die Parole:
" Katastrophe ist Macht."

Es ist zu betonen, dass diese Auffassung die Katastrophen weder initiierte noch schaffte. Sie entsprang aus den Katastrophen und meinte, wenn man sie nicht verhindern könne, so sollten sie wenigsten etwas Positives hervorbringen.[7]

 

Sprecher:

 

Eine andere Kritik an den hochrangigen zionistischen Funktionären: Statt Widerstands- und Rettungsaktionen zu organisieren und zu koordinieren seien sie aus Europa geflohen. Damit hätten sie zur Ohnmacht selber beigetragen. So beschreiben die wenigen jungen und unerfahrenen Aktivisten, die ausharrten, zum Beispiel der Schweizer Heini Bornstein,  wie sie in den ersten Kriegsjahren lange Zeit im Stich gelassen worden seien.

 

David  Wyman beschreibt,  wie die zionistischen Organisationen in den USA zur Spaltung einer gemeinsamen und effektiven Hilfs- und Rettungsfront beitrugen. Ausserdem unterstützten sie lange Zeit das State Departement bei der Unterdrückung der Meldungen über die Judenvernichtung. Der Hauptgrund dafür war, dass ab 1942 für die meisten zionistischen Organisationen die Errichtung eines Staates in Palästina und nicht die Rettung der jüdischen Naziopfer zuoberst auf der Prioritäten-Liste stand. Hinzu kam, dass sich die jüdische Gemeinde in den USA mit dem Kriegsausbruch vermehrt auf sich selber konzentrierte und die Spenden zugunsten der europäischen Juden zurückgingen, obwohl diese gerade dann besonders dringend gewesen wären.

 

Gd.:                 Wie gesagt: Diese Sicht der Dinge ist innerhalb der Geschichtsschreibung umstritten. Shraga Elam hat jedoch nicht nur die verschiedenen Argumentationen gegeneinander abgewogen, sondern auch eigene Recherchen angestellt. Diese bestätigen tendenziell die dargestellte Kritik am Beispiel einer grossangelegten Rettungsinitiative, des sogenannten „Europaplans“. Dazu Konkreteres:

 

Sprecher:
Im Sommer 1942 trafen bei den jüdischen Organisationen Meldungen aus der Slowakei ein, die  SS wäre bereit, eine Million Juden für eine Summe von 2 Mio. Dollar freizu-lassen. Hinter diesem Deal standen auf  jüdischer Seite vor allem  zwei sehr mutige und gescheite Aktivisten, die atheistische  Zionistin Gisi Fleischmann und der - übrigens mit ihr verwandte - ultraorthodoxe Rabbiner, Michael Dov Bär Weissmandel. Auf deutscher Seite stand ein Mitarbeiter Eichmanns, Baron Dieter Wisliceny, der laut eigener Aussage im Auftrag Himmlers handelte.

 

Was folgte, liefert bis heute Stoff für eine heftige innerjüdische Diskussion um eine vermeintliche oder tatsächlich verpasste Chance, eine grosse Anzahl Juden zu retten. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung steht ein Briefwechsel zwischen Bratislava und der Schweiz. Eine Korrespondenz, die auf der einen Seite verloren ging, da das slowakische Rettungskomitee nach Auschwitz deportiert wurde und die Überlebenden nur ein Gedächtnisprotokoll liefern konnten. Auf der anderen Seite gibt es als Quelle das Archiv des Hauptempfängers der Briefe, des damaligen Genfer Vertreters des zionistisch-solzialistischen Jugendbundes «Hechalutz», Nathan Schwalb. Diese Schwalb-Akten waren bis vor kurzem weitgehend gesperrt; vergeblich forderten bisher israelische Forscher und Institute deren Öffnung. Hier werden das erste Mal einige Zitate aus dieser begehrten Korrespondenz wiedergegeben. Es sind erschütternde Hilferufe aus Bratislava, die angesichts des Ausbleibens einer adäquaten Reaktion immer mehr schwere Vorwürfe enthielten, während der Empfänger Schwalb zwischen Misstrauen und der Frustration über seinen engen Handlungsspielraum schwankte.

1943 schrieb Rabbiner Weissmandel in biblischem Hebräisch in die Schweiz:

 

Sprecherin:

Wer (...) vor der Ausführung einer Tat eine Bedingung stellt und sein Geld zurückbehält, bevor er die Notwendigkeit sieben Mal genauestens geprüft hat, es auszugeben, dem ist Geld wichtiger als Leben (...). Sie trauen Wisliceny nicht, aber auch er ist nicht naiv: Er traut auch Ihnen nicht. Nur gibt es da einen nicht unbedeutenden Unterschied: Sie halten das Geld in der Hand, er das Leben.

 

Wir haben Ihren Brief erhalten, in welchem Sie uns auffordern, ihm zu sagen: „Geld bekommen Sie nicht (...) [doch] wir eröffnen für Sie ein Sperrkonto in den USA (...), das Ihnen nach dem Krieg zur Verfügung stehen wird.“ Was heisst das? [Wir als] Juden, von denen der Böse [-gemeint ist Wisliceny-] weiss, dass sie an seine Niederlage glauben, (...) sollen ihm sagen: „Haben Sie Vertrauen, Sie kriegen das Geld nach Ihrer Niederlage.“ Er selber glaubt auch an die Niederlage, und darum will er das Geld vorher. [8]

 

 

Sprecher:
Nathan Schwalb, der Empfänger dieses Briefes, war einer der wenigen Delegierten der jüdischen Gemeinde Palästinas in Europa. Er war von seinen Auftraggebern ziemlich abgeschnitten, und als Geldgeber stand ihm hauptsächlich das jüdisch-amerikanische Hilfswerk  „Joint“ und dessen Vertreter in der Schweiz, Saly Mayer, zur Verfügung - derselbe Saly Mayer, den wir zu Beginn dieser Sendung auf der Brücke von Sankt Margrethen kennengelernt haben. Mayer und Schwalb waren ausserhalb des unmittelbaren Machtbereichs der Nazis in Europa zweifellos die engagiertesten und wichtigsten Aktivisten für die Sache der Juden. Schwalb verfügte über ein Botennetz, das praktisch das ganze besetzte Europa abdeckte, und Mayer hatte gute Beziehungen zu den Schweizer Behörden - er stand auf Du und Du mit dem berüchtigten Polizeichef Heinrich Rothmund. Er  spielte auch eine entscheidende Rolle bei der Verteilung der Gelder des Joint.

 

Wie wir der zitierten Briefstelle von Rabbiner Weissmandel entnehmen können, zweifelten Schwalb und Mayer an der Bereitschaft der SS, sich auf einen Handel „Eine Million Juden gegen zwei Millionen Dollar“ einzulassen. Sie verfügten faktisch aber auch nicht über die verlangte Summe. Andererseits aber verfolgte sie doch auch die Frage, ob an dem Angebot der SS nicht etwas dran sei, und deshalb verlegten sie sich auf den Vorschlag, die Summe auf ein Sperrkonto zur Verfügung nach Kriegsende einzuzahlen und verlangten im übrigen Beweise für die Glaubwürdigkeit der SS, indem erste Konzessionen gemacht würden. Dass Wisliceny dafür Hand zu bieten versproche hatte, geht aus einem Brief Gisi Fleischmanns an Nathan Schwalb hervor:

 

Sprecherin:

 Wie aus dem Bericht ersichtlich, ist die berechtigte Hoffnung vorhanden, dass der Deportation Einhalt geboten werden kann, wenn unsere Vorschläge sofort in die Tat umgesetzt werden. Ob es möglich sein wird, die ganze Deportation zu stoppen, ist gegenwärtig nicht genau feststellbar; es ist jedoch zu 80% anzunehmen, dass unser Plan sich verwirklichen wird.[9]

 

Sprecher:
Und Rabbiner Weissmandel schrieb:

 

Sprecherin:
Wer nicht als Mörder bezeichnet werden will, müsste einen grossen Teil seines Vermögens für diesen Zweck hergeben, und die verschiedenen Organisationen müssten sogar ihre ganzen Gelder dafür verwenden. (...) Aber wenn Sie - behüte uns! - Zeit mit Gedanken, Worten, Versammlungen, Misstrauen, Verhandlungen, Polemik, Ratschlägen und Vorschlägen verschwenden, dann käme dies einer noch nie dagewesenen jüdischen Beteiligung am Mord an Juden gleich.[10]

 

Sprecher:

Die verzweifelten Appelle nützten wenig. Am 7.November 1942 schrieb Gisi Fleischmann an Nathan Schwalb:

 

Sprecherin:

Wie Sie aus den Berichten entnehmen, ist unsere Lage katastrophal geworden, und zwar vor allem deswegen, weil wir tatsächlich keine Hilfe erhalten. Für einfache Menschenkräfte ist es unmöglich, die schwere Last der Verantwortung zu tragen, um den Kampf gegen die Deportation zu führen, die damit verbundenen Verpflichtungen zu erfüllen und schliesslich keine Hilfe von Auswärts zu erhalten. (...)die Verhandlungen nehmen nun schon Monate in Anspruch und letzten Endes haben diese bis jetzt zu keinem Ergebnis geführt.

(...)

Jetzt kommt es lediglich darauf an, ob wir (...) uns auf unsere Chawerim [unsere Freunde] im Auslande verlassen können. Es hat keinen Sinn, jetzt weiter zu theoretisieren. Entweder man hilft uns, oder wir gehen elend zugrunde. Bitte sind Sie und die übrigen Freunde nicht ungehalten, aber unsere Verbitterung ist wirklich begründet.[11]

 

Sprecher:
 Die Antwort von Schwalb vom 11.11.42 lautete:

 

Sprecherin:
  ... [ich] muss Ihnen heuten den Standpunkt von Joint bzw. Saly ...... klarlegen: trotzdem, dass sie viel Mitleid mit Ihnen und Ihren Chawerim [Freunden] haben, sagen sie, dass sie mit zeitlichen Prinzipien und Vorschriften gebunden sind, dass heisst, sie können weder direkte, noch indirekte und in keiner Form Hilfe leisten. Diesen Standpunkt bekämpfe ich seit Monaten. .... Einiges sehen die obigen ein, und von Zeit zu Zeit "schleppt man" etwas von ihnen [den Joint-Leuten], heraus. Andererseits ist es nicht nur eine Sache der Vorschriften, sondern auch der jetzigen täglichen Praxis bei Tropper [Deckname für die USA], nämlich jeder Miwrak [jedes Telegramm] wegen Hilfe, sogar hierher, geht durch die dortige Bikoret [d.h. Zensur] nicht durch, und wenn schon, dann spät und resultatlos. Alles, was wir von hier aus Ihnen, Ziwia [Polen], oder Enzer [Rumänien] sandten, oder senden, wurde hier auf irgendwelche Art durch Saly aufgebracht..

(...)

Liebe Gisi, Sie haben keine Ahnung, auf welche Schwierigkeiten ich gestossen bin, und ich halte es noch für ein ziemlich positives Resultat, dass ich die esrim elef [zwanzig tausend sFr.] erhalten habe. Selbstverständlich, dass ich mir bewusst bin, dass dies nur ein Tropfen im Meere unserer Leiden ist, und dass man damit weder das Gewissen, stillen, noch in Ruhe sitzen kann.

