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THYLA:
Ein Leben für die Kunst - Erhard was ist die Kunst für dein Leben?
Erhard: Kunst ist wie meine Augen und Arme mit meinem Leben
untrennbar verbunden, ist ein Teil des Lebens. Künstler ist man,
kann man nicht werden. Mit meinem Studium 1964 begann ein Erwachen,
eine symbiotische Verbindung.
Das nur Konsumieren von Kunst war mir nie genug. Kunst machen war
für mich Anregung, die Erweiterung meines inneren und äußeren
Lebens. In der unvollkommenen Art, wie der Mensch so ist, heißt es
"ein kleiner Schöpfer" zu sein, versuchen zu "klären",
wiederzugeben, umzuwandeln.
Künstlerisch tätig sein war für mich der Beginn eines lustvollen,
leidvollen Seins. Im verengten Sinne der Gestaltung, war es mir
dabei immer wichtig, dies nicht nur auf die künstlerische Gestaltung
zu beschränken.
THYLA: Wie wir sehen, bist du in vielen Genres der Kunst zu
Hause. Das heißt, du benutzt ganz unterschiedliche Ausdrucksformen.
Worauf kommt es dir dabei besonders an? Was bedeutet dir dein
Ausdruck, dein Schaffen?
Erhard: Die Frage verbindet sich mit der oberen. Kunst zu
machen ist für mich ein lebenslanges sich weiterentwickeln, ein die
Umwelt und sich selber immer tiefer und neu zu erfahren, zu
erweitern. Wenn ich mich lange mit einem Gestaltungsmedium
beschäftige, kommt irgendwann eine gewisse Routine auf. Man kopiert,
wiederholt sich selber. Dann springe ich in eine andere
Ausdrucksform, die dann, vielleicht auch zeitgemäß, dem was ich
darstellen möchte mehr entspricht.
Kunst machen ist für mich immer ein bewusstes Abenteuer, in dem ich
mich mit dem Unbewussten spielend überlasse. Es ist so als wenn man
in einen Urwald geht, neues sieht, unbekanntes, ungewohntes erfährt
und verarbeitet.
Kunst zu machen ist eine andere Form der Kommunikation. Ich
erlernte meine Sprache und wichtig ist es mir dann auch etwas damit
zu sagen, zu transportieren. Vorraussetzung ist dann natürlich auch,
in den jeweiligen Ausdrucksformen ein gewisses Talent, eine Reife
und Selbstkritik zu haben.
THYLA: Erhard, deine Webseiten sind sehr umfangreich. Bevor
das Internet ein weit verbreitetes Medium wurde, hast du dich
bereits künstlerisch vielseitig erfolgreich in der Öffentlichkeit
präsentiert. Wann und wie hast du das Medium Internet für dich
entdeckt? Welchen Unterschied zwischen den bis dahin herkömmlichen
Verbreitungsformen deiner Kunst und der multimedialen Welt des Webs
konntest du feststellen?
Erhard: Seit etwa mehr als fünf Jahren bin ich im Internet,
seit etwa 14 Jahren arbeite ich mit dem Computer. Durch meine
familiäre Lage (der Beruf des Lehrers, dann 20 Jahre rund um die Uhr
Pflege eines schwerstbehinderten Kindes), konnte und wollte ich
künstlerisch meist nur regional tätig sein. In der Möglichkeit ins
Internet zu gehen, sah ich (zu Recht) einen Weg international
bekannt zu werden. So begann ich in einer einjährigen
autodidaktischen Lehrzeit meine künstlerische Homepage aufzubauen.
Da ich das, was ich mache auch intensiv betreibe, konnte ich die
meisten Suchmaschinen anregen auf mich aufmerksam zu werden und es
kamen Reaktionen aus der ganzen Welt.
Ein anderer Grund, Künstler reizte es auch immer, sich mit neuen
Medien auseinander zu setzen, sich in ihnen in ihrer eigenen Sprache
zu finden.
Mein plastisches Lieblingsmaterial war der Ton, ihn kann man bis zum
trocknen und brennen formen, kneten, beliebig verändern. So gab die
Homepage, in einer anderen Form, formal und auch inhaltlich eine
Möglichkeit hier "herumzukneten" sie wachsen zu lassen, zu
verändern, erweitern.
Meine digitalen Bildgestaltungen und auch meine Internetzeitungen
können nur virtuell wahrgenommen werden, in ihrer einmaligen, nur so
möglichen Art sind sie wiederum im Internet real. Im Internet steht
die Kunst allen jederzeit rund um die Uhr zur Verfügung. Sie ist
nicht vom Besitz, abhängig, ist ein kostenlos wahrnehmbares
Allgemeingut, ist Teil eines globalen Lebens. Der Nachteil ist, dass
durch die Übertragungsgeschwindigkeit und Bildschirmgröße die
Wirkungsweise beschränkt wird, da wird es in Zukunft sicher noch
enorm mehr Möglichkeiten geben. Meine "Internetzeitungen" können
kurzfristig und kostenlos aktualisiert und verändert werden, nur in
diesem Rahmen des Internets ist so etwas möglich. Rund um die Uhr
bieten die gesprochenen Texte die Möglichkeit einer Lesung an jedem
Ort.
