Erklärung von 565 Intellektuellen zur politischen und
wirtschaftlichen Lage im Iran
Eine vor kurzem von 565 im Iran lebenden
Intellektuellen herausgegebene Erklärung ist im Iran sowie im
iranischen Exil auf große Resonanz gestoßen. In den exiliranischen
Medien herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass diese
Erklärung als nationales Manifest die Basis für eine
parteiübergreifende Arbeit gegen die Diktatur darstellen könnte. Der
Text kritisiert zunächst die derzeitige wirtschaftliche und soziale
Krise sowie die außenpolitische Isolation des Iran und lastet dies
den Machthabern an. Im zweiten Teil wird der gegenwärtigen
Staatsführung Kompetenz und Wille abgesprochen, einen Weg aus dieser
Situation herauszufinden. Vor diesem Hintergrund fordern die
namentlich Unterzeichnenden ein Regierungssystem im Iran, das auf
der Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie der
Charta der Vereinten Nationen beruht. [1]
Wir (Memri) dokumentieren im Folgenden die
Erklärung als Übersetzung aus dem persischen Originaltext:
„Im Namen Gottes“
„Ein analytisches Manifest von Denkern und
politisch-studentischen Aktivisten des Iran“
„Liebe Landsleute,
während die selbsternannten Machthaber und ihre
Handlanger gegenwärtig darum bemüht sind, das Volk mit der Spielerei
der Präsidentschaftswahlen zu beschäftigen, befindet sich unser Land
politisch, sozial, kulturell und wirtschaftlich in einer der
krisenhaftesten Perioden seiner Geschichte. Infolge einer
Außenpolitik der iranischen Regierung, die ständig neue Spannungen
erzeugt, werden die Interessen von uns Iranern auf internationaler
Ebene von allen Seiten verletzt.
Angesichts folgender Punkte müssen wir
feststellen, dass unsere historische Identität, die territoriale
Unversehrtheit des Iran und die nationalen Interessen unseres Landes
bedroht sind:
- In letzten Tagen wurde der Plan zu einem
erweiterten Asarbaijan bekannt gegeben, der „Aran“, die
asarbaijanische Republik sowie den iranischen Asarbaijan umfasst.
- Der Ölexport aus Mittelasien und der Region des
kaspischen Meeres über den Iran wird gegenwärtig blockiert.
- Während Qatar immer mehr von den gemeinsamen
Öl- und Gasvorkommen im persischen Golfes profitiert, sinkt der
Einfluss des Iran auf die meisten Regionen des Golfes.
- Die Vereinigten Arabischen Emirate werden immer
wieder ermutigt, ihre illusorischen Ansprüche auf die drei Inseln
vorzutragen, die immer zum Iran gehören werden; und in den
internationalen Organisationen wird das unbestreitbare Recht des
Iran auf Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation bestritten.
Ebenso wird in Frage gestellt, dass der Iran den Vorsitz des OPEC
übernehmen darf.
- Airbus Flugzeuge sollen nicht an den Iran
verkauft werden.
- Auf internationaler Ebene wird ein Klima des
Misstrauens und Sensitivität über die Aneignung der Atomtechnologie
durch den Iran erzeugt.
All das sind nur einige wenige der Bereiche, in
denen unsere nationalen Interessen gegenwärtig verletzt werden.
Wem nützt diese Außenpolitik, die uns immer neue
Feinde schafft und den Import verhindert? Dabei sichert der
Technologieimport die Existenz des Landes, während mangelnde Importe
das wirtschaftliche Wachstum mindern und die weltweite Offenheit
gegenüber iranischen Erzeugnissen, iranischer Technologie und Kultur
unmöglich machen. Wer profitiert von einem Zurückbleiben von
Wirtschaft, Technologie und Wissenschaft im Iran?
Im siebenundzwanzigsten Jahr nach der Revolution
kämpft das iranische Volk [noch immer] gegen gesellschaftliche,
kulturelle und wirtschaftliche Armut, obwohl die Revolution im Namen
von Unabhängigkeit, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit stattfand.
