Da gab es keine wirklichen
Überraschungen, als die (Straßen-)Karte vor zwei Monaten von israelischen
Offiziellen den Vertretern der Weltbank und durch diese den Geberländern
vorgelegt wurde. Auf dieser Karte ist ein System von 16 Passagen – Tunnel
oder Brücken – und Straßen in der Westbank eingezeichnet, das dafür
vorgesehen ist, verbessert oder gebaut zu werden. Die Passagen sind dafür
bestimmt, die palästinensischen und israelischen Fahrzeuge weit
auseinander zu halten, in dem man die palästinensischen Fahrzeuge auf
Nebenstraßen umleitet. Israelis, d.h. Juden, werden zum größten Teil auf
einem System guter Schnellstraßen fahren können. Die Einstellung jüdischer
Siedler über ethnische Trennung, die sich auf einer offenkundigen
Diskriminierung gründet, was Rechte, Lebensbedingungen, Gesetze und die
offizielle Haltung gegenüber Juden und Palästinensern betrifft, hat sich
im Laufe der Jahre verstärkt, bis sie zur zweiten Natur der israelischen
Gesellschaft geworden ist. Wer, wenn nicht die verschiedenen Konsuln und
Vertreter der Weltbank, die oft durch die Westbank und den Gazastreifen
fahren, sind sich dieser Einstellung, die sich hier entwickelt und in den
empfangenen Karten ihren Ausdruck findet, sehr bewusst. Es überrascht auch
nicht, dass Israel von den Geberländern erwartet, dass sie diese
Nebenstraßen und Passagen finanzieren, die dafür gedacht sind, das
Wohlergehen der Siedlungen und ihre weitere Entwicklung abzusichern.
Schließlich hat sich Israel an diesen Luxus gewöhnt: Es besetzt die
palästinensischen Gebiete und die Steuerzahler der westlichen Länder
tragen die Bürde der Besatzungsschäden.
Diese Steuerzahler finanzieren seit
Beginn des Osloprozesses die Rehabilitation der palästinensischen
Infrastruktur, die jahrelange absichtliche Vernachlässigung während der
direkten Herrschaft Israels zerstört hatte. Während der Oslojahre mit
ihrer indirekten Besatzung entschädigten sie für die wirtschaftliche
Absperrung und Belagerung, die Israel als Mittel politischer Erpressung
der palästinensischen Behörde auferlegte. Aber sie hatten keinen Erfolg,
den israelischen Baueifer bei Siedlungen einzudämmen. Seit dem Ausbruch
der 2. Intifada haben sie ein weiträumiges Sicherheitsnetz geschaffen,
indem sie den täglichen Unterhalt der Hälfte der palästinensischen
Bevölkerung finanzieren, die infolge der Politik der internen Absperrung
in eine nie da gewesene Armut gestürzt sind. Sie bauten neue Unterkünfte,
um die von israelischen Bomben, Raketen oder Bulldozern zerstörten
Wohnungen von Zivilisten zu ersetzen. Sie bestreiten den Defizit des
laufenden Budgets der palästinensischen Behörde, nachdem die israelische
Regierung oder israelische Richter entschieden, auf die
PA-Steuerneinnahmen, (die über das israelische Finanzministerium
transferiert werden) ein Pfandrecht/ Zurückbehaltungsrecht zu legen.
Warum sollten die Steuerzahler der
USA und Japan nicht auch die Passagen in der Nähe von Itamar und Alon
Moreh zahlen, damit Dutzende von Siedlungsbewohner weiterhin sicher auf
araberfreien Straßen fahren, auf Hügelkuppen (Außenposten) gebaut werden
können, bis sie mit der nächsten Siedlung zusammenwachsen, und Eier von
Freilandhühnern in Israel verkauft werden können – während hundert
Tausende von Palästinensern, die in dem Gebiet leben, in seltsamen
Mini-Enklaven zusammengepfercht sind und wie in einer Falle zwischen
israelischen Straßen und Siedlungsblöcken sitzen.
Vielleicht gibt es aber doch eine
Überraschung in dieser Geschichte der vorgelegten Straßen- und
Passagenkarte: das palästinensische Kabinett hörte die Analyse des
palästinensischen Planungsministeriums, das den israelischen Vorschlag als
einen Plan betrachtet, der die Siedlungen und die Errichtung eines
Apartheidsystems auf immer fortsetzen will. Trotz der kurzfristigen
Einstellung, den Plan zu akzeptieren – es würde nach Jahren der
schädlichen Absperrung für Palästinenser eine relativ freie Bewegung in
der Westbank erlauben - entschied das Kabinett, den Plan völlig
zurückzuweisen. Auf diese Weise signalisierte es den Geberstaaten, weder
die Passagen noch die anderen Straßen ohne Billigung des palästinensisch
ministeriellen Sonderkomitees zu finanzieren. D.h., dass das Kabinett
nicht nur verbal protestierte, sondern auch eine praktische Maßnahme
adoptierte. Dies ist überraschend, da die PA seit 1994 so handelte, als ob
sie unfähig wäre, etwas zu tun, um israelische Politik daran zu hindern,
palästinensische Enklaven in der Westbank und im Gazastreifen zu schaffen.
Ein Aspekt dieser Politik war der beschleunigte Bau der Siedlungen und der
Straßen, die unter allen Regierungen, der Labor-Meretz genau so wie unter
der Likud, durchgeführt wurde. Ein zweiter Aspekt war das Pass-System für
Palästinenser und die Reisebeschränkungen, die Israel innerhalb der
besetzten Gebiete seit 1991 aufrecht erhielt. Die Reisebeschränkungen
zielten letztendlich darauf, die uneingeschränkte Expansion der Siedlungen
abzusichern – also die Schaffung territorial zusammenhängender jüdischer
Wohnbereiche.
Die PA unter der Führung von Yasser
Arafat, handelte so, als wäre es eine Sache von höherer Macht, ein
deterministischer Prozess, dem kein diplomatischer oder allgemeiner Kampf
entgegenwirken könnte. Sie ließ diese Bemühungen, sich gegen
Landenteignungen für Siedlungsbau zu wehren, in den Händen von NGOs oder
Privatpersonen. Sie war mit der großen Schau „den Staat aufzubauen“
beschäftigt. Ihre Führer kooperierten und kooperieren mit dem
Absperrungsregime – d.h. mit dem Pass-System. Als VIPs ( very important
persons -sehr wichtige Personen) erfreuen sie sich auch weiterhin der
Erleichterung von Reisebedingungen. Sie steht nicht hinter der
Entscheidung einiger Dörfer, spezielle Reisepässe zu verweigern, die von
der Zivilverwaltung für Bewohner der „geschlossenen Gebiete“ zwischen
Trennungszaun und Grüner Linie ausgegeben werden.
Die Frage ist nun, wie die
palästinensische Kabinettentscheidung, der sogar die US-Agentur für
internationale Entwicklung verpflichtet ist, als Druckmittel für einen
allgemeinen - palästinensisch, israelisch und internationalen - Kampf
gegen die israelische Politik dienen kann, um das Zerstückeln des
palästinensischen Gebietes in Enklaven und eine verstümmelte
Zwei-Staatenlösung zu verhindern .