Meine herkömmliche Kunst, die sich in einer realen Welt befindet,
kann im Internet nur zweidimensional in der Kopie, nur als Abbild
gesehen, nicht gefühlt werden.
Die "herkömmlichen" Arbeiten, soweit sie nicht im Besitz des
Betrachters sind, können in Ausstellungen oder bei Werkstattbesuchen
gesehen werden. Bei den Malereien und Plastiken hat man natürlich
auch nur so einen wirklichen Gesamteindruck, kann sich natürlich nur
im realen Gegenüber der Wirkung des Objekts überlassen.
THYLA: Du schreibst in deiner Vita: "[...] Ich war in meiner
Stadt jahrzehntelang die UNRUHE und habe mich in politischen,
kulturellen Bereichen und in Selbsthilfegruppen erfolgreich
engagiert. Erfolgreich im Sinne das ich etwas bewegt habe.
Erfolglos, es hat mir oft persönlich eher geschadet, da ich mich
ohne Eigennutz für andere, anderes engagiert habe, Anstoß gab,
provokativ war..." Warum benutzt du nun auch deine Webseiten, um
dich in Bereichen wie Politik, Gesellschaft und Kultur, in vielen
interaktiven Projekten (Foren, Mitschreibprojekten,
Wechselgesprächen, Kulturringen etc.) zu engagieren?
Erhard: Etwas in mir, drängte mich immer wieder dazu, die
unterschiedlichen Kunstformen in ihrer unterschiedlichen Aussagen
und Wirkungen als Transportmittel von Botschaften zu benutzen. Der
Inhalt darf dabei die Gestaltung nicht überlagern.
Viele sozialkritische Arbeiten sind dabei entstanden. Ich war nie
der Meinung, dass der Künstler nur im "Elfenbeinturm" sitzen soll.
Meine Wahrnehmungen habe ich auch im realen, für das reale Leben
eingesetzt.
Unsere Existenz ist eine Gesamtheit. Ich kann nicht Bilder gestalten
und teilnahmslos in einem ungestalteten Leben leben. Meine
Lebenserfahrung ist, auch als einzelner kann ich viel bewegen,
einiges habe ich auch, indem ich die Sprache der Kunst benutze,
bewegen können. Wir leben in einer Zeit in der die Menschen (ich,
du, wir) sich wie Schafe von nicht immer ihnen wohlgesinnten
"Hirten" führen und verführen lassen.
So wollte ich immer "anstößig" sein, Aufmerksamkeit dafür erregen
und bewegen.
Gemessen an dem, was wir Menschen sein könnten (unsere Wissenstand),
verhalten wir uns zu oft dumm, primitiv, unkultiviert, mörderisch.
Würden wir Menschen unsere Fähigkeiten richtig einsetzten, könnten
alle Menschen in relativer Ruhe und Frieden leben. All die negativen
Aggressionen, das Töten, Unterdrücken brauchte nicht zu sein. Es ist
zu oft nur der Ausdruck unserer Unfähigkeit, dass zu leben was wir
leben möchten.
THYLA: Erhard, wir lesen aus deinen Antworten, dass deine
Energie und Kreativität ungebrochen ist. Woher nimmst du die Kraft
hierzu?
Erhard: Manchmal "kämpft ein Kämpfer" bis er umfällt.
Gesundheitliche Probleme nehmen mir zunehmend die Kraft aber nicht
die Kreativität. Je mehr man wahrnimmt, umso mehr weiß man und ich
kann nicht still sein. Ich möchte auch nicht, dass es anders ist,
mein Verdrängungsmechanismus funktionierte nie so recht. Wenn
irgendwo ein Fleck ist sehe ich ihn, ich kann ihn nicht wie viele
wegdenken, übersehen.
Es ist aber auch nicht so, dass ich nur ihn sehe und die Schönheit
der Welt, des Menschen daneben nicht wahrnehme. Unsere Welt ist
für mich aber leider nicht die beste aller möglichen. Einen
Lebenssinn gibt es, daran mitzuarbeiten, sie "besser" zu machen, sie
zu bewegen, sich immer wieder zu sagen: "es lohnt sich".
Immer mehr kommt auch die Wut hinzu, die aktiv werden lässt. Zu
wissen, wie etwas sein könnte und zu erfahren, wie wenig "die
Mächtigen, die Macher, die Machthungrigen, die Gewalttätigen an
einer besseren Welt interessiert sind. Wahrzunehmen, wie willenlos
sich die Menschen auf die Schlachtbank führen lassen, sich ihr ich
dort nehmen lassen, es sich selber nehmen.
Dann ist es auch so, dass ich nun über 40 Jahre lang ein Leben leben
konnte, in dem die Freizeit und Arbeit nicht getrennt sind. Es ist
untrennbar, meist lustvoll miteinander verbunden. Es macht schlicht
Spaß, es ist eine Selbsterfüllung zu denken, kreativ zu sein, Formen
und Leben zu gestalten; Beweger zu sein. So wie das Atmen etwas
Natürliches ist, so ist es für mich das Kreativ-Tätig-Sein. Es
fordert sehr viel mehr Kraft es nicht zu sein...
Erhard, wir danken dir für das Interview und wünschen dir weiterhin
alles Gute.
Hier gelangst du zu Arendt-Art.
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