Seit einem Vierteljahrhundert wird getan, als
gäbe es die iranische Geschichte, Moral und Kultur sowie die stolze
iranische Zivilisation und ihre ruhmreichen archäologischen
Denkmäler nicht. Ein Gros des iranischen Volkes, insbesondere die
Jugend, verliert seine Liebe und Zuneigung für das Land. Die
Jugendlichen distanzieren sich von ihrer Heimat und blicken
hoffnungslos in die Zukunft. Ein großer Teil der iranischen Jugend
leidet unter moralischem Verfall und Drogensucht. Gefangen in ihrer
Einbildung flieht die Jugend vor sich und vor den Realitäten dieser
Welt. Offen auf den Straßen ausgetragene Schlägereien werden immer
häufiger. In den Gerichten werden mehr als fünf Millionen Akten
geführt, die persönliche Konflikte zwischen Familienangehörigen oder
Freunden verfolgen. Dazu gehören sowohl Besitzklagen als auch
Kriminalprozesse. Allein in den letzten sechs Monaten wurden 146.000
Tote und Verletzte bei Straßenunfällen registriert. Im selben
Zeitraum beging in Teheran eine große Zahl von Schülern Selbstmord
und ebenso haben mehrere tausend Frauen und Jugendliche in den
Provinzen des Landes Selbstmord begangen. In den Gefängnissen werden
mehr als hunderttausend Menschen langfristig festgehalten. Mehr als
60 Prozent der Gefangenen sind drogensüchtig und leiden unter
Krankheiten. Im Iran gibt es mehr als elf Millionen Drogensüchtige
und mehrere zehntausend Menschen sind an Aids erkrankt. Die Anzahl
der obdachlosen Kindern und Erwachsenen, die in Kartons auf Straßen
schlafen, ist gewachsen und allein in den letzten Tagen sind
dutzende Obdachlose erfroren.
Der Umfang geschmuggelter Waren übersteigt
gegenwärtig die Grenze von 15 Milliarden Dollar pro Jahr. Auch die
Flucht von Finanz- und Humankapital ist ein großes Problem.
Einfünftel des Volkes ist dauerarbeitslos. So sind etwa ein Drittel
der Jugend zwischen 20-35 Jahren und insbesondere die studierten
Frauen in den Städten arbeitslos. Aus finanziellen Gründen können
viele junge Menschen nicht heiraten und bleiben ledig. Die
Landflucht hat dazu geführt, dass mindestens ein Viertel der
Landbevölkerung in die Städte ausgewandert ist. Die
gesellschaftliche Moral verfällt - auch unter den Machthabern. Die
iranische Jugend und iranische Frauen werden ins Ausland verkauft.
Diebstahl, Messerstechereien, Mord und Vergewaltigungen sind Zeichen
für Armut und soziale Ungerechtigkeit, die die Kultur in unseren
würdigen iranischen Familien bedrohen und zu einem nicht wieder gut
zu machenden gesellschaftlichen Verfall führen.
Das ehrgeizige iranische Volk, die
Kulturschaffenden, Akademiker, Ärzte, Krankenschwestern,
Unternehmer, Basaris, Bauern und Viehzüchter, Jäger und Fischer, die
Arbeiter, Industriellen und die noblen Staatsbeamten bemühen sich um
den Lebensunterhalt ihrer Familien und um die Ehre ihres Landes.
Außerdem dienten die von Gott gegebenen Ressourcen dem Land in den
letzten Jahren als gute Einnahmequellen: Die Einnahmen aus
Ölexporten und den Industrie- und landwirtschaftlichen Betrieben
überstiegen im Zeitraum seit Beginn der islamischen Revolution bis
heute die Summe von 500 Milliarden Dollar. In dieser Zeit verfügten
auch die staatlichen Wirtschaftssektoren frei über die
unentgeltlichen Energiequellen. Das reale Wirtschaftswachstum des
Iran betrug in den ganzen 18 Jahren zwischen 1979 und 1997 insgesamt
3,1 Prozent. Im gesamten Zeitraum der letzten acht Jahren wuchs die
Wirtschaft um insgesamt 5,2 Prozent. Dabei muss berücksichtigt
werden, dass sich die iranische Bevölkerung seit der Revolution mehr
als verdoppelt hat. So belief sich das Pro-Kopf-Jahreseinkommen im
Iran im Jahr 2004 nach damaligem Wechselkurs auf ca. 1677 Dollar.
Dies bedeutet, dass das Pro-Kopf-Jahreseinkommen der Iraner
gegenwärtig um 494 Dollar, d.h. 30 Prozent, geringer ausfällt als
1978.
Die Unfähigkeit
der Regierung, die Deviseneinnahmen in die produktiven Sektoren zu
reinvestieren, führte zu Arbeitsplatzmangel bei der Jugend und zu
einem geringen Lebensstandard aller Iraner. Sittenverfall und
Missbrauch staatlicher Macht durch die Stiftungen und die vom Staat
abhängigen Institutionen haben bewirkt, dass diese keine Steuern
zahlen. Der Verfall des Produktionssystems ist die Folge von
Verschwendungssucht und Schmarotzertum in der Gesellschaft. Es ist
die Folge von Trägheit und einem Klima der Verzweiflung sowie der
Unterdrückung der Freude und der Würde des Volkes. Vor diesem
Hintergrund ist die Freude an Gewinn und Effektivität der Produktion
auf ein sehr geringes Niveau gesunken.