(...)

...[es] ist hier immer schwerer. Die Leute haben guten Willen, sie versteifen sich aber auf Prinzipien.[12]

 

Sprecher:
Der Europaplan musste scheitern.  Die Verteidiger der Haltung der jüdischen Organisationen, wie des Joint oder der Jewish Agency, argumentieren bis heute, dass die Verhandlungen von vornherein aussichtslos gewesen seien. Die Beweise in diesem Fall dafür sind aber sehr dürftig, da ausgerechnet in diesem Bereich viel zu wenig über die SS-Haltung recherchiert wurde.

 

Tatsache bleibt, allen Spekulationen zum Trotz, dass die mögliche finanzielle Hilfe nicht geleistet worden war. Die Beurteilung der Erfolgsaussichten der Verhandlungen mit der SS durch Gisi Fleischmann und Rabbiner Weissmandel wurde nicht ernst genug genommen, obwohl sich die beiden am Ort des Geschehens befanden und besser über die Frage der Glaubwürdigkeit Wislicenys informiert waren, als jene, die in der fernen Schweiz oder in den USA sassen.

 

Gd.:                 Mehr als ein Jahr nach dem Drama der Deportationen aus der Slowakei und dem Scheitern der Rettungsaktion der Gruppe um Weissmandel und Fleischmann marschierten die Nazis in Ungarn ein: Am 19.März 1944. Sofort begann hier Eichmann mit der Organisation der Deportation der Juden. Nathan Schwalb glaubte, man habe bei den jüdischen Organisationen aus dem Versagen in der Slowakei gelernt, doch er sah sich getäuscht. Die Deportationen begannen am 15.Mai 1944, und bis zum 8.Juli, als sie praktisch eingestellt wurden, waren laut dem Rapport des zuständigen ungarischen Polizeioffiziers Ferenczy 147 Züge mit 434'315 Menschen nach Auschwitz gefahren. Die meisten wurden sofort vergast.

 

                         Eine sehr beschränkte und umstrittene Rettungsaktion besonderer Art war allerdings erfolgreich:

 

                         Einer der Hauptakteure der SS in Ungarn war der 34-jährige Obersturmbannführer Kurt A.Becher - der Mann, der dann im August auf der Brücke von Sankt Margrethen, begleitet von dem ungarischen Zionistenvertreter Kastner,  auf Saly Mayer zuschritt. Becher war in Ungarn persönlicher Beauftragter Himmlers für die wirtschaftliche Ausbeutung der Juden. Der Schweizer Journalist Kurt Emmenegger hat 1962/63 in einer eindrücklichen Serie der Zeitschrift „Sie und Er“ Bechers Raubzug beschrieben. Nach Emmeneggers Schätzung hat Becher für etwa 13 Milliarden Franken Firmen, Maschinen, Rohstoffe und Waren gestohlen und teils in Deutschland und Österreich wieder aufstellen lassen, teils in SS-Besitz überführt. Sein erfolgreichster Coup war die Erpressung der Familie des jüdischen Schwerindustriellen Weisz. Sein ganzer Konzern ging in die  Hand der SS, neun Mitglieder seiner Familie konnten in die Schweiz emigrieren, 32 weitere nach Lissabon, fünf Mitglieder der Familie blieben als Geiseln der SS zurück. Dieser Handel fand, berichtet Emmenegger, sowohl die Unterstützung Himmlers als auch die Billigung Hitlers. [13] Himmler beförderte Becher zum SS-Obersten.

 

                        Einen anderen Menschenhandel, der Licht in die grösseren Zusammenhänge der damaligen SS-Politik bringt und weiteres Anschauungsmaterial zum Thema „Staatsraison und Moral“ liefert, schildert wiederum Shraga Elam:

 

Sprecher:

Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn bestellte Eichmann Joel Brand zu sich, Mitglied eines zionistischen Rettungskomittees, und schlug diesem einen Handel vor:

 

Sprecherin:

Blut gegen Waren, Waren gegen Blut.

 

Sprecher:
Die SS sei bereit, sagte Eichmann, eine Million Juden auswandern zu lassen, wenn „das Weltjudentum“ 10'000 Lastwagen und andere Waren liefere.

 

Zusammen mit einem etwas zwielichten Agenten namens Bandi Grosz wurde Joel Brand am 17.Mai 1944 in einem deutschen Kurierflugzeug in die neutrale Türkei, nach Istanbul geflogen, damit er die dort stationierten Verbindungsleute der Zionisten treffe und die zionistische Führung überzeuge, diesen Deal bei den Amerikanern und Briten durchzusetzen. Bandi Grosz seinerseits hatte eine Aufgabe, die wohl die weiteren Hintergründe dieser Aktion der SS beleuchtet, nämlich Kontakt mit Vertretern der westlichen Alliierten herzustellen, um die Möglichkeiten eines Separatfriedens auszuloten.


Brand, so hatte  Eichmann gefordert, solle binnen
14 Tagen nach Budapest zurückkehren und die Antwort der Alliierten überbringen. Falls er Verhandlungsbereitschaft melden könne, würden die Deportationen sofort gestoppt.

 

Doch die zionistische Führung setzte die Alliierten nicht unter genügenden Druck, um der Brand-Mission eine minimale Chance zu geben. Im Gegenteil: Brand wurde praktisch an die Briten ausgeliefert. Er sollte nach Palästina reisen, um die zionistische Führung zu treffen, wurde aber in Syrien von den Briten verhaftet und an der Rückkehr nach Budapest gehindert. Er wurde in Kairo interniert und verzweifelte dort beinahe bei der Vorstellung, dass er die täglichen Deportationen nach Auschwitz hätte stoppen können, wenn er mit der von der SS gewünschten Meldung nach Budapest zurückgeflogen wäre. Aus seiner Sicht hätte die Verhandlungsbereitschaft sogar fingiert sein können. D.h., die Alliierten hätten sich gar nicht ernsthaft zu etwas verpflichten müssen, und sie hätten,  im Gegensatz zu Brand, welcher damit sein Leben aufs Spiel setzte, nichts zu verlieren gehabt. Er konnte jedoch niemanden zu einer positiven Aktion bewegen. Vielmehr veröffentlichte die Londoner Presse am 20.Juli Meldungen über die Mission Brands, begleitet von Stellungnahmen, dass die Alliierten auf dieses Angebot nicht eingehen würden. Die Absage an die Deutschen hätte nicht deutlicher sein können, und sie kam einer Sabotage der Rettungsversuche gleich.


Auch Rabbiner Weissmandel, der noch immer verzweifelt um Rettungsmassnahmen kämpfte, meldete sich wieder vergeblich mit einem Aufruf, mit den Deutschen ernsthaft zu verhandeln. Und ebenso vergeblich war seine Forderung, die Eisenbahnlinien nach Auschwitz zu bombardieren - eine Aktion, die von den alliierten Basen in Italien her zu bewerkstelligen gewesen wäre. Am 22.5.1944 schrieb Weissmandel:

Sprecherin:
 Brüder, seid Ihr verrückt geworden? Wisst Ihr denn nicht, in welcher Hölle wir leben? Für wen haltet Ihr das Geld zurück? ...alle unsere Bitten wirken nicht  .... Ihr schleudert uns einige Groschen und einige Rückfragen entgegen...
[14]

 

Sprecher:
Nachdem Brand als Verhandlungspartner ausfiel, war es Rudolf Israel Kastner, der in Budapest die Verhandlungen mit der SS im Namen des jüdischen Rettungskomitees führte. Kastner war ursprünglich Jounralist und wurde dann Stellvertreter des Präsidenten einer zionistischen Rettungsorganisation. In einem verzweifelten Brief vom 12. Juli 1944 an Nathan Schwalb in Genf schrieb er:

 

Sprecherin:
 Während diese Zeilen geschrieben werden, ist das ganze Land - ausserhalb ... von Budapest - bereits ohne Juden.....Du wirst also meine Seelenlage verstehen  .... Der Traum des grossen Planes [das heisst des Handels „Blut gegen Waren“] ist ausgeträumt. Hunderttausende gingen nach Auschwitz in einer Weise, dass sie bis zum letzten Moment nicht im Klaren waren, worum es sich handelt und was vor sich geht. Wir, die es eben wussten, versuchten, uns dagegenzusetzen, aber nach 3½ monatigem erbitterten Kampfe muss ich feststellen, dass wir eher der Entfaltung der Tragödie und deren unaufhaltbarem Rennen zuschauten, ohne dagegen nur irgendwas von Bedeutung vornehmen zu können.
[15]

 

Sprecher:

Eines allerdings konnte Kastner erreichen: In langwierigen Verhandlungen zuerst mit Eichmann, dann mit Becher, konnte er gegen ein Lösegeld von ungefähr 7 Millionen Schweizerfranken eine Gruppe von 1'684 Menschen zusammenstellen, welche in einem Zug nach Spanien gefahren werden sollte, denn die SS wollten mit Rücksicht auf den palästinensischen Mufti die Ausreise nach Palästina nicht zulassen. Das Geld wurde vorwiegend von den Reichen unter den Freigekauften aufgebracht. Tatsächlich wurden die Insassen des zur Legende gewordenen „Kastner-Zugs“ nach Bergen-Belsen in ein von den Nazis eingerichtetes Uebergangslager gefahren, Schliesslich, nach wiederum langem Verhandeln, unter anderem auch auf der Brücke von Sankt Margrethen, gelangten die Passagiere in zwei Transporten in die Schweiz.

 

Nach dem Scheitern der Brand-Mission bot auch das jüdische Rettungskomitee in Budapest der SS 5 Millionen Franken. Mit diesem Geld sollten anstelle von Lastwagen Traktoren in der Schweiz gekauft werden. Auf Grund dieser Verhandlungsofferte wurde die Deportation von 17'290 Juden vorläufig gestoppt. . Es wurde ein Treffen mit dem Europa-Chef der jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisation Joint in Lissabon vorgeschlagen, aber die US-Regierung verbot die Begegnung. Die Deutschen wichen auf ein Treffen mit dem Schweizer Joint-Vertreter, Saly Mayer aus. Sowohl das Joint als auch die Flüchtlingsorganisation der amerikanischen Regierung verboten aber Mayer, in ihrem Namen aufzutreten. Deshalb verhandelte er im Namen einer Schweizer Organisation.

