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Saddam nach Den Haag!
Uri
Avnery, 20.12.03
Das Spektakel war
ekelhaft.
„Freue dich nicht über
den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh über sein Unglück.
Der Herr könnte es sehen und Missfallen daran haben und seinen Zorn von
ihm wenden.“ So gebietet ein alter jüdischer Moralkodex (Sprüche 24,16)
Der Schreiber dieser
Warnung wusste natürlich, dass sich jeder hämisch darüber freut, wenn sein
Feind fällt. Aber er wollte darauf hinweisen, dass dies ein hässlicher
menschlicher Zug sei und man versuchen solle, ihn zu überwinden.
Und nun ist eine
mächtige Weltmacht auf dieses niedrige Niveau gefallen. Wiederholt wurde
dieses Spektakel der amerikanischen Soldaten zur Schau gestellt, wie sie
in den Haaren des erbärmlichen Saddam nach Läusen suchten und zwischen
seinen Zähnen herumstocherten.
Falls es überhaupt
möglich ist, mit einem Mann wie Saddam, der für den Tod von
Hunderttausenden verantwortlich ist, Mitleid zu wecken, dann haben die
Amerikaner dies erreicht. Indem sie ihn wie einen drogenbetäubten
Landstreicher zeigten, haben sie genau das Gegenteil von dem zustande
gebracht, was sie wollten. Der Vatikan hat um Gnade für ihn ersucht. Die
öffentliche Demütigung eines arabischen Führers – egal, wie man über ihn
denkt – weckt die tiefsten Gefühle der Beleidigung und des Zornes unter
Zehn Millionen Arabern. Diese Gefühle werden eines Tages ihren Ausdruck in
Gewalt finden. Sie werden viel, viel Blut kosten.
( Vor noch nicht
langer Zeit schrieen die Amerikaner zum Gotterbarmen, als die Iraker
einige amerikanische Gefangene zeigten. Aber es scheint in Washington DC
keine Spiegel zu geben.)
Die kindische Story
über den riesigen Erfolg der amerikanischen Armee und der Geheimdienste
ist nur lächerlich. Es ist ziemlich sicher, dass es nur die Angelegenheit
eines gut bezahlten Informanten war.
Ein geübtes Auge
konnte leicht erkennen, wie die „spontanen“ Freudenausbrüche gestellt
waren. Hier eine kleine Gruppe, die kommunistische Fahnen schwenkte, dort
ein paar Dutzend Leute, die wie Affen vor den Kameras herumsprangen –
wahrscheinlich dieselben Leute, die ein Jahr zuvor vor Saddams Kameras
tanzten. Zwei arabische „Journalisten“ produzierten bei der sorgfältig
inszenierten Pressekonferenz des amerikanischen Generals eine lärmende
Show. Nachdem Winston Churchill einen schrecklichen Krieg gewonnen hatte,
benahm er sich nicht wie George W. Bush. Nein, er ist kein Winston.
Ich habe in dieser
Kolumne seit dem Ende der „Hauptfeindseligkeiten“ nicht über den Irak
geschrieben. Ich habe mich beherrscht. Ich weiß, dass es weder nett noch
weise ist, zu sagen: „Habe ich es euch nicht gesagt?“ Aber es ist sehr
schwer, über den Irak zu schreiben, ohne diese sechs Wörter zu benützen,
da fast alle Voraussagen in dieser Kolumne vor und während des Krieges
sich erfüllt haben, eine nach der anderen. Zum Beispiel:
(Eins
)
Die Amerikaner überfielen den Irak, um dort
zu bleiben
Sie überfielen ihn
nicht wegen des „internationalen Terrors“. Auch nicht wegen der
„Massenvernichtungswaffen“ - es ist das Öl, das sie dorthin zieht.
Das Ziel der
Vereinigten Staaten war nicht, Saddam zu stürzen und nach Hause zu gehen,
sondern eine dauernde amerikanische Militärbasis in der arabischen Welt zu
schaffen, in einem Land, das die zweitgrößten ausgewiesenen Ölreserven der
Welt hat und das innerhalb der Reichweite der Ölreichtümer von Saudi
Arabien und des Kaspischen Meeres liegt.
Inzwischen ist auch
ganz klar: Saddam hatte keinerlei Verbindungen zu Osama Bin-Laden.
Die
„Massenvernichtungswaffen“ existieren nicht. Die Amerikaner haben die
Kriegsgründe nach dem Geschehen verändert. („Führe zuerst einen Krieg –
danach finde einen Grund!“) Nun soll es darum gehen, Saddam zu eliminieren
und Demokratie in den Irak zu bringen,
Gut. Saddam ist nun
zur Strecke gebracht worden – und die Amerikaner denken gar nicht daran,
sich nach Hause zu bewegen.
