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Die USA und der Nahe Osten
Die selbstgestellte Irak-Falle
Undankbare Schiiten
Dr. Behrouz Khosrozadeh
Es ist nicht lange her, als Saddam Hussein mit seiner
vermeintlich eine- Million- Mann-starken- Armee das Schreckgespenst der
gesamten Region und eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellte. Damals
war er gerade aus dem Iran-Irak-Krieg (1980-88) gestärkt hervorgegangen
und hatte die Ölscheichs aus Kuwait vertrieben. Der Kuwait-Krieg (1990-91)
wies Saddam zwar in die Schranken, doch seine Armee und seine zahlreichen
Geheimdienstapparate waren stark genug, um nach wie vor jeden Widerstand
im Keim zu ersticken. Der Irak-Krieg vom vergangenen Jahr stürzte den
Diktator und seine Bande. Das ist unbestritten ein großes Verdienst der
Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten. Weitsichtige Iraker wissen
allzu genau, dass die Iraker selber diese Aufgabe auf absehbare Zeit nicht
hätten erledigen können. Unter Saddam hätte der hitzköpfige Prediger
Mogtada al-Sadr kaum ein paar Stunden einige kritische Äußerungen
überleben können, von Rebellion ganz zu schweigen. Großayatollah Ali
Sistani, der das schnelle Ende der Besatzung und sofortige Wahlen im Irak
fordert, scheint vergessen zu haben, dass seiner Zunft unter der
erbarmungslosen Schreckenherrschaft Saddams nur zwei Alternativen übrig
blieben, zu schweigen wie ein Grab oder der sichere Tod. 1980 ließ sich
der unter den schiitischen Geistlichen als weltoffener geltende
Großayatollah Mohammad Bagher al-Sadr (der Onkel von Mogtada al-Sadr) von
Khomeinis Revolution im Iran inspirieren. Saddam ahnte die Gefahr, machte
kurzen Prozess und ließ den Ayatollah samt seiner Schwester Bent al-Hoda
hinrichten. Über Jahrzehnte hinweg entwickelte sich der Baghdader Despot
zum Schrecken des schiitischen Klerus im Irak. Knapp zwanzig Jahre nach
dem Mord an Bagher al-Sadr tötete der irakische Geheimdienst 1999 auch
dessen Bruder Großayatollah Sadeq al-Sadr und zwei seiner Söhne (der Vater
und die Brüder Mogtadas). Die beiden Sadrs sind schiitische Legenden im
Irak, zu deren Ehre der Baghdader Vorort „Saddam-City“ in „Sadr-City“
umbenannt wurde. Der moderate Geisliche Ali Sistani genießt heute die
höchste Popularität und die Zeichen deuten auf eine Verlagerung des
schiitischen Zentrums vom Iran mit ca. 89% schiitischer Bevölkerung auf
den Irak mit etwa 55 bis 60% Schiiten hin. Ein Faktum, welches die Mullahs
in Teheran enorm verärgert.
Das Ganze wäre ohne den Sturz Saddam Husseins nicht
möglich gewesen und in dieser Hinsicht bleiben die Iraker - ob Schiiten,
Sunniten oder Kurden – zutiefst in der Schuld der Vereinigten Staaten.
Die Fehler beginnen
Doch die Entfernung des Diktators von der Macht war die
einzige große Tat der Amerikaner. Bereits am ersten Tag des Sieges begann
man alles falsch zu machen, was man hätte falsch machen können. Mit Gay
Garner setzte Präsident George W. Bush einen ahnungslosen pensionierten
General als Zivilverwalter ein. Dabei sollte der Irak zum Paradebeispiel
eines neuen demokratischen Nahen Osten werden. Washington korrigierte
diesen Fehler mit der Ersetzung des Generals durch Paul Bremer. Die
US-Truppen ließen das hungrige irakische Volk irakisches Staatseigentum
völlig ungehindert plündern. Die Tatsache, dass dabei nur das
Öl-Ministerium ob emsiger US-Überwachung von Plünderungen verschont blieb,
ließ für viele Beobachter und Verschwörungstheoretiker auf keine edlen und
aufrichtigen Motive des Feldzuges schließen. Der Zivilverwalter löste die
irakische Armee auf und ließ hunderttausande Armeeangehörige und ihre
Familien ohne Sold und Brot. Ein Teil dieser Arbeitslosen scharrten sich
heute um Mogtada al-Sadr. Die größte Chance, das Herz und die Gunst der
Iraker zu gewinnen, bestand in der Befriedigung der Bedürfnisse der
irakischen Bevölkerung: ausreichende Versorgung der Iraker mit
Nahrungsmitteln, Trinkwasser- und Stromversorgung, angemessene
Sicherheits- Beschäftigungs und Gesundheitskonzepte. Diese immens
wichtigen vertrauensbildenden Maßnahmen, welche am effektivsten geeignet
wären, um eine Radikalisierung der irakischen Gesellschaft zu verhindern,
wären nicht unrealisierbar gewesen. Doch die Falken im Weißen Haus um Rice,
Cheny, Rumsfeld und Wolfowitz waren so tief von ihrem Anti-Terror-Krieg
besessen, dass sie sich in Bezug auf den Irak und dem von ihnen
deklarierten neuen Nahen Osten wie Amateure der Weltpolitik verhielten.