 

Im Vorfeld dieses Treffens war Schwalb überoptimistisch und schrieb an Kastner:

 

Sprecherin:
 Wegen M. Matan [Verhandlungen] betone ich nochmals, dass es sich um Kaspi [Geld] nicht handelt, se jesch wajesch!  [davon hat's genug!] - Selbstverständlich nicht ad absurdum geführt. Wir wollen auch Tmurah  und Bitachon  schel  Ha’zad Hascheni  sehen [Gegenleistungen und Garantien der Gegenseite].
[16]

 

Sprecher:

 

Mayer war alles andere als froh über diese Entwicklung und versuchte sich zu drücken. In einer Aktennotiz schrieb Fremdenpolizeichef Rothmund, mit dem Mayer stets in guter Verbindung stand:

 

Sprecherin:

Zu den Geschäften, Austauschware gegen Menschen, erklärt Herr Mayer, dass er das unwürdig empfinde... Herr Mayer wird, wenn er für solche Geschäfte angegangen wird, die Sache dilatorisch [schleppend] behandeln.[17]

 

Sprecher:

Es wäre für Mayer, dank seinen speziellen Beziehungen zu den Schweizer Behörden, durchaus möglich gewesen, eine Einreisebewilligung für die deutsch-jüdische Verhandlungsdelegation, die aus Ungarn kam, zu besorgen. Selber weigerte er sich, in deutsches Herrschaftsgebiet zu reisen. Deshalb wählte er den unbequemen Verhandlungsort im Niemandsland, auf der Brücke zwischen St. Margrethen und Höchst, um diese schicksalsschweren Fragen zu diskutieren. Mayer betonte schon bei der ersten Begegnung am 21. August 1944, eine Lieferung von Lastwagen komme nicht in Frage. In Koordination mit seinen US-Auftraggebern, der „Joint“, spielte er auf Zeit. Die Enttäuschung auf deutscher Seite sowie auf der Seite des jüdischen Vertreters aus Budapest, Dr. Israel Kastner, war gross.

 

Wie eingangs erwähnt, liessen die Nazis am ersten Verhandlungstag als «Geste» 318 Juden aus dem Kastner-Zug  in die Schweiz frei. Die Schweizer Behörden zeigten sich alles andere als begeistert von dieser Überraschung.


Sprecherin:
 Wir können (...) nicht zulassen, dass man uns Transporte an die Grenze führt, über die wir uns nicht vorher haben aussprechen können,

 

Sprecher:

sagte Polizeichef Rothmund seinem Schulkameraden Mayer.[18]


Die Verzögerungstaktik Saly Mayers war für die von der Deportation bedrohten ungarischen Juden katastrophal. In einem Memorandum an Saly Mayer schrieb der Aktivist André Biss aus Budapest:

 

Sprecherin:
Wenn wir also unsere Partner, was ihren Seelenzustand anbelangt, studieren, so beobachten wir eine ständig zunehmende Nervosität... Wenn wir ... nichts zu unternehmen gedenken ... so müssen wir die Folgen, die das Leben der unseren bedrohen, zu neutralisieren suchen. (...) Zu diesem Zwecke dürfen wir um keinen Preis mehr Verschleppungspolitk treiben.
[19]

 

Sprecher:
 Laut Biss drohten Becher und Konsorten mit der Vergasung von 150-250'000 nach Auschwitz deportierten ungarischen Juden, wenn die Verhandlungen vom 1. bis 4. September erfolglos bleiben würden.

 

 

Mit langer Verzögerung stellte Mayer als neuen Vorschlag die Zahlung von 20 Millionen Franken in Aussicht. Die Amerikaner, von denen der Vorschlag eigentlich kam, wussten, dass er für die Deutschen unbefriedigend war. Trotzdem gingen die Verhandlungen weiter.  Die Deutschen nahmen auch in Kauf, dass Mayer den Vertreter der amerikanischen Flüchtlingsorganisation, des «War Refugee Board», in der Schweiz, Roswell McClelland, nicht dazu bewegen konnte, sich mit SS-Chefunterhändler Kurt Becher zu treffen. Die Deutschen nahmen auch in Kauf, dass der Versuch Mayers, eine Zusammenkunft zwischen Becher und den Schweizer Behörden zu organisieren, scheiterte. Die offizielle Schweiz wollte nicht öffentlich in diese Geschichte hereingezogen werden und erachtete es

 

Sprecherin:
 nicht als zweckmässig ..., dass ein Behördevertreter mit Herrn Becher Fühlung nimmt.
[20]

 

Gd.:                 Trotz alledem war die Bilanz der Verhandlungen von Saly Mayer und Kastner mit der SS wenigstens nicht gleich null: Die rund 1'700 Insassen des „Kastner-Zuges“ konnten in die Schweiz einreisen; 17'000 Juden wurden statt nach Auschwitz nach Wien geschickt; 200'000 Juden wurden am  25.August  1944 in Budapest vor der Deportation gerettet. Sind all diese Konzessionen der Deutschen nur mit den Geldbeträgen zu erklären, die erst noch zu guten Teilen in die Taschen der erpresserischen Vermittler gingen?

 

                        Möglicherweise - wir befinden uns in der Endphase des Krieges, und der Zusammenbruch Deutschlands war abzusehen - spielte der Gedanke einiger Drahtzieher der SS mit, nach dem Krieg auf angeblich humanitäres Verhalten hinweisen zu können und so seine Haut zu retten. Shraga Elam aber weist darauf hin, dass die Forschung über die Motivation der Deutschen noch zu wenig weit entwickelt und man vorläufig auf die Spekulation anhand von Indizien angewiesen ist. Eines dieser Indizien ist die Erklärung, die Himmler in einem Brief an seinen Vertrauten, den Masseur Felix Kersten, schrieb.

 


 

Sprecher:

Diesem Brief vom 21.März 1945 zufolge wollte Himmler die Vernichtungspolitik wieder durch eine Vertreibungspolitik ersetzen.

 

Sprecherin:

Es wird Sie interessieren, dass ich im Laufe des letzten Vierteljahres einen Gedanken, über den wir einmal sprachen, zur Verwirklichung gebracht habe. Es wurden nämlich in zwei Zügen rund 2.700 jüdische Männer, Frauen und Kinder in die Schweiz verbracht. Es ist dies praktisch die Fortsetzung des Weges gewesen, den meine Mitarbeiter und ich lange Jahre hindurch konsequent verfolgten, bis der Krieg und die mit ihm einsetzende Unvernunft in der Welt seine Durchführung unmöglich machten. Sie wissen ja, dass ich in den Jahren 1936, 37, 38, 39 und 40 zusammen mit jüdischen amerikanischen Vereinigungen eine Auswandererorganisation ins Leben gerufen habe, die sehr segensreich gewirkt hat. Die Fahrt der beiden Züge in die Schweiz ist die trotz aller Schwierigkeiten bewusst vorgenommene Wiederaufnahme dieses segensreichen Verfahrens.[S1] [21]

 

Sprecher:

Auch hier mag Beschönigung im Nachhinein eine Rolle gespielt haben. Tatsache ist jedenfalls: Die deutsche Forderung nach Lastwagen macht bei diesem Menschenhandel  nicht viel Sinn, zumindest nicht aus militärischer Sicht. Da Ford und General Motors ohnehin Lastwagen an die Deutschen lieferten, scheint auch die Verhinderungspolitik des State Departments nicht militärisch motiviert. Die US-Vertreter in der Schweiz, Botschafter Leland Harrison und der Handelsattaché, Daniel J. Reagan, die Saly Mayer bei den Verhandlungen wegen Handels mit dem Feind immer wieder einschränkten, waren sehr hilfsbereit gegenüber den Vertretern der Standard Oil in der Schweiz bei ihren Bemühungen um eine Öl-Exportbewilligung nach Deutschland.

 

Es stellt sich die Frage, ob es  bei den Verhandlungen des SS-Obersten mit Saly Mayer und Israel Kastner nicht auch darum ging, Nazi-Fluchtgelder in der Schweiz unterzubringen. Denn um diese Zeit wurden die SS-Bemühungen, ihre Beute in Sicherheit zu bringen, intensiviert.  Ein Mitarbeiter Bechers, der im Rahmen dieser Verhandlungen wiederholt in die Schweiz kam - ein gewisser Herbert Kettlitz - wurde von der Zürcher Polizei beschattet und beobachtet, wie er bei verschiedenen Banken Transaktionen tätigte und einem bekannten schweizerischen SS-Vertrauensmann, Paul Holzach, der in unzählige Naziverschiebungen verwickelt war, längere Besuche abstattete.

Wieviel Saly Mayer, Israel Kastner, Nathan Schwalb und ihre Freunde davon wussten oder ob sie sogar daran teilnahmen, ist im Moment nicht klar. Bekannt ist nur, dass Kastner im Auftrag des damaligen Finanzchefs der Jewish Agency,  Eli'eser Kaplan, für die Entlastung Bechers im Nürnberger Prozess sorgte, und dass Saly Mayer bis zu seinem Tod 1950 den SS-Schergen mit Päckchen belieferte. Davon mehr in einer Woche.

 

Gd.:                 „Staatsraison und Moral“ ist der Obertitel unserer „Doppelpunkt“-Serie. Nicht alles, was wir in dieser Sendung gehört haben, lässt sich mit Staatsraison begründen. Wir haben einerseits von den verwickelten Machenschaften von Männern gehört, denen es nur um persönliche Bereicherung und Macht ging, andererseits von Initiativen von Frauen und Männern, denen nichts anderes als die Rettung von Menschenleben am Herzen lag. Aber der Handlungsspielraum dieser Menschen auf beiden Seiten war immer von staatlichen Mächten bzw., im Fall der Jewish Agency, von einer Art vorstaatlichen Macht bestimmt. Für staatliche Mächte, für Regierungen, so unsere Hauptthese, konnte nicht Moral, sondern nur Staatsraison Leitlinie des Handelns sein. Diese Behauptung werden wir in zwei Wochen im „Doppelpunkt“ diskutieren. In einer Woche stellen wir Beispiele aus der Zeit unmittelbar nach dem Krieg vor.

 

(Gesprochene Fassung 3.1.98, Gd.)

 

 


 

[1] Kap.18,§4

[2] Wyman, S.66

[3] Wyman, S.120

[4] Charles Higham, Trading with the Enemy, New York 1983, S.157

[5] Konrad W.Watrin, Machtwechsel im Nahen Osten, Frankfurt 1989, S.39f.

[6] In John Bunzl, Der Lange Arm der Erinnerung, 1987, S.65f.

[7] Shabtai Teveth, Das Schwarze Loch, in Alpaim Nr.10, 1994 (Hebräisch)

[8] Schwalb Archiv, Lavon Institute, Tel-Aviv

[9] 27. August 42, Schwalb Archiv

[10] Schwalb Archiv

[11] 7. November 42, Schwalb Archiv

[12] Schwalb Archiv

[13] Bauer S.321

[14] Schwalb Archiv

[15] Schwalb Archiv

[16] 8.8.1944, Schweizerisches Bundesarchiv E4320 (B) 1990/266 Bd.91

[17] ibid,

[18] Aktennotiz Rothmund, 8. August 1944, Schweizerisches Bundesarchiv E4320(B) 1990/266 Bd. 91

[19] Privatarchiv Kurt Emmenegger

[20] Aktennotiz 6.November 1944, Schweizerisches Bundesarchiv E4320(B) 1990/266 Bd. 91

[21] RG C4, World Jewish Congress, Stockholm, File 570


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   [S1]

 

 

DOPPELPUNKT
STAATSRAISON UND MORAL : DAS SCHLOSS IN MERAN
Humanitäre Flüchtlingsmaskerade

 

(Sonntag, 18. Januar 1998  , 20.00 - 21.00, DRS1;
Z: Mittwoch, 21. Januar 1998  , 15.00 - 16.00, DRS2)
 

_________________________________________________

Hanspeter Gschwend und Shraga Elam   

 

 

Signet: Doppelpunkt

 

 

Gd.:                 Das Papier, auf das Untersuchungsrichter Dordi am 9.August 1947 in  Meran sein Urteil über die Anklagen gegen Schwend, van Harten, Crastan und Konsorten diktierte,  erinnert daran, dass Italien noch vor kurzem, das heisst bis zum Zusammenbruch des Faschismus,  formal ein Königtum war.