Das durch die offiziellen Institutionen
verkündete Wirtschaftswachstum, spiegelt diese Wahrheit nur
teilweise wider. Vor allem resultiert das Wirtschaftswachstum aus
erhöhten Ölpreisen und erhöhten Öleinkommen, aus der
zweieinhalbfachen Erhöhung der Importe im Vergleich zum Jahr 1997
(mehr als 14 Milliarden Dollar), aus der Vervierfachung des
Warenschmuggels, aus den destruktiven, unproduktiv-konsumtiven und
gewinnsüchtigen Investitionen in pompöse Bauten und im Handel sowie
aus der monopolisierten Produktion, die keine Konkurrenz kennt. All
dies hat den Lebensstandard der Hälfte der Bevölkerung unter die
Armutsgrenze sinken lassen. Gleichzeitig steigt einerseits die
Inflation rapide an und wächst andererseits die hohe Konzentration
von Reichtümern, die sich im In- und Ausland in den Händen von nur 2
Prozent der Bevölkerung befinden.
Außerdem wächst
die kranke und rudimentäre staatliche Bürokratie, es wächst die
Repression der Machthaber gegen Intellektuelle, gegen
Schriftsteller, Journalisten, politische Aktivisten und die aktive
Studentenbewegung. Dabei werden diese Maßnahmen bedauerlicherweise
von der Judikative umfassend unterstützt. Vernachlässigt wird
hingegen die Gleichberechtigung aller Bürger, von Frauen und Männer.
Ein großer Teil der tüchtigen Iraner unterschiedlicher Abstammung
ist heute extrem schlecht gebildet, da sie vernachlässigt werden und
sie in ihren Regionen keine Möglichkeiten zu wirtschaftlichem
Wachstum erhalten.
Diese Menschen
haben nicht die gleichen Möglichkeiten, grundlegende Verantwortung
für die Verwaltung des Staates zu übernehmen. Aus alledem ergibt
sich, dass die nationale Solidarität und die Einheit des Landes in
Gefahr sind.
Liebe Landsleute,
unter diesen
Bedingungen kann die schlimme politische, soziale, kulturelle und
wirtschaftliche Lage des Landes unserer nationalen Unabhängigkeit
und unserer Solidarität immensen Schaden zufügen. Was also ist
unsere Pflicht? Wie kommen wir aus dieser Krise heraus? Und was kann
die Fortdauer der Existenz unserer Heimat, wodurch können Glück,
Wohlstand und Würde des Volkes garantiert werden?
Die
Unterzeichner dieser Erklärung wollen weder einen Aufstand noch
wollen sie Unruhe stiften und sie besitzen keine Waffen. Wir haben
genug Vernunft und Verstand, um beurteilen zu können, dass unter den
heute in unserem Land und der Region vorherrschenden Bedingungen
jegliche Form von Unruhe und Unsicherheit dem Volk schaden würde.
Wir verfügen auch über so viel Erfahrung, dass wir das Land nicht
erneut in ein Niemandsland führen wollen.
Wir sind
überzeugt davon, dass die Machthaber allein das Ziel verfolgen,
weiterhin die Macht zu monopolisieren, antidemokratische
Institutionen zu errichten und selbsternannte staatliche
Einrichtungen aufrechtzuerhalten, an deren Spitze der Wächterrat
steht. Zum einen nehmen sie dem Volk das Recht, sich zur Wahl zu
stellen und verhindern dadurch, dass freie Wahlen durchgeführt
werden können. Zum anderen haben sie das Prinzip von der Herrschaft
der Kompetenten abgeschafft und die Zügel der Gesellschaft denen in
die Hand gelegt, die weder über wissenschaftliche Kompetenz und
Erfahrung noch über gesellschaftliches Verantwortungsgefühl und ein
effektives Management verfügen. Diese Herrschaftsform hat in allen
Angelegenheiten der Staatsführung Unglück gebracht und die gesamte
Gesellschaft ist auf diese Weise in eine Sackgasse geraten.
Regierung und Staat sind unfähig, Wege zur Lösung dieser Probleme zu
finden.