Die Wahlen könnten
sofort stattfinden. Aber die Amerikaner verweigern dies. Sie wollen ihre
Marionetten an Ort und Stelle halten, damit sie die Amerikaner auffordern
können, für immer zu bleiben.
Die amerikanische
Besatzung wird lange, lange dauern. Sie ist nicht Mittel zum Zweck. Sie
ist der Zweck.
(Zwei)
Saddams Sturz wird nicht das Ende des Krieges sein. Es wird der Anfang
sein
Die Voraussage hat
sich nun in extremster Weise erfüllt.
Kein Volk findet sich
mit ausländischer Besatzung ab. Besatzung erzeugt Widerstand.
Damals erinnerte ich
an unsere Erfahrungen im Süd-Libanon. Die vordringenden Israelis wurden
als Befreier willkommen geheißen; denn sie trieben die Palästinenser weg.
Ein paar Monate später wurden sie von allen Seiten beschossen; denn sie
gingen nicht nach Hause. Nach 18 Jahren und Tausend getöteten Soldaten,
setzten sie sich – „mit eingezogenem Schwanz“ im Dunkel der Nacht ab.
Die Amerikaner wollen
diese einfache Lektion nicht lernen. Sie sehen sich nicht als Besatzer
sondern als Befreier, die dem irakischen Volk Gutes tun wollen. Sie sind
davon überzeugt, dass die Irakis ihnen gegenüber dankbar sind und sie
lieben. Sie trösten sich mit einer von ihnen erfundenen Legende: es sind
nicht irakische und arabische Freiheitskämpfer, die die Besatzungsarmee
und ihre Kollaborateure angreifen, sondern die hartnäckigen Gefolgsleute
des bösen Saddam.
Aber nun ist der böse
Saddam gefangen worden, und es scheint, dass er überhaupt keine
Möglichkeit hatte, Operationen von seinem Rattenloch aus zu dirigieren.
Saddams Gefangennahme müsste das Ende der Legende der hartnäckigen
Loyalisten bringen.
Der Irak befindet sich
nun in einer klassischen Kolonialsituation. Ein ausländischer Eroberer
beraubt die einheimische Bevölkerung ihrer natürlichen Ressourcen.
Widerstandsgruppen, von einem großen Teil der Bevölkerung unterstützt,
inszenieren gewalttätige Angriffe.
Vor zweihundert Jahren
haben solche Gruppen den mächtigen Napoleon in Spanien besiegt.
Zu jener Zeit wurde
der Ausdruck „Guerilla“ ( kleiner Krieg) geprägt.
Was wird nun
geschehen? Es ist leicht voraussagbar: während man auf Operationen des
Widerstandes reagiert, wird die Besatzung immer brutaler. Das heißt auch,
dass die Unterstützung durch die Bevölkerung für die Guerillas wachsen
wird – und so weiter. Eine Gewaltspirale, die den Israelis nur allzu
bekannt ist. So geschah es im Libanon. So geschieht es nun in den
besetzten palästinensischen Gebieten.
Die öffentliche
Demütigung des besiegten Führers wird den Prozess nur beschleunigen.
(Drei)
Ein besiegter Saddam wird viel gefährlicher sein als ein siegreicher.
Nun erhebt sich die
Frage: was soll man mit dem Gefangenen tun?
Die Amerikaner sagten
schon, was sie mit ihm tun wollen: ihren irakischen Marionetten
aushändigen. So kann er im Irak verurteilt und hingerichtet werden.
Das wäre ein Fehler
erster Klasse.
Keiner würde an die
Fairness einer solchen Gerichtsverhandlung glauben. Sie kann ja gar nicht
fair sein , weil Saddam in einem fairen Prozess die öffentliche Plattform
benützen würde, um seine eigenen Anklagen vorzubringen, und so würde er
Hundert Millionen Araber und andere Muslime erreichen.
Das beste wäre, man
ließe ihn auf die Fidschi-Inseln entfliehen, wo er sein Leben ruhig zu
Ende leben könnte wie Idi Amin in Saudi Arabien. Aber George W. Bush
benötigt die weitergehende Demütigung Saddams für seine Wahlkampagne.
Der einzig vernünftige
Weg wäre jetzt, Saddam nach Den Haag zu bringen. In den Augen der Welt hat
er Anspruch auf dieselbe Behandlung wie ein anderer politischer
Massenmörder, Slobodan Milosevic. Wenn er anders behandelt wird, würde
jeder Muslim zu recht den Verdacht schöpfen, dass es eine Doppelmoral
gebe, eine für einen christlichen Europäer und eine für einen muslimischen
Araber.
Aber Bush wird so
lange nicht zufrieden sein, bis die Leiche Saddams auf einem öffentlichen
Platz Bagdads hängen wird – vielleicht auf demselben Platz, auf dem vorher
die Statue stand, die dann bei einem sorgfältig arrangierten TV-Spektakel
gestürzt wurde.