 

Sprecherin:

„Im Namen seiner Majestät, Vittorio Emanuele III, durch Gottes Gnaden und den Willen der Nation König von Italien und Albanien und Kaiser von Äthiopien“.

 

Gd.:                 So steht noch immer auf dem Formular gedruckt; dies alles ist jedoch durchgestrichen, und statt dessen mit Schreibmaschine ein gesetzt:

 

Sprecherin:

„Im Namen des italienischen Volkes“.

 

Gd.:                 Im Namen des italienischen Volkes also musste Untersuchungsrichter Dordi feststellen, dass Schwend Federico aus Triest und zur Zeit unbekannten Verbleibs, van Harten Antonio aus Amsterdam, zur Zeit unbekannten Verbleibs, Crastan Alberto, geboren in Pisa und wohnhaft in Meran, via Labers Nr.36, sowie einige Mitangeklagte mangels Beweisen freizusprechen waren. Angeklagt waren sie des Hortens rationierter Lebensmittel, des Schwarzhandels, der illegalen Herstellung und des Schmuggels von Grappa, des undeklarierten Besitzes von Automobilen, Ersatzteilen, Motoren, Treibstoffen und Schmiermitteln, möglicherweise der Herstellung und des Vertriebs von falschen englischen Pfundnoten und des Betrugs, indem sie sich falsche Dokumente beschafft hätten, die sie als Beauftragte des Internationalen Roten Kreuzes auswiesen.

 

                        Minutiös zählt der Richter auf, was bei einer Hausdurchsuchung in Schloss Rametz, dem Eigentum von Alberto Crastan, in der Nacht vom 25. auf den 26.Mai 1946 vorgefunden wurde, und dabei wird er vielleicht ins Träumen geraten sein, denn so kurz nach dem Krieg waren diese Waren rar, vermutlich auch für einen unbescholtenen Untersuchungsrichter.

 

Sprecherin:

Zwei Kisten mit Silberwaren, eine  Börse voll Siblergeld, eine grosse Kiste Filz, ein Blechfass mit etwa 150 Litern Olivenöl, ca. 70 kg Reis, 40 kg Weissmehl, 40 kg Teigwaren, ein weiterer Sack Weissmehl von ca. 100 kg, ein weiterer Sack Reis von etwa 25 kg, 35 kg Zucker, ein Stück Oberleder, ein Stück Schuhleder, sechs Rollen Kupferdraht, eine Rolle weisser Isolierdraht für Elektroinstallationen, all dies im Keller des Schlosses; in der Wohnung moderne Fotoapparate, ein eiserner Tresor, in dem sich 40 kg Zucker befanden, einige Besen, einige Radioapparate und eine wertvolle Briefmarkensammlung.1[SRD1] 

 

Gd.:                 Viel weniger genau sind die Ausführungen betreffend die beiden wesentlicheren Delikte, nämlich das englische Falschgeld und die angebliche Fälschung von Rotkreuz-Ausweisen.

 

                        Der zuständige Polizeikommissar von Meran habe Schwend, van Harten, Crastan und Konsorten im Juni 1946 beschuldigt, im Auftrag der Reichsführung der SS und unter Leitung von Schwend Waren eingekauft und mit englischen Pfundnoten bezahlt zu haben, die sich als gefälscht erwiesen, heisst es im Urteil. Zentrum dieser Aktionen sei Schloss Labers, das Nachbarschloss von Crastans Schloss Rametz in Meran gewesen, und Schwend habe diese falschen Pfundnoten aus Berlin nach Meran ins Schloss Labers gebracht. Ausserdem hätten Schwend, van Harten, Crastan und Konsorten kurz vor dem Einmarsch der Alliierten unter dem Deckmantel des Internationalen Roten Kreuzes ganze Lastwagenladungen voll Waren verschoben und zeitweise in den beiden Meraner Schlössern eingelagert.

 

                        Doch für all dies fanden die Angeklagten Erklärungen, die der Richter für plausibel annahm, und er schrieb in der Urteilsbegründung:

 

Sprecherin:

Die verschiedenen obgenannten Anschuldigungen sind keineswegs in allen Punkten durch objektive und konkrete Beweise erhärtet, und sie  werden allzuoft in Formen vorgebracht wie „man sagt, man hört, es wird festgehalten, es kann nicht bezweifelt werden“ (...).2

 

 

Gd.:                 Hat der Untersuchungsrichter wirklich keine Beweise finden können oder hat er keine finden wollen? Hat er vielleicht gar keine finden dürfen?

 

                        Crastan war Schweizer Konsularagent in Meran. Im Verlauf des Prozesses  berichtete der Schweizer Konsul in Venedig der Schweizer Gesandtschaft in Rom:

 

Sprecherin:

Herr Crastan war längere Zeit in Untersuchungshaft, ebenso der Sohn eines hiesigen Landwirtes, der mitverwickelt war. Inzwischen sind beide, gegen Kautionsstellung, auf freien Fuss gesetzt worden, und man nimmt an, dass der Versuch im Gange ist, durch Bezahlung alles niederzuschlagen.3

 

Gd.:                  Andere Dokumente belegen, dass viel mehr hinter den Anklagepunkten steckt, als in der Untersuchung des untergeordneten Meraner Richters zum Vorschein gekommen ist, und dass da Fäden in einem Knotenpunkt zusammenliefen, die an unterschiedlichsten Orten gesponnen wurden  und noch einmal Stoff für die Frage liefern, die wir in einer Woche im „Doppelpunkt“ diskutieren werden - die Frage: Kann Politik nach moralischen Kriterien geführt werden? Oder etwas differenzierter: Unter welchen Bedingungen kann sie das nicht?

 

                        Versuchen wir also zunächst einmal, die Fäden, die in Schloss Labers und zum Teil in seinem Nachbarschloss Rametz zusammenlaufen, aufzunehmen und in das grössere Gewebe der Politik am Ende des Zweiten Weltkriegs und kurz danach einzulegen.

 

                        Untersuchungsrichter Dordi liefert uns dazu den Einstieg:

 

Sprecherin:

Während der deutschen Besetzung unserer Region hatte sich ein Kommando der SS in Schloss Labers (...) installiert. Angesichts der unerbittlichen Strenge in der Umgebung der SS konnte natürlich niemand wissen, was in diesem Schloss vor sich ging. Doch zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr 1944 begann in Meran und Umgebung das Gerücht durchzudringen, dass in diesem Schloss gefälschtes Geld fabriziert werde, unter anderem Englische Pfundnoten. Führer der Gruppe im Schloss war Schwend, welcher nach der Befreiung [Norditaliens] verschwand und offenbar unauffindbar blieb.4

 

 Gd.:                Ueber Crastan, den Eigentümer des Nachbarschlosses Rametz, rapportierte die italienische Polizei, man habe in Meran gesagt, er habe gute Beziehungen zu den Deutschen gehabt, ja, man habe sogar von Kollaboration mit der SS gesprochen - ein Vorwurf, der umso schwerer wiegt, als Crastan Jude war.5

 

Sprecherin:

Von van Harten weiss man nicht genau, woher es ihn nach Meran hereingeschneit hat; auch nicht, was er machte. Tatsache ist lediglich, dass er in den letzten Kriegsmonaten ein Büro des Internationalen Roten Kreuzes eingerichtet und erklärt hat, er stamme aus Ungarn und sei mit dem Aufbau dieses Büros beauftragt.6

 

Gd.:                 Soweit die nicht zufällig ungenauen, aber im Kern zutreffenden Angaben des Untersuchungsrichters Dordi über die Personen, deren Aktivitäten der Publizist Shraga Elam für „Doppelpunkt“ und für die Zeitschrift „Cash“ nachgegangen ist.  

 

Sprecher:

Beim im Gerichtsurteil von Meran erwähnten Schwend, handelte es sich um SS-Sturmbanführer (Oberstleutnant) Friedrich Paul Schwend,

 

Sprecherin:
eine der führenden Gestalten der sogenannten "Aktion Bernhard", die auf Befehl Himmlers englische Pfundnoten und später auch amerikanische Dollar gefälscht haben. Es wurden 134 Millionen Pfund gefälscht ... Diese Fälscherei entstand im KZ Sachsenhausen. (...) Hier wurden Geldscheine im Wert von fünf, zehn, zwanzig und fünfzig Pfund gedruckt. Weiter wurden .... amerikanische Personalausweise, amerikanische Schiffsbriefe, Kaufverträge mit Brasilien, holländische Geburtsurkunden usw. gefertigt.

(...)
Schwend wurde für die Distribution und den Verkauf der gefälschten Banknoten verantwortlich.
7

 

Sprecher:

Das gefälschte Geld sollte während des Krieges zur Destabilisierung Englands führen, aber auch der Finanzierung verschiedener geheimdienstlicher Tätigkeiten dienen. Nach dem Krieg wurden damit die SS-Fluchtwege - die sogenannte „Rattenlinie“ - entscheidend mitfinanziert. Die beiden Schlösser in Meran bildeten dabei eine wichtige Station an der von Untergrundorganisationen benützten Brenner-Linie von Österreich in das noch weitgehend chaotische und für illegale Aktivitäten ideale Italien, das Ausgangspunkt für die Flucht nach Südamerika, den USA und auch nach Palästina war. Denn interessanterweise diente die gleiche 'Meransche' Infrastruktur auch der illegalen jüdischen Auswanderung. Dass zwei so verschiedene Flüchtlingsgruppen - also Opfer und Täter - jeweils unter dem gleichen Dach hausten, konnte unmöglich ein Zufall sein.

 

1947 hatte der amerikanische Geheimdienstagent Vincent La Vista einen Bericht verfasst, der bis 1984 streng geheim gehalten worden war. La Vista hatte den Auftrag,  die Infiltration von sowjetischen Agenten über Italien nach den USA zu ermitteln. Bei dieser Arbeit entdeckte er die Fluchtrouten von Naziverbrechern und Juden und verfolgte die Rolle, die seiner Ansicht nach der Vatikan und - wissend oder nichtwissend - das Internationale Rote Kreuz spielte. La Vista widmete in seinem Bericht einen ganzen Abschnitt der „Rattenlinie“ über Meran - ein Abschnitt, der die Verflechtungen der Meraner Aktivitäten erahnen lässt, und der zeigt, dass die Gerüchte in Meran über die Kollaboration von Albert Crastan, dem Besitzer von Schloss Labers, nicht aus der Luft gegriffen waren.  Crastan, so schreibt La Vista,

 

Sprecherin:

war während des Krieges Agent einer SS-task-force, "Schloss Labers" oder auch "Wendig-Gruppe" genannt, welche Oberst Friedrich Schwend unterstand. Schwend war direkt Kaltenbrunner und Himmler gegenüber verantwortlich. Vier andere jüdische Agenten dieser Gruppe sind auf freiem Fuss. Ein gewisser Jaac van Harten, zur Zeit wohnhaft in der Hayarkon-Strasse 184 in Tel-Aviv/Palästina, verlangt von der Amerikanischen Regierung fünf Million Dollar für Eigentum, das nach Kriegsende in Meran konfisziert worden war. Dabei handelte es sich um Beute der SS-Gruppe, die in Schloss Rametz und Schloss Labers, Schwends Hauptquartier, und in andern Gebäuden in Meran eingelagert war. Teil dieser Beute ist eine grosse Anzahl gefälschter britischer Pfundnoten. (...) Ein anderer Agent Schwends ist Carlo Lovioz, ebenfalls Jude und ex-Chef der "Banca Commerciale" in London. ... Dieser hat einen Bruder, der die "Basler Bank" in der Schweiz leitet. Bei den anderen beiden handelt es sich um die Gebrüder Manser. (...)  Es ist interessant zu bemerken, dass Crastan, Van Harten  und die Mansers alle das Internationale Rote Kreuz als Deckmantel benützen. (...) Die genauen Beziehungen zwischen dem Rest von "SCHLOSS LABERS" und dem jüdischen Untergrund sind im Moment nicht bekannt, aber es scheint eine Verbindung zu existieren.8

 

Sprecher:

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wuchs für die Nazis die Notwendigkeit, ihre Raubgüter in Sicherheit zu bringen und die Fluchtwege für die Verbrecher aufzubauen. Für diese Zwecke mussten Verbündete im Lager der Feinde, dass hiess bei den Alliierten und bei den Juden,  gefunden werden.