Das politische Schicksal von Präsident Bush hängt heute stärker vom
Ausgang des Irak-Krieges ab als das politische Schicksal des Präsident
Carter 1979/80 vom Teheraner Geiseldrama. Carter scheiterte damals beim
Wiedereinzug ins Weiße Haus. Der naivste Fehler der Bush-Administration
bestand in der Annahme, von außen dem von Armut, Analphabetismus,
zwischenkonfessionellen und ethnischen Spannungen geplagten Irak
demokratische Strukturen einzuimpfen. Dabei ließ man sich von bodenlosen
Exilpolitikern wie Ahmad Chalabi verblenden. Chalabi und Co sind heute in
den Augen der Iraker liberale Kollaborateure, die die Besatzer ins Land
holten. Der radikale Demokratiefeind Moqtada al-Sadr und seine
„Mahdi-Milizen“ hingegen werden als tapfere Helden gefeiert, die mutig die
Besatzer aus dem Vaterland vertreiben. Statt den Pflichten einer
Besatzungsmacht nachzukommen und für die Ordnung und Sicherheit zu sorgen,
ließen sich die Amerikaner in Straßenschlachten mit Milizen des bis dato
farblosen 30jährigen Geistlichen locken. Moqtada al-Sadr, der bis vor
kurzem nur bei seinen Kämpfern und dank seiner karitativen Einrichtungen
in den Armenvierteln im Osten Baghdads Macht und Autorität genoss, ist
heute zu einer Widerstandsfigur aufgestiegen, um den sich gar radikale
Sunnitenkämpfer scharren.
Das Dilemma der Bush-Adminiatration
Die Wahrscheinlichkeit, dass Präsident Bush beim
Wiedereinzug ins Weiße Haus über die Irak-Falle stolpert, scheint nicht
gering zu sein. Sollten die Amerikaner Moqtada al-Sadr nachgeben, würde
die Macht und die Popularität des jungen Predigers immens steigen. Der
Irak würde dann kaum mehr regierbar sein. Würden Sadr und seine Milizen
ausgeschaltet werden, worauf der US-Oberbefehlshaber Ricardo Sanchez
insistiert, könnte sich der Widerstand auf das ganze Land ausweiten und
eine umfassende taktische Allianz zwischen radikalen Sunniten und Schiiten
verursachen. In diesem Falle dürfte der geplante Termin zur Machtübergabe
an die irakische Regierung am 30.Juni kaum realisierbar sein. Der Irak ist
schon heute trotz der militärischen Präsenz der Supermacht USA kaum
regierbar. Eine Machtübergabe an die Iraker und ein eventueller Rückzug
der Kriegskoalition könnte das Land ins Feuer eines Bürgerkrieges stürzen,
dessen Flammen sich auf die gesamte Region ausbreiten würden. Die US- und
die Weltöffentlichkeit würden zu Recht die Frage nach dem Sinn eines
Krieges stellen, der trotz eines verdienstvollen Ergebnisses (Sturz Saddam
Husseins) auf Lügen und Manipulationen aufgebaut wurde.
Wer steckt hinter Muqtada al-Sadr?
Die geplante Visumpflicht für die in den Irak reisenden
Iraner, die drastische Reduzierung des iranischen Pilgerkontingents, die
Reduzierung der Grenzübergänge von neunzehn auf nur drei - allesamt kurz
vor bzw. zu Beginn der Aufstände im Irak - sprechen eine deutliche
Sprache. Die Ausweisung des Hauptverantwortlichen der iranischen Botschaft
Hussein Kazemi Ghomi und einiger anderer iranischer Diplomaten deuten
darauf hin, dass auch für den irakischen Regierungsrat einige Spuren nach
Teheran führen. In manschen Reformkreisen Irans stellt man sich die Frage,
welche Aufgaben ein hochrangiger Planungsoffizier der iranischen
Revolutionswächter als Hauptverantwortlicher der iranischen Botschaft in
Baghdad zu tätigen vermag. Geheimdienstinformationen zufolge soll das Büro
des iranischen Revolutionsführers Seyed Ali Kahmenei beträchtliche Summen
an finanziellen Unterstützungen dem jungen Sadr und seinen Mahdi-Milizen
zufließen lassen. Nach Einschätzung des iranischen Journalisten und
Berater des Teheraner strategischen Zentrums für Nahost-Forschung
Maschaallah Schamsalwaezin läge es im Interesse der iranischen Führung,
wenn die Kämpfe und die Besatzung im Irak möglichst lange anhielten.
Sollte die Islamische Republik tatsächlich hinter den blutigen Aufständen
im Irak stehen, wäre dies ein deutliches Signal an die Adresse
Washingtons, dass das Zweistromland ohne Miteinbeziehung des Iran in die
Nahost-Pläne nicht zur Ruhe kommen würde, eine Demonstration der
Einflussmacht der Mullahs in Teheran. Möglich wäre auch ein begrenzter
US-Militärschlag gegen den Iran, um gegen Teheran ein Exempel zu
statuieren und den Iran von weiteren Anstachelungen abzuhalten.
Der Irak-Krieg wurde auf der Grundlage von
Spekulationen, Lügen und Manipulationen geplant und geführt. Er führte zu
einem Ergebnis - Saddams Sturz -, von dem die internationale Gemeinschaft
und speziell der Irak hätten nur profitieren können. Aufgrund der
eklatanten Konzeptlosigkeit im Hinblick auf eine Post-Saddam-Ära und der
Verwicklung mancher Nachbaren entwickelt sich Mesopotamien zu jenem
Brandherd auf der Erde, der den palästinensisch-israelischen Konflikt
überschattet.
Noch vermag man nicht von einem orientalischen Vietnam
für die Vereinigten Staaten zu sprechen. Die Dimensionen der Irak-Falle
und das dadurch bedingte Erstarken des internationalen Terrorismus
betrifft jedoch nicht nur Amerika, sondern auch eine Reihe anderer
Staaten: England, Italien, Spanien, Polen, Japan, Australien und einige
andere. Dies gab es im Vietnam-Krieg nicht.
Dr. Behrouz Khosrozadeh, Universität Göttingen,
11.April 2004
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