(vier)
Die
Rede darüber, die Demokratie zu bringen, ist heuchlerischer Unsinn
Um ihre Besatzung
aufrecht zu erhalten, brauchen die Amerikaner ein unterstützendes lokales
Regime. Um einen Terminus aus der Zeit des 2. Weltkrieges zu benützen: sie
brauchen Quislinge.
Als die Briten den
Irak zu ihrem Protektorat machten, krönten sie Emir Faisal, einen
Nachfahren der hashemitischen Familie aus Mekka. Um den Irak als ihr
eigenes Protektorat halten zu können, müssen die Amerikaner ihre eigenen
lokalen Agenten krönen.
Wenn wirklich
demokratische Wahlen abgehalten werden sollten, würden die amerikanischen
Agenten im Nu hinausfliegen, falls sie nicht schon vorher gelyncht worden
sind. Das ist selbstverständlich. Deshalb wird es keine demokratischen
Wahlen geben.
Allgemein gesagt:
Demokratie kann nicht einfach irgendwohin „gebracht“ werden. Sie kann
nicht in eine völlig andere Gesellschaft mit einer völlig anderen Kultur
verpflanzt werden, als ob sie ein Baum wäre. Und ein Baum braucht
fruchtbaren Boden.
Die westliche Demokratie ist im Laufe von
Jahrhunderten organisch gewachsen – aus der Dorfgemeinschaft zum
nationalen Parlament. Sie unter Zwang in die irakische Gesellschaft
einzupflanzen, die sich auf Stämme und Großfamilien ( Hamulah) und auf
verschiedene Vorstellungen und Traditionen gründet, ist ein hoffnungsloses
Unterfangen.
Was geschah der
westlichen Demokratie, als sie in Japan implantiert wurde? Die äußeren
Formen blieben intakt, die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Was
geschieht mit der westlichen Demokratie in Russland? Frag einen Russen –
und er wird in schallendes Gelächter ausbrechen.
(Fünf)
Der
Irak wird sich in seine Bestandteile auflösen
Als wir das vor einem
Jahr sagten, sah es wie wilde Spekulation aus. Heute ist es eine sichere
Wette. Nur ein brutaler Diktator wie Saddam war in der Lage, das Paket
zusammenzuhalten. Vor der 1958er-Revolution taten dies die britischen
Kolonialherren. In einer Demokratie hat dies keine Chance.
Eine einfache
Tatsache: Die Schiiten sind die Mehrheit. Sie werden regieren. Da gibt es
gar keine Chance dafür, dass sie ein liberales Regime errichten werden,
nachdem sie so lange von den Sunniten unterdrückt wurden. Es ist
unmöglich, dass die Sunniten im Zentral-Irak, die die Schiiten verachten,
ihre Übermacht akzeptieren. Es ist unmöglich, dass die Kurden im Norden,
die immer für ihre Unabhängigkeit gekämpft haben, eine arabische Regierung
akzeptieren – weder von den Schiiten noch von ihren Glaubensbrüdern, den
Sunniten. Sie akzeptieren mit Mühe ihre kurdischen Brüder.
Die Amerikaner
können das Auseinanderfallen des Irak nur durch die Aufrechterhaltung
eines offenen oder eines versteckten Besatzungsregimes verhindern. Sie
könnten auch eine künstliche Struktur, eine Scheinföderation errichten, in
der der Irak aus drei autonomen Teilen bestehen würde. Aber das würde
reine Spiegelfechterei sein.
Wenn der Irak aus
praktischen Gründen zu existieren aufhören wird, wird es in der Region ein
neues Gleichgewicht der Mächte geben. Jahrhundertelang hat der Irak als
östlicher Schutzwall der arabischen Welt gedient, ein Bollwerk gegen den
Iran – der niemals die Tage des Kyros (König von Persien, 539 v.Chr.)
vergessen hat, als es (Persien) Regionalmacht war. Der Fall dieses
Bollwerkes würde die geopolitische Situation der ganzen Region, auch
Israels, ändern.
Die Implosion des Irak
würde ein Signal für allgemeine Anarchie sein: die arabische Welt würde in
Aufruhr geraten, die islamischen Fundamentalisten würden die arabischen
Regime bedrohen, die Grenze zwischen der Türkei und dem
kurdisch-irakischen Staat würde sich aufheizen, zwischen Israel und Iran
würde sich vielleicht eine nukleare Balance des Terrors halten, die
Legende des „internationalen Terrors“ würde zur Realität werden.
Da es weder nett noch
weise ist, zu sagen: „Das habe ich euch vorausgesagt“, sage ich es nicht.
(Aus dem Englischen:
Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert) |