 

Unter anderem suchten SS-Leute den Kontakt zum US-amerikanischen Nachrichtendienst-Vertreter in Bern, Allen W. Dulles - dem späteren Chef der CIA übrigens. Allen Dulles und sein Bruder, John Foster Dulles, waren bekannte und zuverlässige Wirtschaftsanwälte. John Foster Dulles hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg einen Namen gemacht bei der Ausarbeitung und Verwirklichung eines Schuldenkarussells, das es den Deutschen ermöglichte, mit amerikanischen Banken ihre Reparationszahlungen an die Briten und Franzosen zu begleichen, Gleichzeitig wurde Deutschland zu einem interessanten Investitionsstandort für die aufkommenden amerikanischen Grossunternehmen. Die Gebrüder Dulles hatten also vorzügliche Beziehungen sowohl zu den wichtigsten amerikanischen als auch deutschen Wirtschaftskreisen, und diese gingen auch nach der Machtergreifung Hitlers weiter - die Geschäfte von Standard Oil, General Motors, ITT und anderen Firmen mit den Nazis haben wir im „Doppelpunkt“ vor einer Woche erwähnt.

 

So wurde Allen Dulles nach seiner Stationierung in Bern Ende 1942  wieder zu einer Anlaufstelle für verschiedene deutsche Staatsbürger. Einer der ersten war Prinz Maximilian von Hohenlohe, ein Delegierter Himmlers, der mit einem Sonderfriedensangebot vorstellig wurde. Es folgten weitere Vorstösse in dieselbe Richtung – allen gemeinsam war das Ziel, den Krieg zu beenden und eine gemeinsame antikommunistische Front aufzubauen.

 

 

Am 25. Februar 1945 traf sich der italienische Baron Luigi Parilli, der über gute Verbindungen sowohl zur SS als auch zum Vatikan verfügte, mit Allen Dulles. Er kam im Auftrag von SS-General Karl Wolff, welcher Norditalien kontrollierte. Die Verbindung zu Dulles stellten zwei Schweizer her, Max Husmann, Rektor des Zugerberger Knabeninstituts Montana, und der Schweizer Nachrichtendienstmajor Max Waibel. So begann die 'Operation Sunrise'. Das Abkommen war rein militärisch bedeutungslos, weil es erst wenige Tage vor dem tatsächlichen Kriegsende unterzeichnet wurde. Seine Verfechter behaupten aber, dass es die norditalienische Industrie vor der deutschen Politik der 'verbrannten Erde' bewahrte. Was die SS dabei offensichtlich erreichte, sind verschiedene Abmachungen, die die Sicherheit ihrer Leute und ihrer Beute betrafen.

 

Major Waibel berichtete, dass ihm General Wolff eine Liste der Orte übergab, wo die SS ihre gestohlene Ware versteckt hielt. Waibel wiederum leitete diese Zusammenstellung an Dulles weiter. Darunter befanden sich kostbarste Kunstschätze aus Italien, wertvolle Gemäldesammlungen - u.a. auch die Goldsammlung des Königs. Vermutlich war diese Liste nicht vollständig, weil genügend Beweise dafür sprechen, dass die SS haufenweise Raubgüter für sich behielt. Nebenbei erwähnte Waibel, dass auch die Operation von SS-Offizier Schwend in Meran - also die im La Vista Report erwähnte Nazi-Geldwäschereianlage - den Schutz dieses Abkommens genoss.11


Die Kontakte der SS zu Allen Dulles können erklären, warum der zu Beginn dieses „Doppelpunkt“ erwähnte Prozess gegen Schwend, Crastan, van Harten und Konsorten mit einem selbst für den Schweizer Konsul in Venedig zweifelhaften Freispruch endete. Damals schrieb ein Mitglied der Schweizer Kolonie in Meran, ein gewisser Alexander Kinkelin, an das Konsulat in Venedig:

 

Sprecherin:

Es scheint, dass die beschlagnahmte Ware von Dritten zum Teil in der Folge weiter verschoben worden ist und dass nunmehr auch diese Dritten eine Interesse daran haben, dass kein Prozess abgeführt werde.

In den Zeitungen ist über die Sache nicht mehr geschrieben worden und ebenso wird in der Öffentlichkeit nicht mehr darüber gesprochen.9

 

Sprecher:

Wer waren diese „Dritten“?

Jedenfalls gelang Schwend nach dem Krieg unter dem Schutz der USA die Flucht nach Peru, wo er mit einem anderen, ebenfalls von den USA gedeckten Naziverbrecher, dem Gestapo-Chef von Lyon, Claus Barbie, in verschiedenen Finanzgeschäften  zusammenarbeitete.  Er konnte sich sogar erlauben, im Jahr 1978, zwei Jahre vor seinem Tod, Schloss Labers nochmals aufzusuchen, das unterdessen zum Dreisternhotel geworden war.10

 

Dass Schwend amerikanischen Schutz genoss, geht aus Dokumenten zur „Operation Sunrise“ hervor, bei welcher  Allen Dulles Vermittler war.

 

Gd.:                 Was wir bisher berichtet haben, klingt verwickelt. Die Wirklichkeit ist noch viel verwickelter. Wir haben uns im wesentlichen auf vier Namen beschränkt: Auf Schwend, den SS-Oberstleutnant, der in Schloss Labers das Kommando innehatte und sich dann nach Peru absetzte; auf Crastan, den Kollaborateur und Schlossbesitzer; auf Van Harten, von dem wir bisher nur wissen, dass er in die Geschäfte der beiden verwickelt war, und auf Allan Dulles, den amerikanischen Geheimdienstmann in Bern. Was haben die Aktivitäten dieser Männer mit unserem Thema zu tun, dem Thema „Staatsraison und Moral“? Sie haben mit diesem Thema insofern zu tun, als diese Aktivitäten ohne zumindest die Duldung, wenn nicht Förderung der involvierten Staaten und anderen Mächte nicht möglich gewesen wären.

 

                        Schwend, Crastan und van Harten waren in Aktivitäten verwickelt, die zum einen mit Bereicherung und zum andern mit Flucht zu tun hatten. Es ging um die Rettung bzw. Verschiebung von Kriegsbeute, es ging um den Aufbau eines antikommunistischen Bollwerkes, und es ging um die Flucht von Menschen - Menschen, die Täter waren, und Menschen, die Opfer waren. Die Route für flüchtende Nazis über den Brenner aus Zentral- und Osteuropa durch Italien nach dem südlichen und nördlichen Amerika wurde Rattenlinie genannt in Anlehnung an das Bild der Ratten, die das sinkende Schiff verlassen. Damit dieser Fluchtweg benutzt werden konnte, musste mit jenen kooperiert werden, welche in dem chaotischen Nachkriegsitalien das Sagen hatten. Das waren vor allem die Amerikaner, das war in gewisser Weise auch der Vatikan, und wiederum in gewisser Weise war es auch das Internationale Rote Kreuz. Daneben gab es die Jewish Agency, legale und illegale jüdische Flüchtlingsorganisationen sowie Flüchtlingsagenturen von Ländern wie zum Beispiel Ungarn.

                        Die Kooperation von Nazis mit den Amerikanern durfte nicht offen sein; als Deckmantel konnten jedoch jene Institutionen benutzt werden, die sich offiziell um die - in Anführungszeichen - „richtigen“ Flüchtlinge kümmerten, um die Kriegsopfer. Das Rote Kreuz stellte Pässe aus, mit denen die Weiterreise aus Italien möglich wurde, und der Vatikan unterhielt verschiedene Organisationen, die zu diesen Pässen verhalfen. Diese Wege wurden nicht nur von den Opfern, sondern auch von Tätern benützt.

 

                        Der amerikanische Geheimdienstagent Vincent la Vista, der, Sie erinnern sich, die Aufgabe hatte, die Benützung dieser Wege durch Sowjetspione zu ermitteln, berichtet, wie leicht es war, diese Wege zu benutzen. Er heuerte Agenten an, welche vorgaben, Flüchtlinge zu sein. Dies tat er zum Beispiel bei einer vom Vatikan gesponserten ungarischen Agentur. La Vista war persönlich gegenwärtig, als seine beiden Agenten bei dem persönlich unbescholtenen, aber, wie la Vista schreibt, sentimentalen alten Verantwortlichen der Agentur, Pater Gallov, vorsprachen.

 

Sprecherin:

Meine beiden Männer erschienen in Vater Gallovs Büro ohne jegliche Ausweispapiere, Pass oder sonstige Dokumente und erzählten in perfektem Ungarisch, sie seien soeben aus einem Arbeitslager in der russisch besetzten Zone nach Italien gelangt. Sie behaupteten beide, aus einem kleinen ungarischen Dorf zu stammen und bei Bombardierungen ihre ganze Familie verloren zu haben. Der eine Agent spielte seine Rolle so gut, dass er zusammenbrach und weinte, und Vater Gallov trötsete ihn und versicherte ihm, er würde helfen.

 

Gd.:                 Der eine Agent bestätigte die Wahrheit dessen, was der andere erzählt hatte, und erklärte sich bereit, eine eidesstattliche Erklärung zu unterzeichnen, mit Hilfe derer der andere vom Internationalen Roten Kreuz einen Pass erhalten konnte.

 

Sprecherin:

Pater Gallov schrieb die eidesstattliche Erklärung von Hand in ein vorgedrucktes Formular, Die Erklärung war kurz, enthielt das Geburtsdatum, Taufdatum, den Namen der Kirche und andere einschlägige Fakten über das Leben des einen Mannes in Ungarn. Der zweite Agent unterschrieb die Erklärung und beschwor vor Pater Gallov deren Richtigkeit. Dieser schrieb dann eine kurze Notiz an das Internationale Rote Kreuz und schickte den Mann in dessen Büro an der Via Gregoriana.12

 

Gd.:                 La Vista schildert dann, wie der fiktive Flüchtling ohne weiteres einen Rotkreuz-Pass erhielt, ausgestellt auf eine Weise, die übrigens sehr leicht zu fälschen war.