Wir sind
überzeugt davon, dass die selbsternannte Herrschaft nicht in der
Lage ist, die nationalen und existentiellen Interessen des Landes zu
erkennen und gegenüber dem Ausland zu verteidigen. Ebenso unfähig
ist sie, die inneren Probleme zu lösen und den Staat zu führen.
In Anbetracht der genannten Unzulänglichkeiten
und Unfähigkeiten der Herrschaft und der Tatsache, dass die Mehrheit
der iranischen Bevölkerung an den zweiten Kommunalwahlen und an den
Wahlen des siebten Majless nicht teilgenommen hat,
und in
Anbetracht der Tatsache, dass das Volk gegenwärtig dahin tendiert,
an den kommenden Präsidentschaftswahlen nicht teilzunehmen -
betrachten wir es als erwiesen, dass wir nicht mehr auf dem
herkömmlichen Weg zu Volksherrschaft, Demokratie, Herrschaft des
Gesetzes, nationaler Herrschaft, freien Wahlen und Trennung der drei
staatlichen Gewalten und einer wahren Republik gelangen können. Die
achtjährige Erfahrung nach 1997 hat gezeigt, dass auf diesem Wege
die vom Volk gewünschten Reformen nicht durchgesetzt werden können.
Selbst wenn der beste Fall eintreten sollte und das Volk tatsächlich
über Meinungsfreiheit verfügen würde und Millionen Menschen ihre
Stimme für ihren Präsidenten abgeben dürften, ja sogar ein Majless
gewählt werden würde, das die Zustimmung des Präsidenten genießt,
selbst dann würde dieser Präsident immer noch auf die Ebene eines
Versorgungschefs für die Machtzentren und nicht-wählbaren
Institutionen absinken.
Wir Unterzeichner gehen also davon aus, dass der
einzige sichere und endgültige Weg darin besteht, uns für den
Volkswillen zu entscheiden. Wir fordern, dass – wie in allen
progressiven Staaten der Welt und unter Verzicht auf die Umsetzung
der die Interessen des Volkes nicht verteidigenden Staatsverfassung
[der Islamischen Republik Iran] – die Machtstruktur der Herrschaft,
die Verwaltung des Staates sowie die internationalen Beziehungen auf
der Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der
Zusatzprotokolle und der Charta der Vereinten Nationen sowie unter
Berücksichtigung des Schutzes der nationalen Interessen konzipiert
werden. Wenn auf der Grundlage dieser Prinzipien eine
Volksherrschaft errichtet wird, können bei den Wahlen kompetente
Menschen gewählt werden und der allgemeine Dienst am Volk kann zur
Maxime werden. In diesem Fall kann ein erfolgreiches und aktives
Wirtschaftssystem auf der Grundlage von sozialer Gerechtigkeit und
nachhaltiger Entwicklung geschaffen werden. So kann unsere Heimat
und unser Volk aus der gegenwärtig gefährlichen und krisenhaften
Lage gestärkt heraus kommen, in Glück, Wohlstand und gewachsener
Würde leben und sich dabei seiner historischen Mission bewusst
werden und gemeinsam mit anderen Völkern leben.
Es besteht die
Hoffnung, dass all die, die vor dem Hintergrund der gegenwärtigen
sensiblen und krisenhaften Bedingungen für Freiheit und
Unabhängigkeit unseres Landes kämpfen, ihre Bemühungen darauf
konzentrieren, eine Basis nationaler Solidarität zu schaffen, welche
die allgemeine Sicherheit der Bürger ebenso umfassend garantiert wie
Freiheit und Gerechtigkeit.
Die [in dieser
Erklärung] zitierten Statistiken und Quellen stammen aus offiziellen
Berichten, wie dem „ Bericht über die Bilanz von 25 Jahren
Herrschaft der Islamischen Republik Iran“, der von der Organisation
für Management und Planung verfasst worden ist, sowie dem „Bericht
über Wirtschaft und Bilanzen“ der iranischen Zentralbank. Zudem
wurden Textbeiträge über „Armut in Iran“ und „soziale Probleme“ aus
Zeitungen wie Etelaat, Jame Jam, Khorassan, der ´Monatszeitschrift
der iranischen Wirtschaft´ und anderen Zeitungen verwendet.“
[1] Die Namen der Unterzeichnenden sind dem
Originaltext angefügt (s.
http://www.iranvajahan.net/cgi-bin/news.pl?l=fa&y=1383&m=12&d=13&a=2
). Kritisiert
wurde die Erklärung dafür, dass es sich bei ihren
Unterzeichnern ausschließlich um Männer handelt ( s. dazu: Deutsche
Welle:
http://www2.dw-world.de/persian/avwindow/custom.audio/23746.html
).
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