                        La Vista bezeichnet den Vatikan als die grösste illegale Fluchthelferorganisation im damaligen Italien, die jüdischen Agenturen als die zweitgrösste. Nach der Veröffentlichung seines Reports 1984 entbrannte in der New York Times und in der Jerusalem Post eine heftige Debatte um die Richtigkeit dieser Aussage. Wie auch immer: Der wichtigste Fluchthelfer, der mit demVatikan zusammenarbeitete,  ein in Rom ansässiger deutscher Arzt Namens Dr.Nix, hielt im Verlauf dieser Debatte fest:

 

Sprecherin:

Weder ich noch sonst jemand konnte in dem Chaos, das in jenen Tagen herrschte, als Europa voll war von Menschen, die ohne Dokumente fern von ihrer Heimat waren, verhindern, dass jemand ungerechtfertigterweise durchschlüpfte.13

 

Gd.:                 Wichtig ist in unserem Zusammenhang das Motiv, das La Vista für die behauptete illegale Fluchthilfe des Vatikans angab, nämlich die Verbreitung und Festigung des katholischen Glaubens und der Kampf gegen die Ausbreitung des Kommunismus.

 

                        Der Kampf gegen den Kommunismus bestimmte schon zu Ende des Weltkriegs zunehmend die Politik der westlichen Alliierten, vor allem der USA. Es war der Beginn des Kalten Krieges. Mit diesem Motiv lässt sich teilweise erklären, warum die USA auf der einen Seite die Fluchtwege für Sowjetspione stopfen wollte, für gewisse Ex-Nazis aber offenhielten - und damit sind wir wieder beim Stichwort „Staatsraison und Moral“.

 

                        Shraga Elam sieht dasselbe Motiv auch für eine andere Sorte von Fluchthilfe, die Hilfe zur Kapitalflucht.

 

Sprecher:

Es gibt einige renommierte angelsächsische Autoren, die, gestützt auf zahlreiche Hinweise, hartnäckig behaupten, dass Allen Dulles, seine Mitarbeiter, aber auch der Vatikan gegen Kriegsende und vor allem danach sehr besorgt darum waren, den Deutschen bei deren Kapitalflucht behilflich zu sein. Eine gängige Erklärung dafür ist die Anstrengung, den antikommunistischen Kampf aufzubauen und zu finanzieren.

 

Diese Gelder sollten nicht nur der Finanzierung von subversiven Elementen in Osteuropa, sondern auch von antikommunistischen Parteien, wie den Christdemokraten in Italien und der CDU in Westdeutschland, dienen. Die behauptete zentrale Rolle von Allen Dulles bei der Nazigeldwäscherei deutet zusätzlich auf Anstrengungen, die guten Arbeitsbeziehungen zwischen der US-amerikanischen und der deutschen Grossindustrie wiederherzustellen.

Der Schweizer Banken- und Industriekomplex  konnte von dieser Politik profitieren, denn er sollte eine zentrale Rolle in der neuen Weltordnung der Nachkriegszeit spielen. Darum wurde der Schweizer Banken- und Industriekomplex  nach dem Krieg von der Dulles-Fraktion auch in Schutz genommen, und alle jene Beweise, die heute ein angeblich 'neues' Licht auf die schweizerischen Hehler-Dienste für Nazi-Deutschland werfen, wurden damals neutralisiert.
 

Gd.:                 Nach wie vor sind viele Fakten nicht erhoben oder werden bewusst verdeckt. Viele bekannte Fakten sind aber auch sehr unterschiedlich interpretierbar. Wir haben in der ersten Folge unserer „Doppelpunkt“-Serie „Staatsraison und Moral“ gesagt, dass die Interpretationen von Interessen bestimmt seien. Auch dies muss nicht immer der Fall sein. Es gibt Fakten, die in sich widersprüchlich oder mindestens uneindeutig sind, und insbesondere sind dies Menschen. Eine der Personen, bei welchen der Unterschied zwischen einer moralischen Aktion, nämlich der Rettung von Flüchtlingen, und kriminellen Handlungen, nämlich Menschenhandel und Kollaboration, nicht offen ersichtlich ist,  ist Jaac van Harten, der dritte Mann der Leute von Schloss Labers, die 1947 in Meran angeklagt und freigesprochen wurden. Dazu Shraga Elam:

 

Sprecher:

Jaac van Harten wurde 1901 angeblich als Yaacov Levi geboren. Unter falscher Identität lebte er bis 1938 als holländischer Schmuck- und Antiquitätenhändler in Berlin, danach lebte er mit seiner Familie in Montreux.  1940, auf dem Weg nach Palästina, blieb die Familie in Budapest stecken; sie überlebten dort den Krieg, indem sie sich als Nichtjuden ausgaben.

 

Van Harten soll schon 1940 Rettungsaktivitäten für polnisch-jüdische Flüchtlinge aufgenommen haben. 1942 wurde er durch die Vermittlung von Graf Polke Bernadotte, dem Leiter der schwedischen Rotkreuzvertretung und Nazisympathisanten, Mitabeiter des Schwedischen Roten Kreuzes. 1944, nach dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn, kam van Harten in Kontakt mit dem SS-Oberstleutnant Kurt Becher, den wir im „Doppelpunkt“ vor einer Woche als Enteigner und Erpresser der Industriellenfamilie Weiss und als Verhandlungspartner von Saly Mayer auf der Brücke von Sankt Margrethen kennengelernt haben. Er soll Becher als Experte für geraubte Kunstwerke gedient haben und durfte, erklärte er später, als Gegenleistung sogenannte SS-Schutzwerkstätten für Juden führen - nach dem Modell, dass wir aus dem Film "Schindlers Liste“ kennen.14 Van Harten will es auch gewesen sein, der Becher auf die Idee gebracht hat, Verhandlungen zur Freilassung von Juden aufzunehmen.

 

Berichte an Nathan Schwalb, den Verbindungsmann einer zionistischen Hilfsorganisation in Genf, bestätigen, dass van Harten auch Beziehungen zu jüdischen Aktivisten aufgenommen hatte. Er will unterdessen zum Delegierten des Intenationalen Roten Kreuzes aufgestiegen sein und mit der Fälschung von Stempeln und Schutzpapieren Juden vor der Deportation nach Auschwitz geschützt haben.

 

Nach Meran zog van Harten Ende 1944. Dort setzte er sich für die jüdischen Häftlinge im KZ von Bozen ein. Er behauptete später, er habe für die SS die Kontakte mit Allen Dulles in der Schweiz aufgebaut und habe die Lebensbedingungen der KZ-Häftlinge in Bozen verbessern und sie sogar vor der Deportation nach Auschwitz bewahren können. In seinen Gesprächen mit Dulles will van Harten erreicht haben, dass die Region Cortina d’Ampezzo und Meran von den alliierten Bombardierungen verschont wurde, indem er ihm mitgeteilt habe, dass sich dort über 50'000 englische und amerikanische Kriegsgefangene befänden.

 

Als Ende April 1945 die Alliierten nach Meran kamen und Schwend untergetaucht war, hatte van Harten das Sagen in Schloss Labers. Er nahm Kontakt mit einem Offizier der jüdisch-britischen Brigade auf, Alex Doron, und schlug diesem die Errichtung einer jüdischen Transitstation im Schloss vor. Er versorgte Fluchthelfer unaufgefordert mit Geld - mit gefälschten englischen Pfundnoten. Der Agent Schalheweth Freier:

 

Sprecherin:

Ich weiss nicht, ob man wusste [dass van Harten SS-Kollaborateur war], ob man das nur vermutete oder ob es erst später herauskam...... Wir brauchten Geld, und obwohl unsere Zentrale [in Palästina] dies nicht wünschte, wollten wir sein Geld haben.16

 

Sprecher:  

Nach einer Auseinandersetzung mit einem amerikanischen Nachrichtenoffizier über die in den Meraner Schlössern eingelagerten Raubgüter wurde van Harten verhaftet und ein Jahr lang, bis 1946, in amerikanischer Gefangenschaft gehalten. Damals suchte der Agent Shalhevet Freier van Hartens Gattin in Meran auf:

 

Sprecherin:

In Meran fand ich Frau van Harten mit sehr vielen Koffern. (...) In den Koffern entdeckte ich Pakete voll gefälschten Geldes. (...) [Ausserdem waren da] ganze Pakete von Schmuck. (...) Ich glaube, die Erklärung dazu lautete, es handle sich um Juwelen, sie [die van Hartens] von Juden zur Aufbewahrung bekommen hätten. Es wurde beschlossen, Frau van Harten nach Palästina zu holen und dieses Vermögen zu übernehmen.15

 

Sprecher:

1973 starb van Harten in Tel Aviv.
Die hier geschilderte Darstellung seiner Aktivitäten zur Rettung von Juden stützt sich auf van Hartens Aussagen im Nachhinein. Seine damalige Korrespondenz weicht in manchen Details davon ab. Kein Zweifel besteht, dass er sich für Juden eingesetzt hat, und kein Zweifel besteht, dass er mit der SS kooperierte. Der zionistische Agent Joel Palgi, der gegen Kriegsende nach Budapest eingeschleust worden war, sagte klipp und klar:

 

 

Sprecherin:

Van Harten arbeitete in der Organisation der Gestapo zur Verteilung der gefälschten britischen Pfundnoten mit, und er war auf der andern Seite ein angeblich „guter Jude“, denn er half hie und da dem Untergrund.18

 

 

Sprecher:
Die Unterstützung der zionistischen Agenten nach dem Krieg muss als Versuch van Hartens gesehen werden, sich noch rasch Schutz vor der Verfolgung durch die Alliierten zu beschaffen. Doron und andere Agenten setzten sich denn auch massiv und mit Erfolg für seine Befreiung aus der amerikanischen Gefangenschaft ein.

 

Gd.:                 Das Beispiel van Harten kann das moralische Dilemma illustrieren, in das Einzelpersonen ebenso geraten können wie Organisationen oder Staaten - das Dilemma, das entsteht, wenn in einer von Unmoral bestimmten Situation eine moralische Handlung gefordert ist. In diesem Dilemma befand sich zum Beispiel auch das „Joint“. Shraga Elam:

 

Sprecher:

Aus dem „La Vista-Report“ geht hervor, dass das „American Jewish Joint Distribution Committee“ in Italien mit gefälschten Papieren handelte und auch vor dubioser Klientel nicht Halt machte. So wird ein Nazi namentlich erwähnt, der bei seiner Flucht Hilfe dieses Komitees erhielt.

 

Gd.:                 Ein Fall, der zeigt, wie komplex das moralische Dilemma sein kann, dass es aber auch Verhaltensweisen geben kann, die nur noch von einem psychologischen Dilemma jenseits von Moral her erklärt werden können, oder aber von einer politischen Logik jenseits von Moral, ist die Kasztner-Affäre. Für jene Hörerinnen und Hörer, die den „Doppelpunkt“ vor einer Woche gehört haben, ein kurzer Rückblick, für die andern eine gedrängte Einführung:

 

                        Der ungarische Zionist Rudolf Israel Kastner wurde 1944 Leiter des jüdischen Rettungskomitees, das zur unfreiwilligen Partnerorganisation Eichmanns in der Abwicklung der Deportation der ungarischen Juden wurde. Als Leiter des Rettungskomitees wurde Kastner auch wichtiger Verhandlungspartner von SS-Oberstleutnant Kurt Becher - desselben Becher, der die ungarischen Industriebetriebe in die Hand der SS erpresst hat, desselben Becher,  dem Van Harten als Kunstexperte diente und ihn zum Handel „Juden gegen Geld und Waren“ inspiriert haben will; desselben Becher, der in dieser Sache mit Saly Mayer auf der Brücke von Sankt Margrethen verhandelt hat - und desselben Becher, der im Nürnberger Prozess freigesprochen und danach  in Bremen reicher Getreidehändler wurde.

 

                        Kastner spielte in den Becherschen Menschenhandels-Angeboten eine viel zentralere Rolle als van Harten. Kastner verhandelte an der Seite von Becher mit Saly Mayer. Kastner war es, der mit der Organisation des später nach ihm benannten legendären Zuges, des „Kastner-Zuges“ eben, nach langen Bemühungen und einer ungewissen Reise über das Uebergangslager Bergen-Belsen rund 1'700 Menschen die Flucht in die Schweiz ermöglichte. Kastner hat Anteil an dem Erfolg, dass rund 200'000 Juden in Ungarn von der Deportation verschont blieben. Und trotzdem wurde Kastner in einem Prozess in Israel als Kollaborateur mit der SS bezeichnet und vor seiner Entlastung durch das Oberste Gericht im Jahr 1957, von einem angeblich „ehemaligen“ Mitarbeiter des israelischen Staatsschutzes, Zwi Eckstein, umgebracht.

 

                        Dazu nun Hintergründe und Interpretationen von Shraga Elam:

 

Sprecher:

Als die Sowjetarmee Ungarn von den Deutschen befreite und SS-Oberst Becher sich absetzen musste, nahm er eine Gruppe reicher jüdischer Ungarn mit sich, die er gegen Abtretung ihres Vermögens vor der Vernichtung verschont hatte. Sie sollten ihm als Alibi seiner Menschlichkeit dienen, wenn er den Soldaten der Alliierten begegnen würde. Einer dieser Zeugen war Mosche Schweiger, welchen Becher auf die Bitte Kastners aus dem KZ Mauthausen geholt hatte.

 

Als Becher tatsächlich auf die Amerikaner stiess, übergab er Mosche Schweiger einige mit Wertobjekten gefüllte Koffer zuhanden der Jewish Agency, der Vorläuferorganisation der israelischen Regierung - den sogenannten Becher-Schatz. Es handelte sich um das Lösegeld, das die Reisenden des Kasztner-Zuges für ihre Fahrt in die Schweiz bezahlt hatten.

Über den genauen Wert dieses Schatzes gab es später grosse Auseinandersetzungen. In einem Brief vom 21. Oktober 1945 schrieben Kastner und Schweiger:

 

Sprecherin:

Der von den Deutschen geforderte Gesamtbetrag wurde nie ausbezahlt. Wir haben die abgelieferten Werte auf acht Millionen siebenhundertfünfzig tausend Schweizer Franken geschätzt; die Deutschen behaupteten, dass sie nur 3.8 Millionen wert seien. Diese Kontroverse wurde nie beigelegt.19

 

Sprecher:
 Der Becher-Schatz wurde den Amerikanern ausgehändigt. Erst 1947 gelangte er zu den Vertretern der Jewish Agency nach Genf. Eine Kontrolle ergab, dass er nur noch einen Wert von circa 55,000 US Dollar ergab. Er enthielt auch gefälschte englische Pfundnoten.

 

In der Untersuchung, wo die vermissten Vermögenswerte verblieben waren, fiel selbstverständlich der erste Verdacht auf Becher. Aber auch Kastner und Schweiger wurden der Veruntreuung verdächtigt. Eine dritte Variante war, dass die Vermögenswerte von Unbekannten in den zwei Jahren bis zur Rückgabe im Jahre 1947 geraubt worden wären. Das Rätsel wurde bis heute nicht gelöst.

 

Trotz der ‘grosszügigen' Rückgabe des erpressten Lösegeldes landete Becher in Gefangenschaft der Alliierten.

 

Gd.:                 Soweit folgt alles der Logik menschlicher Ueberlebensstrategie und Raffgier. Nun aber begann sich bei Kastner die  Entwicklung abzuzeichnen, hinter der entweder eine geheimnisvolle psychische oder aber eine politische Logik steckt. Diese Entwicklung betraf Kasztners Beziehung zu Becher - zu jenem Mann, der mitverantwortlich war für die verzweifelte Situation in Ungarn im Frühjahr 1944, als Kasztner an Nathan Schwalb nach Genf schrieb:

 

Sprecherin:

Während diese Zeilen geschrieben werden, ist das ganze Land - ausserhalb ... von Budapest - bereits ohne Juden.....Du wirst also meine Seelenlage verstehen  .... Der Traum des grossen Planes [das heisst des Handels „Blut gegen Waren“] ist ausgeträumt. Hunderttausende gingen nach Auschwitz in einer Weise, dass sie bis zum letzten Moment nicht im Klaren waren, worum es sich handelt und was vor sich geht. Wir, die es eben wussten, versuchten, uns dagegenzusetzen, aber nach 3½ monatigem erbitterten Kampfe muss ich feststellen, dass wir eher der Entfaltung der Tragödie und deren unaufhaltbarem Rennen zuschauten, ohne dagegen nur irgendwas von Bedeutung vornehmen zu können.20

Gd.:                 Zu der seltsamen Entwicklung im Verhältnis Kastners zu Becher weiter Shraga Elam:

 

Sprecher:

Im September 1945 gab Kastner vor einer US-Amerikanischen Untersuchungskommission in London eine Erklärung ab, in welcher er Becher, zusammen mit anderen SS-Offizieren, die mit jüdischen Organisationen verhandelt hatten, als Kriegsverbrecher bezeichnete, die nun angesichts der deutschen Niederlage ein Alibi suchten.

 

Im Januar 1946 aber erklärte Kastner plötzlich, dass Becher sich nicht für die Juden eingesetzt habe, nur um sich ein Alibi zu verschaffen. Ausserdem habe er auch bei Himmler interveniert, um die Vernichtungsmaschinerie zu stoppen.

 

Im August 1947 fuhr Kastner sogar nach Deutschland, um Becher in einer eidesstattlichen Aussage als einen der wichtigsten Judenretter zu bezeichnen. Nachdem dann Becher im Dezember 1947 aus der Gefangenschaft entlassen worden war, hatte er sich vor einem der Entnazifizierungsgerichte in Nürnberg zu rechtfertigen. Dort stellte Kastner ihm und anderen hohen SS-Offizieren im Mai 1948 wiederum einen sogenannten Persilschein aus. Unter diesen SS-Schergen befanden sich General Hans Jüttner, der Kommandant aller Konzentrationslager, und ein Mitarbeiter Eichmanns, Hermann Krumey, ein Schreibtischtäter, auf dessen Konto etwa 3 Millionen jüdischer Opfer gehen sollen.

Im Sommer 1952 forderte ein aus Ungarn stammender Mann namens Malkiel Grünwald in einem Pamphlet:

 

Sprecherin:

Dr. Rudolf Kastner muss liquidiert werden!

Seit drei Jahren warte ich auf den Moment, diesen Karrieristen vor Gericht zu bringen. Dieser profitiert bis heute von den Raub- und Mordtaten Hitlers. Wegen seiner kriminellen Machenschaften und seiner Kollaboration mit den Nazis..., sehe ich ihn als indirekten Mörder meiner lieben Brüder...21

Sprecher:

Die israelische Regierung sah sich veranlasst, zu reagieren. Denn Kastner, der inzwischen in Israel lebte, war Mitglied der regierende Mapai, der Vorläuferin der heutigen Arbeiterpartei, geworden. Er wurde Sprecher des Handels- und Industrieministeriums und Chefredaktor der ungarischsprachigen Zeitung, ausserdem kandidierte er bei den damaligen Parlamentswahlen.

Im Namen der Regierung reichte der Staatsanwalt am 25. Mai 1953 eine Ehrverletzungsklage gegen Grünwald ein.

Der Prozess fand immense öffentliche Aufmerksamkeit, denn diese Affäre bot der rechten Opposition die Chance, die regierende Mapai der Kollaboration mit den Nazis zu bezichtigen.

Am 22. Juni 1955 verkündete der Richter Benyamin Halevi das Urteil: Er befand Kastner der Kollaboration mit den Nazis für schuldig und schloss:

 

Sprecherin:
Kastner verkaufte seine Seele dem Satan.

 

Sprecher:
 Für dieses harte Urteil gab es zwei zentrale Gründe:

Zeugen berichteten, dass Kastner und seine Mitarbeiter gewusst hätten, dass die Deportationen mit der Vernichtung in Auschwitz endeten, doch sie hätten die Juden nicht gewarnt. In Cluj, der Heimatstadt Kastners, hätten sie sogar Postkarten von Deportierten verteilt, welche die paradiesischen Zustände am neuen Ort schilderten. Damit seien die Juden ermutigt worden, in die wartenden Deportationszüge zu steigen.

In seiner Urteilsbegründung stellte der Richter fest, dass diese Aktion die Folge eines Deals zwischen Kastner und der SS war. Kastner durfte einige hundert Menschen aus Cluj - darunter seine Grossfamilie - retten, aber dafür musste die Mehrheit der 18'000 Juden dieser Stadt nach Auschwitz.

Ein zweiter entscheidender Punkt für die Verurteilung Kastners war dessen vorhin erwähnte Aussage zugunsten Bechers in Nürnberg. Denn für den Richter war Becher eindeutig ein Kriegsverbrecher.

 

Dem Gericht lag auch ein Brief Kastners aus dem Jahr 1948 an den damaligen israelischen Finanzminister, Eli'ezer Kaplan, vor. Dieser Brief zeigte, dass Kastner zu Becher nach Nürnberg gereist war und von ihm verschiedene Hilfeleistungen zur Rückgabe von Vermögenswerten an die Jewish Agency erhielt.22  Diese Vermögenswerte befanden sich hauptsächlich auf Schweizer Banken. Doch der Richter zog diese Aktion im Interesse Israels nicht in Betracht.

Er schenkte allerdings auch den Berichten, wonach Kastner dicke Koffer voll Gold, Diamanten, Schmuck usw. in die Schweiz geschmuggelt hätte, keinen Glauben. Der bescheidene Lebensstandard Kastners liess nicht auf eine Bereicherung schliessen. Was war denn also das Motiv, das Kastner veranlasst hatte, für Becher und Konsorten in Nürnberg entlastend auszusagen? Der Richter hielt fest:

 

Sprecherin:

Es gibt viele Anzeichen im Kastner-Bericht, dass zwischen ihm und Becher mit der Zeit eine private Sympathie entstand ..... Die lange Kollaboration Kastners mit den Nazis beeinträchtigte seine Wahrnehmung, und die Erinnerung an seiner Glanzperiode [als er im Zentrum der Verhandlungen stand] beinflusste seine Tätigkeit danach. Die Reinwäsche und Legitimierung Bechers war für Kastner notwendig, um sich selber zu legitimieren.23

Sprecher:

Das Urteil schlug, mitten in der Wahlkampagne, ein wie eine Bombe und heizte die Stimmung gegen Kastner bedrohlich an.

Die Regierung rekurrierte beim Obersten Gerichtshof, aber vor dessen knappen Freispruch wurde Kastner am 3. März 1957 ermordet. Der Täter, Zwi Eckstein, wurde gefasst,. Er war ein ehemaliger V-Mann des Staatsschuztes "Shin-Beth", der in einem rechtsradikalen Untergrund 'eingepflanzt' worden war. „Shin Beth“ wies jede Verantwortung von sich und behauptete, dass sich der Täter verselbständigt und seine Betreuer den Kontakt zu ihm verloren hätten.

Der israelische Publizist Uri Avnery, welcher eine führende Rolle in der Anti-Kastner-Kampagne spielte, meinte damals,  nur die israelische Regierung könne ein Interesse an der Ermordung Kastners gehabt haben.  Denn Kastner hätte, so meinte Avnery, angesichts der drohenden Todesstrafe, die in Israel für Nazivergehen und Kollaboration vorgesehen ist, vor Gericht gründlich auspacken und die Regierung in echte Verlegenheit bringen können. Deshalb sollte er zum Schweigen gebracht werden. Die Rechtsradikalen aber hätten ein Interesse gehabt, wenn Kastner die Regierung belastet hätte.

 

Heute ist Avnery nicht mehr dieser Auffassung. Er sieht zwar eine frappante Ähnlichkeit zwischen den Verschwörungstheorien zur Ermordung Kastners und Rabins, meint aber, dass er nach seinen jetzigen engeren Kenntnissen des israelischen Staatsschutzes diesem kaum soviel Raffinesse und Klugheit zutraut.

Jahrelang erregten sich die Gemüter über diesen heiklen Fall. Der Historiker Yehuda Bauer, einer der Verteidiger Kastners, behauptete, wie Richter Halevi, dass Kastner in Nürnberg als Einzelperson handelte, um sich wichtig zu machen.

 

Gd.:                 Uns interessiert vor allem die Motivation Kastners für die Entlastung von Becher und Konsorten. War sie wirklich vorwiegend psychologischer Natur? Es gibt gewichtige Indizien, die darüber hinausweisen. Shraga Elam:

 

Sprecher:

An seinem Prozess sagte Kastner unter Eid aus, dass zwei Vertreter der Jewish Agency ihn ermächtigt hatten,

 

Sprecherin:

Am Nürnberger Prozess zugunsten SS-Standartenführer Becher auszusagen.24

 

Sprecher:

Dass Kastner in Nürnberg nicht aus eigener Initiative, sondern im Auftrag der Jewish-Agency bzw. der israelische Regierung agiert hatte, bewies die israelische Historikerin Shoshana Eshoni-Beri 1986 anhand von Dokumenten im Zionistischen Zentralarchiv.

Sprecherin:
Meiner Meinung nach kann man nicht über die Zeugenaussage Kastners zugunsten von Naziverbrechern diskutieren, ohne die damalige Anstrengung der Jewish Agency zu berücksichtigen, die von den Nazis geraubten Gelder des jüdischen Volkes .... zu erhalten.25

Sprecher:
Die Historikerin weist auch darauf hin, dass sämtliche Reisen Kastners nach Nürnberg von jüdischen Organisationen, wie der Jewish Agency und dem jüdischen Weltkongress, mitfinanziert wurden.

Hinzu kommt, dass die Akten des Joint-Vertreters in der Schweiz, Saly Mayer, Beweise enthalten, wonach dieser bis zu seinem Tod im Jahre 1950 Becher Unterstützungspakete schickte - mit dem Absender des Schweizerischen Hilfsvereins für jüdische Auswanderung.26  Was diese Sendungen tatsächlich enthielten und was deren Hintergrund war, ist nicht klar: Dass es hier um die Erfüllung irgendwelcher Versprechungen ging, die während des Krieges gemacht wurden, ist ziemlich unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass Becher eine Gegenleistung erbrachte. Nach dem Tod Mayers meldete sich Becher mit angeblich offenen Ansprüchen in der Höhe von 20'000 Schweizer Franken.

 

Was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es letzlich um Finanzgeschäfte zwischen der Jewish Agency und Becher ging, ist die Tatsache, dass Becher über viel Geld verfügen musste - möglicherweise aus seinen Raubzügen in Ungarn. Schon kurze Zeit nach seiner Gefangenschaft etablierte er sich  in Bremen als sehr reicher Getreidehändler.

Die Hauptgeschäftstätigkeit Bechers konzentrierte sich auf Peru. Dort pflegte er Kontakte zur Kolonie untergetauchter SS-Mitglieder. Nach der Aussage von Eichmanns Sohn, half Becher ihm und seiner Familie zum Beispiel, zu seinem im Versteck lebenden Vater zu fahren. Andererseits lieferte Becher Getreide nach Israel, bis die Veröffentlichung dieser Tatsache dieses Geschäft verunmöglichte.

 

Die Korrespondenz Kastners mit Kaplan, sowie Dokumente im Schweizerischen Bundesarchiv beweisen eindeutig, dass Becher Gelder und andere Raubgüter bei Banken und Treuhändern in der Schweiz deponiert hatte. Becher war bereit, Teile dieses Vermögens, deren genauer Umfang nicht klar ist, an die jüdischen Organisationen abzutreten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch von jüdischer Seite Hilfe geleistet wurde, um Becher andere Teile seines Vermögens  zurückzuschicken. Dies könnte zum Beispiel der Inhalt von Saly Mayers Hilfspaketen gewesen sein.

Die Akten im Bundesarchiv beweisen, dass Becher ab 1952 sich um eine Einreisebewilligung in die Schweiz bemühte. Die Bundesanwaltschaft verweigerte dieses Begehren auf Grund seiner Rolle bei den Verhandlungen zum Freikauf von Juden. Trotzdem wurde ihm immer wieder

 

Sprecherin:
 ausnahmsweise [die Einreisegenehmigung erteilt], um dringende Importverhandlungen mit seinen Schweizerfreunden [in Basel, Zürich, Genf und Lausanne] zu führen.27

Sprecher:
 So geschah es zum Beispiel im September 1952. Schon damals also wagten Becher und andere Nazis wieder Versuche, ihre in der Schweiz versteckten Vermögenswerte herauszuholen. Herauszufinden, wer Becher dabei alles half, sollte u.a. die Aufgabe der Bergier-Komission sein.

 

Gd.:                 So weit Shraga Elam.

Wir haben die Sendereihe „Staatsraison und Moral“ mit dem Zitat von Machiavelli angefangen:

 

Sprecherin:

Oft ist es notwendig, um einen Staat erhalten zu können, gegen Treu und Glauben, gegen die Nächstenliebe, gegen die Menschlichkeit und gegen die Religion zu handeln.28

 

Gd.:                 Was haben die heute dargestellten Fakten und Interpretationen mit dieser Aussage zu tun?

 

                        Vor allem sollen sie Material liefern für eine Diskussion im „Doppelpunkt“ in einer Woche über die Behauptung, dass Politik nach wie vor nicht primär nach moralischen Kriterien, sondern pragmatisch nach den vorherrschenden Interessen geführt wird.

 

                        Im Fall der Fluchthilfe der USA für ehemalige Nazis war das Hauptmotiv, so die Behauptung,  die Eindämmung des Kommunismus im beginnenden Kalten Krieg. Im Fall des Vatikans zusätzlich die Festigung der katholischen Position in der Welt. Im Fall der jüdischen Organisationen der Aufbau des Staates Israel. In den Fällen der Unterstützung von Kapitalflucht und Geldwäscherei waren es wirtschaftliche Interessen.

Die Beispiele der heutigen Sendung, in welcher die Aktionen von Einzelpersonen einen besonders grossen Raum eingenommen haben, sollen aber auch etwas anderes zeigen: Auch wenn die These stimmt, dass Politik nicht primär von moralischen Kriterien bestimmt ist, muss sie doch differenziert, eingeschränkt und je nach Situation interpretiert werden.

 

                         Die beiden letzten Beispiele - die Fälle van Harten und Kastner - haben auch gezeigt, wie sehr eine solche These gleichzeitig stimmen und nicht stimmen kann, wenn man in Betracht zieht, dass es eben Menschen sind, die erstlich und letztlich handeln.

 

                        Was heisst das konkreter? Dies ist Thema des nächsten und letzten „Doppelpunkt“ in dieser Serie - nicht als Vortrag, sondern, wie gesagt,  als Diskussion.

(Redaktion Gd., 5.- 8.1.98)

 


 

 


 

1 Venedig, Konsulat, E 2200.26(-)-/3 Bd. 2,S.5

2 ibid., S.7

3 23.1.1947, Bundesarchiv E 2200.26 (-) -/3 Bd.2

4 Venedig, Konsulat, E 2200...,S.8

5 ibid., S.9

6 ibid., S.9

7 Aus Hlas Revoluce, 30.10.76, Archiv Sachsenhausen, R33/13/4

8 La Vista Report, May 15 1947, Appendix C, p.4, US National Archives, Record Group 59, FW800.0128//5-1547

11 Major i.Gst.Max Waibel, Die geheimen Verhandlungen über die Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Italien (21.Februar - 2.Mai 1945), 1946, Bundesarchiv E27/9540 Bd.5

9 Brief A.Kinkelin, Meran, 6.5.47 an das Schweizerische Konsulat in Venedig, Bundesarchiv E2200.26 (-)-/3 Bd 2

10 Ralph Blumenthal, The Secret of Schloss Labers, NYTimes, 22..6.86, Late City Final Edition, section 10, p.19, column 1

12 La Vista Report, S.3

13 New York Times, 23.2.84, Late City Final Edition, section A, p 8, column 1

14 Interview mit Nana Nosinow-Sagi, Institute of Contemporary Jewry, Oral History Dept, Hebrew University, 23.9.67, Haganah-Archiv 93.23

16 Siehe Anm.14

15 ibid,17.7.1966, Haganah-Archiv 197.26

18 Interview mit Adir Kohen, 18.12.59, Haganah-Archiv, 165-26

19 Central Zionist Archives (CZA) S53/2128

20 Schwalb Archiv

21 Zitiert nach Shalom Rosenfeld, Kriminalakte 124, der Prozess Grünwald-Kastner, Tel Aviv 1955, S.16f

22 CZA Handakten Pozner, P-12-63

23 Rosenfeld, S.448

24 Rosenfeld, S. 251f

25 Shoshana Eshoni-Beri, Die Kastner-Affäre - Zur Frage der Aussage zugunsten von Naziverbrechern - Versuch einer andern Erklärung, in: Yalkut Moreshet 59, April 1995, S.90

26 Brief Hilfsverein für jüdische Auswanderung an Sekretärin Saly Mayers, 16.Juli 1948, Saly Mayer Archiv

27 Bundesarchiv, E 4320(B) 1973/17/95

28 Il Principe, Kap.18, §4


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Ein Manuskript von zwei Sendungen des Schweizer Radios DRS (Staatsradio). Die Sendungen sind das Ergebniss der Recherche von Shraga Elam
Die Serie hieß: Staatsraison und Moral

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